"Borderline"
Doris Janisch

Borderline KAPITEL 1   Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer sein würde. Ich war mir so sicher gewesen, dass ich eine Pause brauchte. Ich war mir immer noch sicher. Doch was hatte den brennenden Schmerz in mir verursacht? Die Enttäuschung in ihrer Stimme, die Qualen und Widersprüche die mir ihre Augen verrieten. Liebte ich sie noch immer, dass es mich traf mitten ins Herz traf, wie ein brennender Pfeil? Nein. Nein. NEIN! Das war es mit Sicherheit nicht. Wahrscheinlich brauchte ich nur ein wenig Zeit, diese Umstellung zu akzeptieren. Schließlich war sie mehr als ein Jahr mein Ein und Alles gewesen und gleichzeitig auch dazu eine sehr gute Freundin, die mir immer zur Seite gestanden hatte. Genau – das war es! Ich vermisste sie als Freundin. Logisch. Ich erinnerte mich noch an viele tolle, gemeinsame Sachen. Ich konnte mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Zuerst erkannte ich das Riesenrad wieder, inmitten von anderen, kleineren Attraktionen wie Achterbahnen, Bierzelten und diversen Vergnügungsmöglichkeiten. Von überall her hatte es geglitzert, geblendet und gelärmt und doch hatte damals nur eine einzige Sache eine Bedeutung – Verena. Ich hatte mich mit Freunden verabredet und einer von ihnen hatte Verena mitgebracht und sie als seine 16-jährige Cousine vorgestellt. Und da stand sie – blond, blauäugig, strahlend, selbstbewusst, hübsch, dünn, Einfach umwerfend. Der Hammer. Ich war vom ersten Augenblick hin und weg und so erging es – wie ich später erfahren hatte – auch ihr. Welch glücklicher Zufall. Und ich hatte das alles zerstört und es auch noch so gewollt. Danach fiel mir der Tag am Fluss ein: ich erinnere mich noch an alles, wirklich alles. Wir hatten uns vor ihrem Haus getroffen und gingen dann zu dem Fluss in der Nähe ihres Hauses. Wir erzählten uns von unserem Tag und nachdem ich eine freche Bemerkung über ihre Katze gemacht hatte, war sie zum Wasser gelaufen und hatte mich angespritzt. Ich hatte gerufen: „Das hätte ich an deiner Stelle nicht gemacht!“ und am Ende waren wir beide total nass gewesen, hatten uns lachend umarmt und plötzlich – ich weiß nicht warum genau in diesem Augenblick – hatte ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und sie geküsst. Es war einfach perfekt gewesen. Sie hatte mich gefragt: „Und was hat das jetzt zu bedeuten?“ „Ich weiß nicht. Was willst du denn, dass es bedeutet?“, hatte ich geantwortet. Verena hatte süß gelächelt und charmant gesagt: „Das muss ich mir überlegen. Vielleicht hilft mir noch ein Kuss, um meine Entscheidung leichter zu machen.“ Ich hatte gelacht: „Dein Wunsch sei mir Befehl!“ und hatte sie noch mal und noch mal und so oft geküsst bis es dunkel geworden war, Verena gelächelt hatte, „ruf mich an!“ gesagt hatte, sich umgedreht hatte und gegangen war. Ich war grinsend heimgelaufen. Die Vergangenheit machte mich traurig. Schade, um unsere Beziehung aber auch schade, dass Liebe nie ewig hielt. Oder nur in den seltensten Fällen. „Ich werde jetzt nicht sensibel! Ich bin doch kein Mädchen!“, sagte ich laut, um die traurige Stille in meinem Zimmer zu brechen. Plötzlich vermisste ich sie. Aber nein, so durfte es nicht sein, so war es nicht! Es war aus! Vorbei! Vergangen! Geschichte! – keinen Gedanken mehr wert.   KAPITEL 2   Nächster Tag – Montag   Als ich aufwachte, rief ich Verena an und hoffte, dass sie abhob – doch meine Hoffnungen wurden enttäuscht. Also ging ich in die Schule und die Stunden zogen sich, besonders die letzteren. In Mathematik, dem letzten Fach, wäre ich vor lauter Ungeduld beinahe aufgestanden und hinausgerannt – doch nur beinahe. Als es dann – endlich –  klingelte, kam Thomas, mein bester Freund auf mich zu und fragte: „Das mit heute steht doch noch, oder?“ Da fiel es mir wieder ein: Thomas und ich hatten uns ausgemacht uns heute zu treffen. Etwas unsicher antwortete ich: „Klar doch!“ Mit einem breiten Grinsen sagte er: „Da muss ich dir nämlich auch noch von Lara erzählen.“ „Wer ist Lara?“ „Das wirst du schon noch erfahren.“ „Jetzt machst du mir Angst!“ „Gut so. Ich muss jetzt los, sonst verpasse ich meinen Bus! Bis später.“ Und damit verschwand er und ließ mich absolut planlos zurück. Verwirrt ging ich heim und bald schon stand ich vor meinem Haus. Mir gefiel unser kleines Haus sehr gut. Es stand zwar am Stadtrand und es gab keine direkten Nachbarn, dafür war es aber sehr schön und gemütlich. Die Außenfarbe war in einem schlichten weiß gehalten, das Dach, die Tür und die Fenster waren braun oder hatten braune Umrandungen und gaben dem Haus einen „alten Bauernhaus-Touch“. Innen angelegt wirkte es aber alles andere als altmodisch. Auf der rechten Seite konnte man durch eine Glastüre ins Ess- und Wohnzimmer kommen. Vom Esszimmer gelangte man dann durch einen weißen Bogen weiter in die Küche. Auf der linken Seite sah man eine Wendeltreppe aus hellem Eisen, die in das obere Stockwerk, wo sich die beiden Schlafzimmer, ein Bad, eine Toilette und ein großes Arbeitszimmer befanden, führte. Die Wände waren großteils weiß mit ein paar Ausnahmen. Ich ging direkt in mein Zimmer und versuchte mich für die Englisch-Hausübung zu motivieren, denn ich wollte sie noch schnell machen bevor Thomas kam, außerdem konnte ich jede Ablenkung von Gedanken an Verena gebrauchen, die ich kriegen konnte. Nachdem ich das gemacht hatte, klingelte es auch schon an der Tür. Ich rannte die Stiege hinab, öffnete und ging mit ihm wieder hoch in mein Zimmer. „Was gibt’s Neues?“, fragte er und versuchte nebensächlich zu klingen, schaffte es aber nicht. „Ach, nichts Besonderes.“, sagte ich und wusste, dass er wollte dass ich ihn frage, was es bei ihm Neues gibt, doch das gönnte ich ihm nicht. „Genug mit dem Smalltalk! Kennst du Lara Graber?“ „Hab’ ich dir doch schon gesagt! Nein, ich kenne keine Lara und auch keine Lara Graber.“ „Sie hat blonde Haare, ist dünn und groß. Die hat Modelmaße und ist echt scharf, wenn du verstehst was ich meine.“ Er zwinkerte und ich seufzte – langsam nervte er. „Und was ist mit ihr?“ „Lara mag dich, habe ich gehört! Ist das nicht cool?“ Sarkastisch sagte ich: „Sehr toll, ich sterbe gleich vor lauter Freude und Aufregung.““Du bist nur so, weil du sie noch nicht gesehen hast. Ich sag’s dir, die ist ein Prachtstück. Wenn ich du wäre, würde ich mit der sofort etwas anfangen.“ Er zwinkerte schon wieder. Manchmal konnte ich ihn wirklich hassen. „Na ja.“ „Ich habe ihr zur Sicherheit deine Telefonnummer gegeben…“ „Du bist ja echt unglaublich! Könntest du mich vielleicht vorher fragen, bevor du jemandem meine Nummer gibst?“, sagte ich gereizt. „Okay. Ich hab’s schon kapiert, nicht gleich wütend werden! Ist ja nur die Handynummer, beruhige dich!“ Skeptisch verzog ich mein Gesicht und setzte mich auf mein Bett. „Bist du jetzt böse auf mich?“ Ich überlegte. Warum sollte ich eigentlich nicht diese Lara kennen lernen? Offiziell war ich ja über Verena hinweg und eine Art Ablenkungen konnte ja nicht schaden oder? Außerdem, nur weil sie jetzt meine Nummer hat, heißt das ja nicht gleich, dass ich sie mögen oder kennen lernen musste. Wenn es passt, dann passt es und wenn nicht, dann eben nicht. Ungezwungen und leicht. „Nein, eigentlich gar nicht. Trotzdem: nächstes Mal fragen, okay?“ „Einverstanden, ist klar.“ Wie ausgemacht, klingelte plötzlich mein Telefon – ich hatte eine SMS erhalten. Ich sah nach, wer sie mir geschrieben hatte: Unbekannte Nummer. Ich öffnete die Nachricht und las:   Hallo :) Wie geht’s dir? Liebe Grüße, Lara   Klar, Lara. Welch Zufall aber auch. Sollte ich zurück schreiben? Irgendwie hatte ich schon Lust. Ich warf  Thomas einen prüfenden Blick zu – er nickte heftig - und schrieb dann:   Hallo Lara. Ich hab’ schon auf deine SMS gewartet, Thomas hat mir schon von dir erzählt. Mir geht’s gut, danke. Und dir? Liebe Grüße, Lukas.   Thomas sagte: „Ich glaube, du bist nun beschäftigt genug. Ich werde jetzt gehen. Tschüss.“ „Du kannst aber noch gerne bleiben, ich kann auch mein Handy ignorieren!“ Plötzlich klingelte mein Handy wieder – noch eine SMS. „Nein, das geht schon in Ordnung. Bis später.“, sagte er, grinste und schon war er weg. Ich öffnete die eben erhaltene Nachricht von Lara:   Was hat er denn von mir erzählt? Wie ist dein Tag bis jetzt so? Lara   Ich schrieb:   Ach, nur dass du meine Nummer hast und ich dir zurück schreiben sollte. Es ist nichts Besonderes passiert heute und das bleibt auch so, glaube ich. Deiner? Lukas   So ging es den ganzen Abend weiter und allmählich machte es mir Spaß, was mich sehr wunderte, doch auf einmal bekam ich eine andere Nachricht von einer anderen Person: Verena schrieb:   Wer ist diese Lara? Magst du sie? Woher kennst du sie? Erzähl mir alles!   Mein Herz klopfte heftiger. Warum hatte sie mir geschrieben? Aus Eifersucht oder aus Wut? Aus Neugier oder Langeweile? Alles zusammen? Was sollte ich zurück schreiben? Nichts? Sollte ich ihr alles verraten, weil sie ja eine gute Freundin war? Ich entschied mich objektiv zu schreiben und auf den Boden der Tatsachen zu bleiben. Meine Antwort:   Lara ist eine mittlerweile eine Freundin von mir, ich kenne sie von Thomas. Sie ist nett, mal sehen ob daraus mehr wird ;) „Alles“ gibt es nicht. Ich kenne sie erst seit heute. Was hättest du dir denn unter „alles“ vorgestellt?   Ich blieb noch eine Weile – bis 11 – auf und sagte dann Lara gute Nacht. Von Verena kam nichts mehr.   KAPITEL 3   1 Woche und 3 Tage später   Guten Morgen, Laralein. Wie geht’s dir denn so? Kino gestern mit dir war toll! Wollen wir wieder einmal etwas miteinander machen? Thomas hatte Recht, du hast wirklich Modelmaße – hast du schon einmal über die Karriere nachgedacht?   Hallo Luki. Bin gut drauf, gestern war’s sehr lustig :) Nein, mit DIR will ich doch nichts zu tun haben – Scherz. Hast du morgen Zeit? Lust mit deinem Laralein auf einen Kaffee zu gehen? Schon, aber dafür bin ich, glaube ich nicht sehr talentiert – habe wenig Disziplin und hübsch oder dünn finde ich mich auch nicht.   Gerne, morgen um 14 Uhr? Du findest dich nicht hübsch und dünn? Hast du dir den Kopf gestoßen oder warum kommst du auf so  einen Gedanken?   Okay. Du machst mich ja noch verlegen, lieb von dir :)   Perfekt, bis morgen dann. Ich treffe mich jetzt mit Thomas.   Okay. Richte ihm schöne Grüße von mir aus.   Ich stopfte mein Handy in meine Hosentasche, öffnete die Haustüre und ging los. Thomas und ich trafen uns heute bei ihm, wo wir ein bisschen reden und Computer spielen wollten. Eine Zeit lang ging ich einen Fluss entlang auf dem ein paar verliebte Pärchen auf Bänken saßen und sich verliebt in die Augen schauten und da war mein erster Gedanke – Lara. Mittlerweile mochte ich sie wirklich sehr und konnte mir irgendwie etwas Ernstes mit ihr vorstellen. Mein nächster Gedanke jedoch – Verena. Dank meiner weiblichen Ablenkung dachte ich nicht  mehr sehr oft an sie. Obwohl, manchmal vermisste ich sie schon ein wenig. Irgendwie freute ich mich schon auf  Thomas, endlich konnte ich ihn einmal unterhalten mit Lara-Geschichten. 2 Minuten später war ich auch schon angekommen. Er sperrte die Tür auf und stürmte mir entgegen. „Was sagst du zu Lara?“ Ich grinste. „Ich weiß nicht...“ Mein Grinsen wurde breiter. „Jetzt sag schon!“, sagte er ungeduldig. „Ach, weißt du, ganz nett…“ Thomas drehte sich um und knallte die Tür zu. „Okay, ich erzähl dir alles, aber sei nicht böse, lass mich bitte hinein!“, rief ich. Zögernd machte er die Tür auf. „Ehrlich?“ „Ja! Wir schreiben seit mehr als einer Woche täglich, das hab’ ich dir schon erzählt, ich weiß. Gestern hab’ ich sie getroffen…“ Ich wartete ab. Thomas riss die Tür auf und zog mich herein. „WIE WAR ES?“ „Es war ziemlich cool. Sie ist echt süß. Danke, dass du ihr meine Handynummer gegeben hast!““Ich freue mich so für dich. Jetzt vergisst du endlich…“ „Du hast gemerkt, dass ich sie vermisse? Wie … ?!“ „Du bist mein bester Freund, ich merke das an deinem Verhalten.“ Ich verstummte. Ich war gerade sehr dankbar, dass ich ihn als besten Freund hatte. „Danke, Kumpel.“ Einige Sekunden peinliche Stille folgten, die Thomas aber bald unterbrach: „Wann triffst du Lara wieder?“ „Morgen.“ „Oh mein Gott! Nachher kommst du zu mir und erzählst mir ALLES!“ Warum wollte eigentlich jeder immer „alles“ wissen? „Okay.“ Der restliche Nachmittag verlief nett und halbwegs normal. Abends schrieb ich Lara wieder:   Guten Abend, Lara. Wie war dein Tag? Steht das morgen jetzt fest? Hab dich lieb, Lukas.   Luki :) Langweilig ohne dich. Deiner? Denke schon, außer du willst nicht… Hab dich lieb.   Normal. Hab’ Thomas getroffen. War cool. Klar, immer gerne ;) Hab dich lieb.   Ich schickte die SMS und ging ins Bett. Ich wollte eigentlich noch die Antwort abwarten, doch kurz nachher war ich eingeschlafen. Ich träumte von Lara, die in einem Café saß und auf mich wartete.   KAPITEL 4   Nächster Tag - 09:14   Mist! Heute war Freitag! Ich sollte längst in der Schule sein! Warum hatte ich verschlafen? Ich sprang auf und ging ins Bad, duschte und putzte mir die Zähne, rannte dann zurück in mein Zimmer, zog mir das Nächstbeste an, schnappte mir die Schultasche und lief zur Schule. Keuchend kam ich an, entschuldigte mich beim Lehrer, setzte mich und versuchte mich ein bisschen zu entspannen. Da Geschichte sehr langweilig war, war ich bald nicht mehr bei der Sache und dachte über andere Dinge nach. Was mir Lara wohl gestern zurück geschrieben hat? Ich suchte mein Handy, fand es jedoch nicht. Oh nein, hatte ich das bei all der Hektik zu Hause vergessen? Mist. Heute war echt nicht mein Tag! Aber heute würde ich sie ohnehin wieder treffen. Nach der Schule ging ich rasch heim, zog mir etwas Besseres an und ging Richtung Café. „Vielleicht würde ich heute Lara küssen.“, dachte ich auf den Weg, aber meine Phantasien hatten bald ein Ende, da ich beim Café angelangt war. Ich setzte mich, ein bisschen zu früh, zu einem Zweier-Tisch in einer Ecke, dass wir in Ruhe reden konnten. Als ich mich setzte kam schon die Bedienung und fragte ob ich schon bestellen wolle. Ich verneinte, denn ich wollte noch auf Lara warten. Plötzlich war ich aufgeregt, sehr sogar. Sah ich gut aus? Mag sie mich? Würde sie mich küssen wollen oder besser gesagt, will sie mich küssen? War es zu früh für eine neue Freundin? Wie ging es eigentlich Verena? Mich wundert es, dass ich sie nicht vermisste und nicht wissen wollte, was sie so erlebt, aber ich hatte ja kaum Zeit nachzudenken, da ich ja mit der Schule, Thomas und Lara genug zu tun hatte. Am Anfang hatte ich mich nämlich ziemlich schuldig gefühlt, weil sie ja so sensibel und verletzlich gewesen ist. Vermutlich ging es ihr ohnehin gut und ich machte mir zu viele Gedanken. Und auch meine restlichen Gedanken waren dumme gewesen. Wo war meine Selbstsicherheit geblieben? Und warum sollte sie mich auch nicht küssen wollen? Ich schaute auf die Uhr und bemerkte, dass es bereits fünf Minuten nach zwei Uhr war. Ach, jeder kommt doch einmal zu spät. Ich sah auf mein Handy – nichts. Auch gestern hatte sie mir nicht geschrieben. Egal, vielleicht hat sie ihr Handy verlegt oder sie hat schon zu viele SMS geschrieben. Nach fünfzehn Minuten war sie noch immer nicht erschienen. Ich schrieb ihr eine SMS:   Lara? Warum kommst du nicht? Hast du mich vergessen? :( Lukas.   Dreißig Minuten später ging ich frustriert nach Hause. Warum hatte sie mir nicht zurück geschrieben und mich versetzt? Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich war verunsichert und Plötzlich bekam ich eine Nachricht auf dem Handy:   Komm zu mir. Ich muss dir etwas erklären. Helgenbachstraße 9. Lara.   Da war ich ja gespannt, was sie mir zu sagen hatte.   Bin gleich da. Lukas.   Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl, als ich 5 Minuten später in die Helgenbachstraße einbog. Ich kam an der Nummer 9 an und stellte fest, dass ihre Eltern relativ wohlhabend sein mussten, da das Haus sehr schön war. An der Haustür klebte ein Zettel:   Lieber Lukas, komm rein, die Tür ist offen. Ich möchte, dass du etwas über mich erfährst…   Mir jagte ein kalter Schauder über den Rücken. Das war gruselig, trotzdem war ich neugierig. Ich riss den Zettel von der Tür, trat ein und kam in eine kleine Eingangshalle, wo man sich normalerweise die Jacke und die Schuhe auszog. An der Tür, die hinausführte, klebte ein anderer Zettel:   Ich möchte, dass du einiges aus meiner Kindheit erfährst. Ich wurde 6 Jahre lang (es fing an mit 5 Jahren) von meinem Vater sexuell missbraucht. Das führte zu meiner jetzigen Krankheit – Borderline – auch genannt „Die Angst verlassen zu werden“. Ich habe nur eine leichte Form davon, da ich früh und gut behandelt wurde. Im Internet wird es so beschrieben: Diese Angst ist für die Betroffenen (aber auch die Umwelt) ohne erkennbare äußere Ursache. Häufig ist auch gerade das Verlassenwerden von einer nahestehenden Person besonders schrecklich für sie. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen zwischenmenschlichen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen mit Suiziddrohungen/Suizidversuchen oder selbstschädigenden Handlungen führen. Kannst du dich noch erinnern, wie du mich versetzt hast? Ich habe damals Panik gehabt, ich würde wieder verlassen werden und habe dich ins Gesicht geschlagen. Es tut mir leid. Jetzt weißt du ja den Grund. Auch meine Stimmungsschwankungen und meine Selbstunsicherheit und vielleicht andere Ereignisse werden sich nun für dich erklären. Falls es dich interessiert: Meine Mutter hat es herausgefunden – 6 Jahre zu spät – und hat sich von meinem Vater scheiden lassen. Und als du dich dann von mir getrennt hast, ist meine kleine sorgfältig erbaute Welt eingebrochen. Sicher, ich kann dir nicht die Schuld für meine Krankheit geben, aber dich hat es doch nie interessiert wie’s mir dabei geht, du hast mich nicht gefragt ob ich schon ohne dich leben kann. Wärst du wenigstens als Freund für mich da gewesen! Ich bin enttäuscht von dir… Ich dachte, du wärst zu traurig, um mit mir zu reden oder mich zu sehen. Aber dann erfahre ich von ihr und ich sterbe innerlich. Das hat mir zwei weitere Therapiestunden eingebracht. Nun bitte, geh weiter durch diese Tür.   Ich war zu schockiert, um irgendetwas zu denken und öffnete ohne Nachdenken die Tür. Was ich dahinter entdeckte verfolgt mich bis jetzt noch in meinen Träumen: Lara – blutig und regungslos lag sie am Boden.   KAPITEL 5   2 Stunden später   „Okay, danke Lukas, du kannst jetzt heim gehen“, sagte der Polizist. Ich nickte und meine Füße bewegten sich ohne jeglichen Widerstand. Ich wollte einfach nur weg von hier. Weg von der toten Lara. Weg von dem Mord. Weg von meiner Schuld. Weg von allem. Ich steckte meine Hände in meine Hosentaschen. In der linken spürte ich die zwei kleinen Zettelchen. Ich zog sofort meine Hände zurück und verschränkte meine Arme. Als ob diese Zettel bösartig wären. Als ob diese zwei Stück wertloses Papier Lara umgebracht hätten… Meine Füße wurden schneller und schneller und auf einmal bemerkte ich, dass ich rannte. Zehn Meter vor der Haustüre blieb ich stehen. Was wollte ich daheim? Hier gab es zu viele Erinnerungen. Also entschied ich mich zu Thomas zu gehen. Ich musste es jemanden erzählen und wer wäre da besser geeignet als mein bester Freund? Ich rief ihn mit dem Handy an, ob ich vorbeikommen könne und ein paar Minuten später saß ich in seinem Zimmer und redete mir alles von der Seele. Als ich fertig war, schwiegen wir für ein paar Sekunden, dann sagte Thomas: „Hast du eigentlich keine Angst?“ „Angst vor was?“ „Verena hat Lara umgebracht aus Rache, sie hat gemordet. GEMORDET! Was, wenn sie sich als Nächstes an dir selbst rächen möchte?“ Die Erkenntnis traf mich hart. Ich bekam Angst. Was, wenn er Recht hatte. War ich als nächster dran? Kannte ihre Sucht nach Rache irgendwelche Grenzen? Was konnte ich tun, um mich zu schützen? Woher bekam ich Hilfe? Wem sollte ich davon erzählen? Ich fing an zu zittern. „Lukas! Beruhig dich!“, rief Thomas. „Es tut mir leid, dass ich dir Angst gemacht habe.“ „Ist schon okay, du hast ja Recht, aber sie werden Verena finden und einsperren und dann wird sie hoffentlich wieder normal. Thomas, ich habe solche Schuldgefühle!“ „Hast du eigentlich der Polizei gesagt, dass Verena Lara getötet hat? Hättest du erahnen können, was Verena tut? Du hast nur Schluss gemacht!“ „Nein, habe ich nicht, ich hab es im Schock vergessen. Stimmt, du hat schon wieder Recht. Ich glaube, ich muss jetzt mal heim. Meine Mutter wird sich schon Sorgen machen. Danke Thomas, für alles.“, sagte ich. „Schon okay. Mach dir nicht zu viele Gedanken und pass auf dich auf!“ „Einverstanden. Danke noch mal!“ „Dafür bin ich ja da.“, seufzte er.   Ich ging heim und schloss mich den restlichen Abend in mein Zimmer ein.   KAPITEL 6   3 Wochen später   Alles ist wieder zur Normalität zurückgekehrt. Die ersten Tage hatte ich Albträume von toten Laras und rachsüchtigen Verenas gehabt, aber mittlerweile wurden diese Albträume weniger. Ich vermisste Lara manchmal, aber dann sah ich die schrecklichen Bilder wieder in Gedanken und schon versuchte ich mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich hatte ein entspanntes Wochenende hinter mir und freute mich heute sogar schon auf die Schule, da ich mit Thomas und ein paar anderen Leuten aus meiner Klasse über den Film der am Samstag im Fernsehen war, reden wollte. Als ich dann in das Klassenzimmer kam, war Thomas’ Platz leer. Zuerst hatte ich mir gedacht, er würde wieder zu spät kommen, doch da er sich den ganzen Vormittag nicht blicken ließ, wunderte ich mich. Beim Heimgehen dachte ich über Verena nach. Wusste die Polizei schon, dass Verena Lara getötet hat? Sollte ich es doch noch der Polizei erzählen? Wo war sie? Aber egal, ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben müssen und sie sollte mir egal sein. Da ich gerade am Fluss entlang ging, setzte ich mich auf meine Lieblingsbank, um mich zu beruhigen – dort saß ich immer wenn ich Stress hatte. Als ich mich niedersetzte, holte ich mein Handy aus meiner Hosentasche und wählte Thomas Nummer. Plötzlich hörte ich ganz in der Nähe Musik – das Lied, das Thomas als Klingelton hatte. Ich schaute mich um und in circa fünf Meter Entfernung sah ich ein Handy im Gras liegen. Ich hob es auf und erschrak – das Handy, das ich in der Hand hielt, war das Selbe das Thomas auch hatte. Auf dem Handybildschirm klebte ein Zettel, auf dem stand:   Ist Wasser nicht wunderschön? Es scheint ruhig und friedlich, ist aber immer in Bewegung. Es hat etwas Geheimnisvolles, das aber auch durchschaut werden kann. Findest du nicht auch? Hier hatten wir früher viel Spaß, kannst du dich noch erinnern?   Wie automatisch ging ich näher zum Fluss und sah hinein. Was will mir der Zettel damit sagen? Wer hat ihn geschrieben und warum? Verena? Und was hatte Thomas` Handy damit zu tun? Als ich gerade wieder wegschauen wollte, sah ich etwas Komisches im Fluss – etwas Handähnliches. Ich bückte mich um es genauer zu sehen. Ich drehte mich um und rannte - so schnell wie noch nie – zu Thomas` Haus. Ich läutete Sturm bis mir seine Mutter verärgert öffnete. „WO IST THOMAS?“, schrie ich während ich die Treppe hoch lief – immer 2 Stufen auf einmal. – und dann in sein Zimmer stürmte. Ich blickte mich um, hier war niemand. „Äh, ich weiß nicht, ich dachte er ist vielleicht mit dir unterwegs. Was ist denn los, Lukas?“, sagte sie nervös. „KOMMEN SIE MIT!“, schrie ich hysterisch und zog sie – obwohl sie sich anfangs ein wenig sträubte – am Arm zum Fluss. Dort angekommen zeigte ich auf den Platz im Wasser vor meiner Lieblingsbank. Als sie bemerkte, was ich meinte, brach sie zusammen. Zuerst stand ich nur steif da, doch dann überwand ich die Angst, zog meinen besten wahrscheinlich toten Freund aus dem Wasser, warf seiner Mutter mein Handy zu, rief: „Rufen Sie die Rettung an!“, überprüfte ob er atmete, versuchte mich an den Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern und machte dann eine Herzmassage. Das einzige, was ich in dem Moment spürte, war die Panik. „Komm schon, Thomas!“, dachte ich.   KAPITEL 7   16 Stunden später   Auf jedem Friedhof wäre die Stimmung besser, als die in der Krankenhausambulanz, wobei ich zugeben musste, dass mir auch nicht nach Feiern zumute war. Immer wieder betete ich zu Gott, Thomas möge überlegen. Stundenlang saß ich einfach nur da und starrte ins Leere. Ich war die ganze Nacht im Krankenhaus geblieben, obwohl meiner Mutter das anfangs nicht sehr recht war, doch ich setzte mich mit wenigen Worten durch – ich glaube der Ausdruck in meinem Gesicht allein genügte, um zu zeigen, dass ich sowieso nicht hätte schlafen können, auch nicht daheim. Nun war es schon nach sieben Uhr morgens und ich sollte eigentlich zur Schule gehen, doch auch das brachte ich nicht übers Herz, denn ich hatte das Gefühl, ich würde Thomas beim Verlassen des Krankenhaus im Stich lassen. Genau als ich doch darüber nachdachte, ob es nicht doch klüger wäre, nicht noch mehr Zeit zu verschwenden, kam plötzlich der Arzt ins Wartezimmer. „Entschuldigung, Herr Doktor, könnten Sie mir sagen, wie es Thomas Schulze geht?“, rief ich ihm hinterher. „Sein Zustand ist noch etwas instabil, aber ich glaube, er wird überleben. Hast du die Herzmassage gemacht?“ „Ja, ich habe es probiert.“ „Du hast damit deinem Freund das Leben gerettet!“, sagte er und ging weg, drehte sich noch einmal um und ergänzte: „Und jetzt würde ich dir vorschlagen, heim zu gehen und zu schlafen!“ Ich nickte. Erleichtert und auch stolz machte ich meinen Heimweg, fiel dann erschöpft ins Bett und schlief sofort ein. Als ich aufwachte, war es schon dunkel. Ich stand auf und als ich mich gerade umzog, kam meine Mutter ins Zimmer. „Das Krankenhaus hat angerufen, Thomas geht es besser, er wird bald aufwachen. Ich muss sowieso einkaufen gehen, soll ich dich ins Krankenhaus mitnehmen?“ Ich nickte nur und bald darauf betrat ich das Zimmer in dem Thomas lag. Zu meiner Enttäuschung war er noch nicht aufgewacht. Ich betrachtete den schlafenden Thomas traurig: Was hatte ich nur angerichtet? Ich war schuld, dass er hier liegen musste, dass er wahrscheinlich leiden musste – nur ich – nur ich, weil ich Verena nicht durchschaut hatte. Warum war ich so dumm gewesen? Ich hatte doch so einen Freund wie Thomas gar nicht verdient und jetzt hätte er auch noch sterben können – wegen mir. „Es tut mir so leid.“, flüsterte ich. Plötzlich bekam ich es mit der Angst zu tun. Verena hätte schon wieder gemordet – wegen mir. Wer war als Nächster dran? Ich? Wann? Was hatte ich ihr nur angetan mit meiner Trennung von ihr, dass sie so rachsüchtig war? Plötzlich klingelte mein Handy – meine Mutter. „Hallo Lukas. Kann ich dich abholen, ich bin jetzt mit den Einkäufen fertig.“ „Ja.“, sagte ich nur. In letzter Zeit war mir nicht nach Reden. „Okay. Bis gleich!“ Ich warf Thomas noch einmal einen Blick zu und ging aus dem Raum. Nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte, sah ich auch schon wie das Auto meiner Mutter um die Ecke kam und stieg kurz danach ein. Gedankenverloren sah ich aus dem Fenster. Die Polizei hatte mittlerweile den Mord von Lara aufgegeben, da es nicht genügend Spuren gab. Ich wusste nicht warum, aber ich wollte es der Polizei nicht erzählen. Vielleicht konnte ich es noch immer nicht glauben. Ich glaubte ernsthaft an ihre Unschuld – wie naiv. Wie dumm. Doch wie weit würde Verena wirklich noch gehen? Ich bekam Gänsehaut. Ich hatte es bisher noch keinem – außer Thomas - erzählt, dass dies alles kein Zufall war. Borderline. Ich musste sofort, wenn ich heim kam, nachschauen, was das genau zu bedeuten hatte und was man dagegen tun konnte. Verena brauchte Hilfe, so schnell wie möglich! Warum hat ihr Vater ihr das nur angetan und wo war er jetzt? Wusste sie, wo er war? Wusste es ihre Mutter? Warum hatte sie nie davon erzählt? Hielt sie es für zu unwichtig oder hatte sie geglaubt sie würde mir damit Angst machen? Hätte sie aber nicht. Ganz im Gegenteil – dafür hatte ich sie zu sehr geliebt. Doch jetzt kommt sie mir vor wie jemand, den ich nicht kenne und nie gekannt habe, eine fremde Person. Plötzlich kreischte meine Mutter laut und blieb stehen. „Was ist los?“, schrie ich. „Dort vorn, unser Haus!“ Ich schaute zu unserem Haus. Es stieg Rauch davon auf und in meinem Zimmer brannte es! Ich machte die Autotüre auf und rannte hinaus. „Nein Lukas! Nicht! Du tust dir weh!“, schrie meine Mutter und rannte mir nach – doch ich war schneller. Laufend wählte ich die Nummer der Feuerwehr und sagte ihnen Adresse und Name. Als ich auflegte, war ich vor meinen Zimmer. Es brannte noch wenig. Das Feuer war nur am Boden, denn es wurde verursacht von einem Haufen, der aus verschiedenen Sachen bestand: Ich konnte ein Fotoalbum, ein Armband und eine CD erkennen und sofort bemerkte ich, dass alle Sachen, die brannten, Dinge waren, die ich von Verena bekommen hatte oder was mich an Verena erinnerte. Ich starrte entsetzt in mein Zimmer, wollte gerade einen weiteren Schritt hinein gehen, als ich plötzlich von jemandem weggezerrt wurde – einem Feuerwehrmann. „Raus hier!“, rief er. Ich drehte mich um und rannte hinaus. Doch ich lief nicht zu meiner Mutter, nein, ich rannte Richtung Fluss.   KAPITEL 8   Meine Wut in mir wuchs und ich rannte schneller und schneller, bis ich keuchend bei Verenas Haus ankam. „WAS SOLL DAS? WAS WILLST DU VON MIR UND WARUM TUST DU DAS?“, schrie ich, so laut ich konnte. Ich sah Verena im zweiten Stock, in ihrem Zimmer sitzend und etwas schreibend. Sie warf mir einen gelangweilten Blick zu und schrieb dann weiter. „ICH WEISS, DASS DU MICH HÖREN KANNST, VERENA! BIST DU JETZT GLÜCKLICH?! JETZT, WO DU ALLES, WAS MIR WICHTIG IST, KAPUTT MACHST?! GEHT ES DIR DANN BESSER, WENN ES MIR SCHLECHT GEHT?! WENN JA, DANN LASS ES AN MIR AUS UND NICHT AN MEINEN FREUNDEN UND AN MEINER FAMILIE! ICH BIN JETZT DA! MACH WAS DU WILLST! SCHLAG MICH, TÖTE MICH, WENN ES DIR GUT TUT! ABER SETZ DEM EIN ENDE! LASS NICHT ANDERE LEIDEN, WEIL ICH DIR WEH GETAN HABE! EINS WILL ICH DIR NOCH SAGEN: ES TUT MIR LEID – WIRKLICH! ICH WÜNSCHTE NUR, DU HÄTTEST MIR FRÜHER VON DEINER KRANKHEIT ERZÄHLT!“ Ich machte keuchend eine Pause und wartete. Nach ein paar Minuten ging die Haustür langsam auf und Verena kam langsam hinaus. Zehn Meter vor mir blieb sie stehen und fragte zögernd und nervös: „Wirst du es der Polizei erzählen?“ „Nein.“, antwortete ich bestimmt. „Warum nicht?“ „Es geht niemanden was an.“ „ABER ICH BIN EINE MÖRDERIN UND BRANDSTIFTERIN!“, schrie Verena nun, beruhigte sich aber bald wieder. „Ich weiß, aber ich glaube – anscheinend – noch immer in das Gute in dir.“ Verena lachte hysterisch auf. Sie überlegte einen Moment, seufzte und atmete tief durch. „Warum hast du mich geliebt, Lukas?“, sagte sie mit leidendem Ausdruck. „Weil du hübsch, lustig, selbstbewusst, nett und einzigartig bist. Und weil ich mich bei dir wohl fühlte, weil es einfach passte.“, schoss es aus mir hervor, ohne zu überlegen. „Liebst du mich noch?“ Sie sagte es so kalt und unberührt, doch ich wusste, dass es sie Kraft kostete. „Die Verena, die ich geliebt habe, gibt es nicht mehr!“, sagte ich so entschlossen, dass ich erschrak. Verena schluckte. Das erste Mal in meinem Leben wollte ich Gedanken lesen können. Was dachte Verena wohl gerade? Sie schien relativ harmlos, friedfertig. Wie konnte so eine Person jemanden umbringen? Ich konnte es mir nicht vorstellen, doch Menschen mit Krankheiten hatten oft zwei Seiten. „Hast du Angst vor mir?“ „Nein.“ „Ich schon.“ Ein kalter Schauer jagte mir den Rücken hinunter, aber ich riss mich zusammen. „Und deswegen“, fing sie entschlossen an. „werde ich ein Jahr oder mehr in Frankreich auf einem Internat verbringen. Dort kann ich mein Leben neu anfangen  und versuchen, wieder alles in den Griff zu kriegen. Natürlich reist mein Therapeut mit. Wenn du versprichst, wirklich nichts der Polizei zu erzählen, steht dieser Reise nichts mehr im Weg!“ „Ich verspreche es.“ „Dann heißt es jetzt wohl leb wohl, Lukas. Tut mir leid. Für alles, was ich dir angetan habe. Tschüss, ich liebe dich.“ „Entschuldige dich nicht für eine Krankheit!“, sagte ich, ging auf sie zu, blieb kurz vor ihr stehen, schaute ihr für ein paar Sekunden tief in die Augen und küsste sie dann – kurz, aber zärtlich – auf den Mund, drehte mich um und ging.

"Die Rose"
Robert Stefanek

Die Rose ~~Die Rose~~ R. saß, in das Buch, welches sie gerade las, vertieft mit ihren Füßen auf den Schreibtisch gelegt. So kannten die wenigen, die kannten, R. : immer in ein Buch vertieft. Und wenn sie nicht gerade in ein Buch vertieft war, dann in die Probleme eines anderen. Zwar war sie mit ihren braunen Haaren, grünen Augen und ihrer Statur nicht gerade auffällig, aber sie war stets ehrlich um andere Menschen besorgt und sah diesen meist sofort an, ob er oder sie in Sorge über etwas Bestimmtes war. Ihre Bedürfnisse waren sowieso zweitrangig. Das war schon immer so gewesen: Niemand hatte jemals auch nur annähernd auf sie Rücksicht genommen und nach einer Weile verstand  R., dass sie selbst unwichtig war. Daran hatte sich auch niemals etwas geändert, auch nicht an der Tatsache, dass sie trotz allem immer für andere da ist, auch wenn diese niemals auch nur auf die Idee gekommen wären etwas Gutes für R. zu tun. Die meisten Leute hielten diese Gutmütigkeit seitens R. für ihre größte Schwäche, doch sie selbst zählte dies zu ihren Stärken, denn wer hatte in diesen Zeiten noch ein offenes Ohr für die Menschen, abgesehen von R.? Niemand. Doch tief in ihrem Innersten fühlte sie sich, trotz der ständigen Hilfe, die sie den Menschen bot einsam: denn die Menschen, denen sie half, verschwanden immer sofort aus ihrem Leben, um ihr nicht helfen zu müssen. Richtige Freunde hatte R. nie. Nicht dass sie nicht versucht hätte bei anderen Leuten Anschluss zu finden, doch anscheinend wollten andere Menschen sie nicht zu ihrem Freundeskreis zählen, denn trotz zahllosen Telefonnummernaustauschen  wurde R. nie angerufen: abgesehen von diversen Call-Centers, die gerade eine Umfrage machten oder wollten, dass man die Telefongesellschaft wechselte. Just in diesem Moment klingelte das besagte Telefon. R. sah von ihrem Buch auf und rannte zum Telefon, denn sie gab nie die Hoffnung auf, dass es vielleicht ein Mensch sein könnte, der mit ihr Freundschaft schließen wollte.  Doch sofort als sie den Hörer abnahm und sich meldete wurde sie enttäuscht. Es war eines der besagten Call-Centers. Nachdem R. sie abgewimmelt hatte, indem sie erzählt hatte, dass sie noch minderjährig sei und ihre Eltern nicht da seien, verspürte R. den Drang hinauszugehen. Insbesondere deshalb, weil sie sich nicht mehr mit ihrer Lektüre beschäftigen wollte. Zumindest für den Augenblick. Also suchte R. ihren Lieblingsplatz auf der ganzen weiten Welt auf, nachdem sie sich dem Wetter draußen passend angezogen hatte. Da die Sonne schien und eine angenehme Temperatur vorherrschte, musste sich R. sogar ihrer Weste entledigen, die sie in der Wohnung trug, um für das Wetter passend angezogen zu sein. R. schritt von der Wohnung ihrer Eltern, in den finsteren Wald, der das kleine Städtchen, das sie und ihre Eltern bewohnten umrandete. In diesem Wald war es immer so dunkel als ob es tief in einer der finstersten Nächte wäre, auch wenn es außerhalb des Waldes der hellste Tag  auf Gottes Erden war.   Doch ziemlich genau in der Mitte des Waldes befand sich eine kleine Lichtung, in deren Zentrum ein Baumstamm thronte, den man exzellent als Sitzgelegenheit nutzen konnte. Doch schon aus der Ferne bemerkte R., dass auf dem Baumstumpf etwas lag. Als sie näher kam erkannte sie das Etwas, was auf dem Baumstumpf lag: es war eine wunderschöne Rose. Die Blütenblätter waren weiß nur am Rande dieser ging das Weiß in ein sanftes, zartes Blassrosa über,  der Stiel war beinahe kerzengerade und dornenlos. Was für ein Prachtexemplar einer Rose. R. würde es überhaupt nicht gutheißen, wenn diese wunderschöne Blume aufgrund Wassermangels eines gräulichen Todes sterben müsse, also wandte sie sich zum Gehen um, doch hielt einen Moment inne, um sich zu fragen ob sie die Rose mitnehmen sollte oder ob sie sie hier lassen sollte, um später mit einer Vase voller Wasser zurückzukehren. Die Rose war so schön, dass sie die Blume mitnehmen musste. Auf dem gesamten Weg nach Hause betrachtete die junge  Frau die Blume immer eingehender. Auf den ersten Blick, wirkte die Rose wunderschön und noch vollkommen, doch wenn   sich R. die Blume näher ansah, bemerkte sie einige hässliche Stellen, an denen die Rose bereits verwelkt war. Da dachte sich R. nicht dabei, sondern beeilte sich, um die Rose  nach Hause zu bringen und diese in eine Vase zu stellen, die der Schönheit der Rose gebührte. Als das  Mädchen zuhause ankam, waren ihre Eltern bereits wieder eingetroffen, was R. ein wenig in Angst versetzte, da sie nicht wusste, ob ihre Eltern gute Laune hatten oder eher nicht. Falls Letzteres  zutraf, war R. nicht sehr erpicht darauf, ihre Erzeuger in einem solchen Zustand anzutreffen, geschweige denn meit ihnen ein Gespräch zu führen. So schlich sie sich also unbemerkt in ihrem Raum, wo immer noch eine leere Vase stand, wo früher eine Vase voller farbenprächtigen Blumen stand, war jetzt nur noch die leere, anmutig aussehende, silberne Vase zu finden. R. füllte diese mit Wasser an und stellte die Rose hinein, ehe sie ein Ruf ihrer Eltern ereilen konnte. Doch als sie diesen Ruf vernahm, wandte sie sich widerwillig von der Schönheit der Blume ab und ging in die Küche, von wo aus der Ruf höchstwahrscheinlich kam. Dort fand sie ihre wütenden Eltern, die sie wütend anstarrten, ihr Vater ein Kleidungsstück in der Hand haltend: Soweit sie das erkennen konnte, handelte es sich um ein Hemd, welches  früher einmal weiß gewesen war, jetzt jedoch die Farbe von einem hässlichen Aschgrau hatte. Ihre Mutter und ihr  Vater beschuldigten sie abwechselnd dieses weiße Hemd absichtlich zur schwarzen Wäsche geschmuggelt hatte, damit ihr Vater ja kein weißes Hemd mehr hatte. Trotz aller Verteidigungen und Rechtfertigungen das es keinerlei Absicht gewesen sei, wurde sie unter den ärgsten Beschimpfungen und Anschuldigungen in ihren Raum geschickt, wo sie sich eine Zeit lang in ihrem Bett versteckte und weinte. Nicht einmal ihre eigenen Eltern glaubten ihr, dass sie so etwas nicht mit Absicht getan hatte. Die wildesten Gedanken schossen ihr durch den Kopf: Diese reichten von der Flucht aus diesem Haus bis hin zur Idee des Freitodes. R. blickte nun wieder die Rose, um sich mit dem Anblick der puren Schönheit zu trösten. Doch dies funktionierte leider nicht, denn als das Mädchen, mit den verweinten Augen die Blume ansah, schreckte sie unwillkürlich zurück. Es schien als ob die Rose etwas von der Trauer und dem Schmerz absorbiert hatte, denn große Teile der Schönheit waren den Flecken der Hässlichkeit und des Todes gewichen. Zuerst wollte R. das Wasser der Rose wechseln, weil sie dachte, dass sie dieses, welches sich zu diesem Zeitpunkt in der Vase befand, nicht vertrug, doch dann hielt die junge Frau inne. In der Abscheulichkeit, welche die Rose jetzt trug, fand R. viele Gemeinsamkeiten zu sich selbst und es begann ihr zu gefallen. Vorsichtig nahm sie die halb tote Rose, blickte sie einen Moment an und lächelte dabei etwas. Ihr wurde klar, dass alles vergänglich war: Schönheit, Tugend aber auch Klugheit, Reife und Laster, denn der Tod macht vor nichts und niemanden Halt. Und in diesem  Moment wurde R. klar, dass es besser ist aus dem Leben zu scheiden, wenn man sich dafür bereit fühlt und nicht wenn es einem einfach genommen wird. Also nahm R. die verwelkte Rose und ihre gepeinigte Seele und stieg auf das Dach des Hauses, wo sie darüber nachdachte ob sie für den Tod bereit war. R. saß eine Weile da und dachte darüber nach. Wieso zum Teufel sollte sie am Leben bleiben wollen? Alles was sie hatte, waren Eltern, die ihr nie glaubten, und die halb tote Rose, die auch nicht sehr viel länger am Leben bleiben wird, dafür würde der nagende Zahn der Zeit schon sorgen. Nunn stand sie auf mit der Rose an ihrem Herzen und erst da wusste sie, dass ihre Einzige Begleiterin eben diese Blume sein würde, also würde sie sie mitnehmen in den Tod, doch dies konnte sie nur, wenn sie gleichzeitig ins Reich der Toten überwechselten …

"ewiger Tod"
Kathrin Prünsti...

ewiger Tod Dunkel. Allein. Endlich Stille. Aber unerträglich drückend. „Wo bin ich?“ Es hallt. Bin ich in der Bahnhofshalle? Nein, da wäre es doch nicht so dunkel. Wenn man vor lauter Dunkelheit überhaupt nichts mehr sieht, schärfen sich die Sinne. Gerüche werden intensiver, Geräusche lauter. Es riecht rostig und feucht. „Bist du hier?“ Eine Stimme. Erschreckend laut in meinen Ohren. Gott sei Dank. „Ich, ich... weiß nicht genau. Wo bin ich?“ „Diesen Ort kenne ich noch nicht, hier bin ich zum ersten Mal“ Woher kommt diese Stimme? Von rechts, von links, oben, unten? Warum sehe ich nichts? Warum zum Teufel ist es hier so verdammt dunkel? „Bitte nicht fluchen. Hier flucht man nicht!“ „Aber wo ist HIER?“ Keine Antwort. Blut. Da ist Blut. Schmierig und warm an meinen Fingern. Woher kommt es? Diese Stimme. Der einzige Halt in der Dunkelheit. Ich werde versuchen mit ihr zu reden. „Natürlich wirst du das.“ ... „Weißt du .... weißt du wer ich bin?“ „Wer du bist? Das wissen nur die Anderen.“ Die Anderen? Ein Funke. Schmerz. Das Blut. Es kommt aus mir! „Und... wer bist du?“ „Ich bin es, ich bin sie, ich bin alle, ich bin du... Du wirst verstehen.“ „Du bist ICH? Komm näher. Ich will dich sehen!“ Wieder keine Antwort. Wieder diese alles verschlingende, wohlige Stille. Die Zeit fließt zäh. Ist es Morgen? Oder Abend? Diese Dunkelheit. Sie erdrückt mich. Ich halte dass nicht mehr aus. Wieso bin ich hier verdammt noch mal. Es macht mir Angst. Das Blut macht mir Angst! „Du musst dich nicht fürchten. Und auch nicht aufregen. Du machst es doch so dunkel.“ „Ich verstehe nicht...“ „Natürlich verstehst du nicht, noch nicht. Es ist immer das Gleiche. Immer die gleichen Fragen. Nie verstehen sie...“ „Redest du mit mir. Ist da noch jemand?“ „Nein, hier bist nur du.“ „Und du...“ „Nein. Nur du.“ „Nur ich.“ Au. Ich hab Schmerzen. „Weißt du was mit mir passiert ist? Warum ich im Dunkeln bin?“ „Die Anderen mochten dich nicht.“ „Die Anderen...“ Da ist etwas Scharfes. Es glänzt. Es fühlt sich an wie Papas Rasierklinge. Wie kommt die denn hierher? „Es wird langsam Zeit.“ „Zeit? Wofür?“ „Zeit zu verstehen. Ich kann nicht mehr lange bleiben. Wenn ich dir helfen soll musst du es nur sagen.“ „Ja! Bitte hilf mir!“ Ein plötzlicher Schauer. Eine kalte Hand auf meiner Schulter. Aber niemand da. Blitze in meinem Kopf, vor meinen Augen. Die Anderen. Die Rasierklinge. Blut. Dunkelheit. Stille. .... „Ich verstehe. Danke“ Doch es kam keine Antwort. Es wird nie mehr eine Antwort kommen. Von niemandem. Nie wieder können sie mich beschimpfen. Nie wieder schlagen. Nie wieder.   Die Stimme war fort. Alles war fort. Nur die Dunkelheit blieb. „Zumindest finden mich hier die Anderen nicht.“ Nichts ist so ewig wie der Tod.

"Dann, tot."
Eva Stadlbauer

Dann, tot. Dann, tot.Das laute Ticken des Weckers hält mein Dasein fest, zerrt an ihm, lässt es nicht in die Welt des Schlafs gleiten. Aufgebracht wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Die Hitze verursacht Kopfschmerzen, ein hämmerndes Monster, das gegen meine Stirnhöhlen drängt, raus aus meinem Kopf will. Es schreit, es wütet, reißt meine Gedanken, die ich vor dem zu Bett gehen fein säuberlich geordnet und in Schubladen geschlichtet habe, auseinander, lässt die Bruchstücke liegen, Chaos in meinem Kopf. Ich versuche, die Bilder einzusammeln, ohne einen Blick darauf zu werfen; versuche, die Glasscherben zu einem ganzen zusammenzufügen, ohne mich darin zu spiegeln, ohne mich zu schneiden an den scharfen Kanten. Mein Kopfkissen dient als Schutzschild vor dem Durcheinander, das das Monster in meinem Kopf angerichtet hat. Die zwei dünnen Stoffschichten, dazwischen Daunen, sollen mich vor meinen Erinnerungen, Gedanken, meinem Leben schützen? Ohne Widerstand zu verspüren dringen die Scherben ein, zerfetzen das Kissen in meinen Händen, hinterlassen einen sauberen Schnitt im Stoff und ein Meer aus aufstiebenden Federn. Wie ein Schwarm Vögel, aufgeschreckt durch einen Schuss, flattern die Federn in der Luft herum, stieben auseinander, legen sich danach wie ein schwerer Mantel auf mein Gesicht, meine Augen, meine Nase, meinen Mund. Federn im Mund, auf der Zunge, im Hals, keine Luft, Federn statt Sauerstoff. Das Gefühl, ersticken zu müssen, der Schrei, der aus meiner Kehle entfahren will, meine Stimme, erstickt durch Federn.Ich springe auf, mache einen Schritt nach vor, drehe um, greife mir an die Stirn, um den Gedankenfluss aufzuhalten, unnötige Mühe, das Gewissen drängt an meinen Fingern vorbei, der Damm bricht, das schlechte Gewissen überflutet mich, hört nicht auf zu fließen, füllt den gesamten Raum. Erneut drohe ich zu ersticken, kämpfe mich durch das Meer aus Erinnerungen, Bruchstücken meiner Vergangenheit, die in Wellen um mich tanzen und unter Wasser drücken wollen. Ich reiße das Fenster auf, Nachtluft strömt in das Zimmer. Das Gewissen wird raus gespült, alles nach draußen, auf die Straße, hoffentlich in den Kopf eines anderen. Übrig bleibt leerer Raum, ich lasse mich erschöpft auf einen Sessel sinken, der Kampf hat an meinen Kräften gezehrt. Meine Lungen schöpfen Luft, saugen sich voll mit Sauerstoff, meine Hände ruhen auf meinen Knien, ich kann ihren Anblick nicht ertragen, kann mich nicht ertragen. Muss hier weg, weg von mir, stürme zum Fenster, raus, Nachtluft umgibt mich, die Kälte lässt mein Gewissen zusammenzucken, wenn es das überlebt, wird es erfrieren, genauso wie ich. Dann, Ruhe.

"nataS' Träume"
Lena Höhn

nataS' Träume nataS’ Träume   „Dong, dong, dong, ...“ – das dunkle Glockengeläut drang zu mir ins Zimmer und unterbrach micht mitten in meiner Lektüre. Ich blickte auf und mein unheilvoller Gedanke bewahrheitete sich. Es war elf Uhr abends und der morgige Montag würde anstrengend werden. Seufzend schlug ich mein Buch zu und stellte resignierend fest, dass die Zeit wieder einmal gewonnen hatte. Ich schlenderte ins Bad und unterzog mich einer kurzen Katzenwäsche, um gleich darauf in meinen Pyjama zu hüpfen. Mein Zimmer war stockdunkel, als ich es betrat, und ich tappte schnell auf Zehenspitzen, um meine Eltern nicht zu wecken, in mein Bett. Eingemummelt in meine Daunendecke schloss ich gähnend die Augen und hoffte, nicht in sieben Stunden an einem Montagmorgen aufzuwachen. Der Wecker hatte nicht geläutet! Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich halbwegs wach war. Vielleicht hatte jemand meine Gebete erhört und es würde heute keinen Montag geben. Auch wenn dies verlockend war, wurde ich doch durch Neugierde und sehr viel Selbstdisziplin angetrieben, die Augen zu öffnen. Und da kam der erste Schock. Egal wo ich mich befand, in meinem Zimmer war ich nicht. Verwirrt ob dieser Erkenntnis setzte ich mich auf, ein pochender Schmerz in meinem Rücken machte sich bemerkbar. Ächzend presste ich meine Hand an diese Stelle und blickte nach unten. Ich saß auf einer quadratischen Steinplatte und wunderte mich nicht mehr, weshalb ich Rückenschmerzen hatte. Da erst nahm ich wahr, wo ich mich überhaupt befand. Ich war in einer riesigen Halle, gebaut aus Steinquadern, mächtige Säulen stützten die hohe Decke und machten die Halle noch eindrucksvoller, der Boden war mit großen Steinplatten gefliest und die Sonne schien durch kunstvolle Buntglasfenster. Mir stockte der Atem.  „Das muss ein Traum sein“, flüsterte ich. „Ja, da hast du ganz Recht“, antwortete mir eine Stimme. Ich blickte mich um, in der Hoffnung, den Besitzer dieser Stimme zu entdecken. „Hier bin ich.“, die Stimme erklang rechts neben mir. Ich wandte mich in diese Richtung und ein älterer Mann bedachte mich mit einem belustigten Blick. Er war ziemlich groß und kräftig gebaut, Muskeln zeichneten sich unter seinem schwarzen Hemd ab. Sein Gesicht beurteilte ich als gutaussehend, er hatte volle Lippen, eine perfekt geschwungene Nase und eisblaue Augen, die mich musterten, sodass es mich fröstelte. Sein dunkelbraunes Haar fiel ihm bis auf die Schultern und war schon mit silbernen Strähnen durchzogen. „Wer bist du?“, misstrauisch sah ich ihn an. Er schaute nur belustigt zurück und sagte: „Ich bin nataS, Hüter der Träume, und ich habe dich hierher eingeladen.“ „Eingeladen?! Wohl eher verschleppt!“, erwiderte ich bissig. Er lächelte nachsichtig und führte mich zu einer Tür. „Lass dich von mir führen und du wirst dich geehrt fühlen, diesen Ort je gesehen zu haben.“ Ich zögerte kurz, doch als ich an den bevorstehenden Montag dachte, entschied ich mich, weiter in der Traumwelt zu bleiben. „Na gut“, hörte ich mich sagen, „ich lasse mich von dir führen.“ Zufrieden nickte er und öffnete die Tür Lange Reihen von Betten zierten den Raum und auf jedem saß ein Kind, mit ausdruckloser Miene vor sich hin starrend. Ehe ich begriff, was vor sich ging, knalllte der Mann namens nataS die Tür hinter mir zu und verschloss sie mit einem laut klickendem Geräusch. Das Einzige, was ich noch erhaschen konnte, war ein Blick in seine Augen, sie waren blutrot. „Aufmachen!“ Ich hämmerte gegen die Tür und brüllte wüste Beschimpfungen „Aufmachen!“. „Er wird nicht zurückkommen.“ Eine Mädchenstimme erklang hinter mir. Ich fuhr herum und funkelte sie an: „Ach ja?! Und woher willst du das wissen?! Ihr seht nicht gerade so aus als würdet ihr überhaupt irgendwas tun.“ Das Mädchen legte den Kopf schief: „Wir haben längst aufgegeben. Es ist sinnlos zu schreien, zu brüllen, zu heulen, zu schlagen oder sich zu verletzen. Und mir kannst du das glauben.“ Sie streckte mir ihre Hand entgegen, rote Kratzer verunstalteten ihren Arm: „Ich heiße Maja.“ „Eva“, sagte ich etwas verlegen. „Schön, dich kennen zu lernen, Eva, naja unter anderen Umständen wäre es vielleicht noch schöner“, sie grinste mich an. Ich lächelte zurück und fragte: „Was soll das alles hier? Der Mann sagte, ich sei im Reich der Träume, aber das stelle ich mir irgendwie anders vor.“ Maja nickte zustimmend: „Ich habe mir das auch anders vorgestellt, aber es stimmt, was er gesagt hat: Wir sind im Reich der Träume, nur wem es untertan ist, hat er verschwiegen.“ Verwirrt sah ich sie an: „Untertan?“ „Ja, es gehört einem der mächitgsten Wesen, die es je gegeben hat“, sie holte hörbar nach Luft, „dem Teufel.“ Ungläubig starrte ich sie an: „Dem Teufel?!“ Sie nickte bekräftigend: „Der Teufel hat Träume erschaffen, um die Menschen zu verwirren und ins Chaos zu stürzen. Albträume, Traum-Visionen, Wunschträume, sie alle dienen dazu, die Menschen zu verwirren. Manchmal träumen Kinder und nur Kinder so lebendig, dass sie hierher kommen und dann lässt nataS sie nie mehr gehen, weil sie sein Geheimnis verraten könnten. Viele sind schon seit Jahrhunderten hier.“ Schockiert riss ich die Augen auf: „Das ist ja schrecklich. Und wie lange bist du schon hier?“ „So ungefähr zehn Jahre.“ „Zehn Jahre! Grauenvoll!“, ich schüttelte den Kopf. „Man gewöhnt sich daran. Es ist nur ziemlich langweilig, weil wir nichts tun dürfen.“ Stirnrunzelnd hakte ich nach: „Ihr dürft nichts tun? Inwiefern?“ „Wir dürfen nicht lesen, uns nicht unterhalten, spielen, schlafen...“ Ich unterbrach sie: „Ihr dürft nicht schlafen?!“ Maja zuckte mit den Schultern: „Nein.“ „Das ist ja total merkwürdig.“, sagte ich zu mir selbst. „Du sagst es“, anwortete Maja mir auf mein Selbstgespräch. Diese Kinder waren hier gefangen und sie durften nichts tun, als hier zu sitzen und in die Luft zu starren. Das war doch seltsam, ich meine, sie durften nicht mal schlafen! Warum? Dafür muss es doch einen Grund geben. „...es ist ja auch seltsam, weil irgendwie alle das gleiche Problem hatten, bevor sie hierher gekommen sind.“ Ich unterbrach meinen Gedankengang: „Sie hatten was?“ Maja fuhr erschrocken zusammen ob meines scharfen Tones: „Sie ähm... wollten alle nicht ähm... nicht wirklich aufwachen, also....am nächsten Tag erwartete alle etwas Unangenehmes, etwas, was sie nicht wollten, und dann sind sie hier gelandet.“ „Klick“ – ich hörte beinahe, wie mein Gehirn dieses Geräusch von sich gab. Jetzt hatte alles einen Sinn! nataS wollte nicht, dass die Kinder denken! Darüber, warum sie hier waren und wie sie wieder wegkommen könnten. Und das bedeutete, dass er keine Macht über die Kinder hatte und schon gar nicht darüber, ob sie hierblieben. Aber ja! Man musste es nur wollen, man musste wollen wieder aufzuwachen, um wie bei mir den grauenhaften Montag zu erleben. Es war so einfach! „Maja“, schnappte ich luftholend, „ich weiß, wie wir hier wegkommen!“ Sie machte große Augen – vor Schrecken: „Nein, sag das nicht, er...“ Weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment betrat ER den Raum, aus dem Nichts wie es mir schien. „Was ist hier los?“ Seine Stimme bebte vor Zorn und seine roten Augen glühten. Er sah sich suchend um und sein Blick blieb an mir hängen, er bohrte sich in meinen. „Maja“, fing ich zögernd an, doch dann hob ich meine Stimme „Hört mir zu, ich kenne einen Weg hier hinaus.“ Die Kinder, die vor kurzem ausdruckslos vor sich hin starrten, sahen ängstlich auf. „Habt keine Angst. Und befolgt, was ich euch sage.“ Ein Brüllen unterbrach mich und Hitze traf mich wie ein Schlag, doch ich schloss meine Augen und sprach weiter: „Schließt eure Augen und wünscht euch um alles in der Welt den nächsten Tag zu erleben, den Tag, den ihr unbedingt vermeiden wolltet, wünscht ihn euch, erlebt ihn...“ Meine Augen flogen auf und das Letzte, was ich noch erkennen konnte, waren die blutroten Augen nataS’. Mein verhasster Montagmorgen hatte begonnen und einige Minuten später saß ich angezogen am Frühstückstisch und durchblätterte die Zeitung nach interessanten Schlagzeilen. Und da war etwas, ein Bericht über ein Mädchen, es lag zehn Jahre im Koma Ich lächelte, als ich den Namen las, es hieß Maja.

"Im Bus"
Theresa Hinterh...

Im Bus Im Bus Ich liebte das Busfahren. Es war die einzige Zeit am Tag, wo ich entspannen konnte. Wo ich einfach nachdenken konnte und dabei nicht vom schlechten Gewissen gestört wurde, dass ich noch Lernen sollte. Während ich im Bus saß, konnte das warten. Verträumt sah ich aus dem Fenster, dachte an Gott und die Welt und spürte, wie mir langsam vor Müdigkeit die Augen zufielen. Es war ein langer Tag gewesen. Zehn Stunden Schule, danach noch Treffen mit Freunden im Stadtcafé. Mittlerweile war es sieben Uhr und weil wir Winter hatten, stockfinster. Die anderen waren bereits ausgestiegen, sie wohnten näher bei der Stadt als ich, die noch eine halbe Stunde weiter fahren musste. Seufzend kuschelte ich mich in die Sitze. Sie waren dunkelrot, abgewetzt. Alt wie der Bus und vollgemalt mit mehr oder weniger kranken Sprüchen. Ich achtete nicht darauf. Für mich hatte dieser Bus eine ziemlich gemütliche Atmosphäre. Er war nicht rappelvoll, jedoch auch nicht ganz leer. Mit meinem dicken Pulli fühlte ich mich, als wäre ich mit einer wohlig warmen Decke zugedeckt. Das stetige Brummen des Busses geleitete mich sanft in den Schlaf. Als ich aufwachte, musste ich mich zuerst orientieren. Wo war ich? Ach ja, im Bus. Gähnend richtete ich mich auf. Meine Haare waren ganz zerwühlt. Bestimmt sah ich schrecklich aus. Als wäre ich gerade aus dem Bett gefallen. Ich stutzte. Der Bus war leer. Vollkommen leer. Hastig sah ich aus dem Fenster, doch außer den verschwommenen Umrissen von Bäumen konnte ich in der dunklen Nacht nichts erkennen. Hatte ich meine Haltestelle verschlafen? Aber ich hätte doch bis zur Endstation fahren müssen. Da hätte mich doch der Busfahrer bei seinem letzten Durchgang durch den Bus wecken müssen, oder? Kopfschüttelnd stand ich auf und ging nach vorne. „Entschuldigung. Können Sie mir sagen, wo wir uns befinden?“, fragte ich den Busfahrer schüchtern. „Wir sind bald bei der Endstation, mein Mädchen“, antwortete er und eine Welle der Erleichterung durchflutete mich. Ich hatte nicht verschlafen, war wahrscheinlich nur die Einzige, die bei meiner Haltestelle ausstieg. „Vielen Dank“, sagte ich zum Fahrer und wandte mich wieder um. Irgendwie war ich froh Abstand zwischen ihm und mir zu gewinnen. Er hatte so eine seltsame Stimme. So dunkel und hohl. Und die Farbe seiner Haut konnte nicht gesund sein. Total blass. Man könnte ihn mit einer Leiche verwechseln. Grinsend bei dem Gedanken drehte ich mich kurz um, um in den Rückspiegel zu schauen, als mir das Blut in den Adern gefror. Ich sah den Oberkörper samt Kopf des Fahrers im Spiegel. Jedoch war das nicht allein der Grund, der mich fast kotzen ließ. Die Augen des Mannes waren geschlossen, von seiner Schläfe rann dunkles Blut hinunter und die Hände waren nicht am Lenkrad, sonder fielen schlaff daneben hinab. Ich schrie auf. Wir würden einen Unfall bauen, irgendwo hinein krachen. Zum Beispiel in einen Baum, die hier ja in einer Reihe neben der Straße standen. Schnell rannte ich nach vorne, als mich ein weiterer Schock traf. „Was ist denn los, mein Kind?“, fragte mich der Fahrer ohne jeglicher Emotion in der Stimme. Kerngesund saß er am Steuer. „N-n-ni-nichts“, stotterte ich, noch immer mit weichen Knien. Warum hatte ich im Rückspiegel ein solch grausiges Bild gesehen? Drehte ich durch, oder was? Wer hätte ihn schließlich in der kurzen Zeit umbringen sollen, wo doch kein anderer außer mir im Bus war. Ich war der einzige Passagier. Nicht wahr? „Setz dich doch bitte wieder hin“, bat mich der Fahrer mit seiner monotonen Stimme und wandte seinen Kopf in meine Richtung. Der Schrei blieb mir in meiner Kehle stecken. Zusätzlich zu einer totenbleichen Haut, hatte der Mann keine Augen. Stattdessen befanden sich an ihrer Stelle dunkle Höhlen, deren Ende ich nicht erkennen konnte und wollte. Ich sah sofort weg, konnte jedoch nicht verhindern, dass ich schwankte und mir kurz schwarz vor Augen wurde. „Wer sind Sie?“, flüsterte ich angstvoll, mit einer Hand hielt ich mich bei einem Sitz, ansonsten wäre ich umgefallen. „Der Busfahrer, mein Kind“, sagte das Wesen. Die Stimme ließ mir Eisschauder über den Rücken laufen. Ich konzentrierte mich auf die Straße vor uns, als ich mich wieder erschrak. Die Straße war nicht länger eine, sondern war mittlerweile in einen Feldweg übergegangen, der in einen schwarzen Wald hineinführte. „Wo fahren wir hin?“, kreischte ich mit einer so hohen Stimme, dass ich einen Moment überlegen musste, wem diese gehörte. Der Busfahrer antwortete nicht, was mir jedoch fast lieber war. Noch einmal hätte ich diesen Roboterklang nicht ausgehalten. „Wo sind wir? Was machen Sie mit mir? Was sind Sie? Wohin wollen Sie mich bringen? Lassen Sie mich raus! Ich will aussteigen! Hören Sie? Ich will hier raus, verdammt nochmal!“, ich schluchzte und schrie, genauso hätte ich mit einer Wand reden können. Nur dass diese nicht so unheimlich gewesen wäre. Panik ergriff mich. Wie kam ich hier wieder hinaus? Wo würde ich landen? Ich war in einem Bus, hatte keine Ahnung wohin er fuhr und was für ein Wesen sein Fahrer war. Würde ich heute noch mein Zuhause erreichen? Würde ich meine Familie und Freunde je wieder sehen? In meinem Leben hatte ich noch nie so große Angst verspürt. Tränen rannen mir über die Wangen, mein ganzer Leib schlotterte und mein Atem ging stoßweise. Der Fahrer schien mich nicht zu beachten. Immer näher kamen wir dem Wald, der schien, als würde er alles verschlingen, das es wagte sich dort hinein zu begeben. Plötzlich kam mir der rettende Gedanke. Ich hatte mein Handy in meinem Schulrucksack! Über meine eigenen Füße stolpernd hastete ich zurück zu meinem Sitzplatz. Eilig wühlte ich im Rucksack, mit zittrigen Fingern und rasendem Puls, bis ich endlich kühles Metall in meiner Handfläche spürte. Fast fiel es mir wieder hinunter, so schweißnass waren meine Hände. „Bitte heb schnell ab, Mama“, flüsterte ich verzweifelt, schickte ein Stoßgebet zum Himmel und wählte die Nummer von daheim. Das Freizeichen ertönte. Stille. Mit schreckgeweiteten Augen sah ich dem Wald entgegen. Ich hatte das Gefühl, das damit etwas nicht in Ordnung war. Das ich dort nicht hinein durfte. Hysterisch fing ich wieder an zu heulen. Hilflos trat ich gegen den Sitz, wobei ich spürte, wie wenig Kraft in mir war. Ich war nicht mehr als ein schlotterndes Häufchen Angst. Wieder hörte ich das Freizeichen. Und noch einmal. Und nochmal. Fieberhaft überlegte ich, wo meine Mutter zu dieser Zeit sein konnte. Warum hob sie nicht ab verdammt? In dem Moment erklang die warme Stimme meiner Mutter. Ein großer Schluchzer ließ meinen Körper erzittern. „Mama?“, krächzte ich heiser. „Was ist los, Liebling?“, fragte sie alamiert, „Wo bist du?“ „Ich-ich weiß es nicht“, stammelte ich und plötzlich wusste ich, dass ich dem Wald nicht entkommen würde. Eine unerwartete Ruhe überkam mich. Keine Ahnung, wohin ich fuhr, doch meine Mutter würde ich sobald nicht wieder sehen, das wurde mir klar. Mein Herzschlag normalisierte sich, das Zittern ließ nach. Mit klarer Stimme versuchte ich Mama zu erklären, was passiert war. „Ich bin in irgendeinem Bus. Ich weiß weder wohin er fährt, noch was für ein Wesen dieser Busfahrer ist. Wahrscheinlich werde ich heute nicht nachhause kommen“, sagte ich. Eine Zeit lang sagte meine Mutter nichts. „Wie meinst du das?“, hauchte sie geschockt, „Wo bist du? Was machst du? Wieso kommst du nicht nachhause? Antworte!“ Ihre schreiende Stimme überschlug sich. Das riss mich aus meiner Trance. Doch trotzdem war es zu spät. Der Wald verschluckte den Bus bereits, wie ein großes, schwarzes Loch. Ich schrie laut und gellend, legte all meine Panik und Todesangst hinein. Das Handy fiel auf den Boden. Mein Schrei brach ab. Vermisst: Sarah Brennhardt, 15 Jahre seit dem Abend des 18. Januars ca. 1,65m groß, 50kg schwer, lange, glatte, schwarze Haare, ovale Kopfform, Piercing auf rechter Augenbraue, großes Muttermal auf linker Wange zuletzt gesehen im sechs Uhr Bus von der Stadt weg, die anderen Passagiere behaupten sie im Bus gesehen zu haben, jedoch nicht beim Aussteigen an der Endstation oder früher, Busfahrer behauptet Bus wäre bei letztem Durchgang vollkommen leer gewesen, der letzte Anruf des Mädchen erfolgte um acht Uhr zehn, wo sie erklärte in einem Bus zu sein, nicht zu wissen, wohin dieser fahren würde und welches „Wesen der Busfahrer sei“, der Anruf endete mit einem Schrei, das Handy kann nicht geortet werden Weiß jemand, wo sich dieses Mädchen befindet? Wenn ja, bitte melden unter...

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