Borderline KAPITEL 1
Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer sein würde. Ich war mir so sicher gewesen, dass ich eine Pause brauchte. Ich war mir immer noch sicher. Doch was hatte den brennenden Schmerz in mir verursacht? Die Enttäuschung in ihrer Stimme, die Qualen und Widersprüche die mir ihre Augen verrieten. Liebte ich sie noch immer, dass es mich traf mitten ins Herz traf, wie ein brennender Pfeil? Nein. Nein. NEIN! Das war es mit Sicherheit nicht. Wahrscheinlich
brauchte ich nur ein wenig Zeit, diese Umstellung zu akzeptieren. Schließlich war sie mehr als ein Jahr mein Ein und Alles gewesen und gleichzeitig auch dazu eine sehr gute Freundin, die mir immer zur Seite gestanden hatte. Genau – das war es! Ich vermisste sie als Freundin. Logisch.
Ich erinnerte mich noch an viele tolle, gemeinsame Sachen. Ich konnte mich daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Zuerst erkannte ich das Riesenrad wieder, inmitten von anderen, kleineren Attraktionen wie Achterbahnen, Bierzelten und diversen Vergnügungsmöglichkeiten. Von überall her hatte es geglitzert, geblendet und gelärmt und doch hatte damals nur eine einzige Sache eine Bedeutung – Verena. Ich hatte mich mit Freunden verabredet und einer von ihnen hatte Verena mitgebracht und sie als seine 16-jährige Cousine vorgestellt. Und da stand sie – blond, blauäugig, strahlend, selbstbewusst, hübsch, dünn, Einfach umwerfend. Der Hammer. Ich war vom ersten Augenblick hin und weg und so erging es – wie ich später erfahren hatte – auch ihr. Welch glücklicher Zufall. Und ich hatte das alles zerstört und es auch noch so gewollt.
Danach fiel mir der Tag am Fluss ein: ich erinnere mich noch an alles, wirklich alles. Wir hatten uns vor ihrem Haus getroffen und gingen dann zu dem Fluss in der Nähe ihres Hauses. Wir erzählten uns von unserem Tag und nachdem ich eine freche Bemerkung über ihre Katze gemacht hatte, war sie zum Wasser gelaufen und hatte mich angespritzt. Ich hatte gerufen: „Das hätte ich an deiner Stelle nicht gemacht!“ und am Ende waren wir beide total nass gewesen, hatten uns lachend umarmt und plötzlich – ich weiß nicht warum genau in diesem Augenblick – hatte ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und sie geküsst. Es war einfach perfekt gewesen.
Sie hatte mich gefragt: „Und was hat das jetzt zu bedeuten?“
„Ich weiß nicht. Was willst du denn, dass es bedeutet?“, hatte ich geantwortet.
Verena hatte süß gelächelt und charmant gesagt: „Das muss ich mir überlegen. Vielleicht hilft mir noch ein Kuss, um meine Entscheidung leichter zu machen.“
Ich hatte gelacht: „Dein Wunsch sei mir Befehl!“ und hatte sie noch mal und noch mal und so oft geküsst bis es dunkel geworden war, Verena gelächelt hatte, „ruf mich an!“ gesagt hatte, sich umgedreht hatte und gegangen war. Ich war grinsend heimgelaufen.
Die Vergangenheit machte mich traurig.
Schade, um unsere Beziehung aber auch schade, dass Liebe nie ewig hielt. Oder nur in den seltensten Fällen.
„Ich werde jetzt nicht sensibel! Ich bin doch kein Mädchen!“, sagte ich laut, um die traurige Stille in meinem Zimmer zu brechen. Plötzlich vermisste ich sie. Aber nein, so durfte es nicht sein, so war es nicht! Es war aus! Vorbei! Vergangen! Geschichte! – keinen Gedanken mehr wert.
KAPITEL 2
Nächster Tag – Montag
Als ich aufwachte, rief ich Verena an und hoffte, dass sie abhob – doch meine Hoffnungen wurden enttäuscht.
Also ging ich in die Schule und die Stunden zogen sich, besonders die letzteren. In Mathematik, dem letzten Fach, wäre ich vor lauter Ungeduld beinahe aufgestanden und hinausgerannt – doch nur beinahe.
Als es dann – endlich – klingelte, kam Thomas, mein bester Freund auf mich zu und fragte: „Das mit heute steht doch noch, oder?“
Da fiel es mir wieder ein: Thomas und ich hatten uns ausgemacht uns heute zu treffen. Etwas unsicher antwortete ich:
„Klar doch!“
Mit einem breiten Grinsen sagte er:
„Da muss ich dir nämlich auch noch von Lara erzählen.“
„Wer ist Lara?“
„Das wirst du schon noch erfahren.“
„Jetzt machst du mir Angst!“
„Gut so. Ich muss jetzt los, sonst verpasse ich meinen Bus! Bis später.“
Und damit verschwand er und ließ mich absolut planlos zurück.
Verwirrt ging ich heim und bald schon stand ich vor meinem Haus.
Mir gefiel unser kleines Haus sehr gut. Es stand zwar am Stadtrand und es gab keine direkten Nachbarn, dafür war es aber sehr schön und gemütlich. Die Außenfarbe war in einem schlichten weiß gehalten, das Dach, die Tür und die Fenster waren braun oder hatten braune Umrandungen und gaben dem Haus einen „alten Bauernhaus-Touch“.
Innen angelegt wirkte es aber alles andere als altmodisch.
Auf der rechten Seite konnte man durch eine Glastüre ins Ess- und Wohnzimmer kommen. Vom Esszimmer gelangte man dann durch einen weißen Bogen weiter in die Küche.
Auf der linken Seite sah man eine Wendeltreppe aus hellem Eisen, die in das obere Stockwerk, wo sich die beiden Schlafzimmer, ein Bad, eine Toilette und ein großes Arbeitszimmer befanden, führte. Die Wände waren großteils weiß mit ein paar Ausnahmen.
Ich ging direkt in mein Zimmer und versuchte mich für die Englisch-Hausübung zu motivieren, denn ich wollte sie noch schnell machen bevor Thomas kam, außerdem konnte ich jede Ablenkung von Gedanken an Verena gebrauchen, die ich kriegen konnte. Nachdem ich das gemacht hatte, klingelte es auch schon an der Tür. Ich rannte die Stiege hinab, öffnete und ging mit ihm wieder hoch in mein Zimmer.
„Was gibt’s Neues?“, fragte er und versuchte nebensächlich zu klingen, schaffte es aber nicht.
„Ach, nichts Besonderes.“, sagte ich und wusste, dass er wollte dass ich ihn frage, was es bei ihm Neues gibt, doch das gönnte ich ihm nicht.
„Genug mit dem Smalltalk! Kennst du Lara Graber?“
„Hab’ ich dir doch schon gesagt! Nein, ich kenne keine Lara und auch keine Lara Graber.“
„Sie hat blonde Haare, ist dünn und groß. Die hat Modelmaße und ist echt scharf, wenn du verstehst was ich meine.“ Er zwinkerte und ich seufzte – langsam nervte er.
„Und was ist mit ihr?“
„Lara mag dich, habe ich gehört! Ist das nicht cool?“
Sarkastisch sagte ich: „Sehr toll, ich sterbe gleich vor lauter Freude und Aufregung.““Du bist nur so, weil du sie noch nicht gesehen hast. Ich sag’s dir, die ist ein Prachtstück. Wenn ich du wäre, würde ich mit der sofort etwas anfangen.“ Er zwinkerte schon wieder. Manchmal konnte ich ihn wirklich hassen.
„Na ja.“
„Ich habe ihr zur Sicherheit deine Telefonnummer gegeben…“
„Du bist ja echt unglaublich! Könntest du mich vielleicht vorher fragen, bevor du jemandem meine Nummer gibst?“, sagte ich gereizt.
„Okay. Ich hab’s schon kapiert, nicht gleich wütend werden! Ist ja nur die Handynummer, beruhige dich!“
Skeptisch verzog ich mein Gesicht und setzte mich auf mein Bett.
„Bist du jetzt böse auf mich?“
Ich überlegte. Warum sollte ich eigentlich nicht diese Lara kennen lernen? Offiziell war ich ja über Verena hinweg und eine Art Ablenkungen konnte ja nicht schaden oder? Außerdem, nur weil sie jetzt meine Nummer hat, heißt das ja nicht gleich, dass ich sie mögen oder kennen lernen musste. Wenn es passt, dann passt es und wenn nicht, dann eben nicht. Ungezwungen und leicht.
„Nein, eigentlich gar nicht. Trotzdem: nächstes Mal fragen, okay?“
„Einverstanden, ist klar.“
Wie ausgemacht, klingelte plötzlich mein Telefon – ich hatte eine SMS erhalten. Ich sah nach, wer sie mir geschrieben hatte: Unbekannte Nummer. Ich öffnete die Nachricht und las:
Hallo :)
Wie geht’s dir?
Liebe Grüße, Lara
Klar, Lara. Welch Zufall aber auch. Sollte ich zurück schreiben? Irgendwie hatte ich schon Lust. Ich warf Thomas einen prüfenden Blick zu – er nickte heftig - und schrieb dann:
Hallo Lara.
Ich hab’ schon auf deine SMS gewartet, Thomas hat mir schon von dir erzählt.
Mir geht’s gut, danke. Und dir?
Liebe Grüße, Lukas.
Thomas sagte: „Ich glaube, du bist nun beschäftigt genug. Ich werde jetzt gehen. Tschüss.“
„Du kannst aber noch gerne bleiben, ich kann auch mein Handy ignorieren!“
Plötzlich klingelte mein Handy wieder – noch eine SMS.
„Nein, das geht schon in Ordnung. Bis später.“, sagte er, grinste und schon war er weg.
Ich öffnete die eben erhaltene Nachricht von Lara:
Was hat er denn von mir erzählt?
Wie ist dein Tag bis jetzt so?
Lara
Ich schrieb:
Ach, nur dass du meine Nummer hast und ich dir zurück schreiben sollte.
Es ist nichts Besonderes passiert heute und das bleibt auch so, glaube ich.
Deiner?
Lukas
So ging es den ganzen Abend weiter und allmählich machte es mir Spaß, was mich sehr wunderte, doch auf einmal bekam ich eine andere Nachricht von einer anderen Person:
Verena schrieb:
Wer ist diese Lara?
Magst du sie?
Woher kennst du sie?
Erzähl mir alles!
Mein Herz klopfte heftiger. Warum hatte sie mir geschrieben? Aus Eifersucht oder aus Wut? Aus Neugier oder Langeweile? Alles zusammen? Was sollte ich zurück schreiben? Nichts? Sollte ich ihr alles verraten, weil sie ja eine gute Freundin war? Ich entschied mich objektiv zu schreiben und auf den Boden der Tatsachen zu bleiben.
Meine Antwort:
Lara ist eine mittlerweile eine Freundin von mir, ich kenne sie von Thomas.
Sie ist nett, mal sehen ob daraus mehr wird ;)
„Alles“ gibt es nicht. Ich kenne sie erst seit heute. Was hättest du dir denn unter „alles“ vorgestellt?
Ich blieb noch eine Weile – bis 11 – auf und sagte dann Lara gute Nacht. Von Verena kam nichts mehr.
KAPITEL 3
1 Woche und 3 Tage später
Guten Morgen, Laralein.
Wie geht’s dir denn so?
Kino gestern mit dir war toll!
Wollen wir wieder einmal etwas miteinander machen?
Thomas hatte Recht, du hast wirklich Modelmaße – hast du schon einmal über die Karriere nachgedacht?
Hallo Luki.
Bin gut drauf, gestern war’s sehr lustig :)
Nein, mit DIR will ich doch nichts zu tun haben – Scherz.
Hast du morgen Zeit? Lust mit deinem Laralein auf einen Kaffee zu gehen?
Schon, aber dafür bin ich, glaube ich nicht sehr talentiert – habe wenig Disziplin und hübsch oder dünn finde ich mich auch nicht.
Gerne, morgen um 14 Uhr?
Du findest dich nicht hübsch und dünn? Hast du dir den Kopf gestoßen oder warum kommst du auf so einen Gedanken?
Okay.
Du machst mich ja noch verlegen, lieb von dir :)
Perfekt, bis morgen dann.
Ich treffe mich jetzt mit Thomas.
Okay.
Richte ihm schöne Grüße von mir aus.
Ich stopfte mein Handy in meine Hosentasche, öffnete die Haustüre und ging los. Thomas
und ich trafen uns heute bei ihm, wo wir ein bisschen reden und Computer spielen wollten.
Eine Zeit lang ging ich einen Fluss entlang auf dem ein paar verliebte Pärchen auf Bänken saßen und sich verliebt in die Augen schauten und da war mein erster Gedanke – Lara. Mittlerweile mochte ich sie wirklich sehr und konnte mir irgendwie etwas Ernstes mit ihr vorstellen. Mein nächster Gedanke jedoch – Verena. Dank meiner weiblichen Ablenkung dachte ich nicht mehr sehr oft an sie. Obwohl, manchmal vermisste ich sie schon ein wenig.
Irgendwie freute ich mich schon auf Thomas, endlich konnte ich ihn einmal unterhalten mit Lara-Geschichten.
2 Minuten später war ich auch schon angekommen. Er sperrte die Tür auf und stürmte mir entgegen.
„Was sagst du zu Lara?“ Ich grinste.
„Ich weiß nicht...“ Mein Grinsen wurde breiter.
„Jetzt sag schon!“, sagte er ungeduldig.
„Ach, weißt du, ganz nett…“
Thomas drehte sich um und knallte die Tür zu.
„Okay, ich erzähl dir alles, aber sei nicht böse, lass mich bitte hinein!“, rief ich.
Zögernd machte er die Tür auf. „Ehrlich?“
„Ja! Wir schreiben seit mehr als einer Woche täglich, das hab’ ich dir schon erzählt, ich weiß.
Gestern hab’ ich sie getroffen…“ Ich wartete ab.
Thomas riss die Tür auf und zog mich herein.
„WIE WAR ES?“
„Es war ziemlich cool. Sie ist echt süß. Danke, dass du ihr meine Handynummer gegeben hast!““Ich freue mich so für dich. Jetzt vergisst du endlich…“
„Du hast gemerkt, dass ich sie vermisse? Wie … ?!“
„Du bist mein bester Freund, ich merke das an deinem Verhalten.“
Ich verstummte. Ich war gerade sehr dankbar, dass ich ihn als besten Freund hatte.
„Danke, Kumpel.“
Einige Sekunden peinliche Stille folgten, die Thomas aber bald unterbrach:
„Wann triffst du Lara wieder?“
„Morgen.“
„Oh mein Gott! Nachher kommst du zu mir und erzählst mir ALLES!“
Warum wollte eigentlich jeder immer „alles“ wissen?
„Okay.“
Der restliche Nachmittag verlief nett und halbwegs normal. Abends schrieb ich Lara wieder:
Guten Abend, Lara.
Wie war dein Tag?
Steht das morgen jetzt fest?
Hab dich lieb, Lukas.
Luki :)
Langweilig ohne dich. Deiner?
Denke schon, außer du willst nicht…
Hab dich lieb.
Normal. Hab’ Thomas getroffen. War cool.
Klar, immer gerne ;)
Hab dich lieb.
Ich schickte die SMS und ging ins Bett. Ich wollte eigentlich noch die Antwort abwarten, doch kurz nachher war ich eingeschlafen. Ich träumte von Lara, die in einem Café saß und auf mich wartete.
KAPITEL 4
Nächster Tag - 09:14
Mist! Heute war Freitag! Ich sollte längst in der Schule sein! Warum hatte ich verschlafen? Ich sprang auf und ging ins Bad, duschte und putzte mir die Zähne, rannte dann zurück in mein Zimmer, zog mir das Nächstbeste an, schnappte mir die Schultasche und lief zur Schule.
Keuchend kam ich an, entschuldigte mich beim Lehrer, setzte mich und versuchte mich ein bisschen zu entspannen. Da Geschichte sehr langweilig war, war ich bald nicht mehr bei der Sache und dachte über andere Dinge nach. Was mir Lara wohl gestern zurück geschrieben hat?
Ich suchte mein Handy, fand es jedoch nicht. Oh nein, hatte ich das bei all der Hektik zu Hause vergessen? Mist. Heute war echt nicht mein Tag! Aber heute würde ich sie ohnehin wieder treffen.
Nach der Schule ging ich rasch heim, zog mir etwas Besseres an und ging Richtung Café. „Vielleicht würde ich heute Lara küssen.“, dachte ich auf den Weg, aber meine Phantasien hatten bald ein Ende, da ich beim Café angelangt war.
Ich setzte mich, ein bisschen zu früh, zu einem Zweier-Tisch in einer Ecke, dass wir in Ruhe reden konnten. Als ich mich setzte kam schon die Bedienung und fragte ob ich schon bestellen wolle. Ich verneinte, denn ich wollte noch auf Lara warten.
Plötzlich war ich aufgeregt, sehr sogar. Sah ich gut aus? Mag sie mich? Würde sie mich küssen wollen oder besser gesagt, will sie mich küssen? War es zu früh für eine neue Freundin? Wie ging es eigentlich Verena? Mich wundert es, dass ich sie nicht vermisste und nicht wissen wollte, was sie so erlebt, aber ich hatte ja kaum Zeit nachzudenken, da ich ja mit der Schule, Thomas und Lara genug zu tun hatte. Am Anfang hatte ich mich nämlich ziemlich schuldig gefühlt, weil sie ja so sensibel und verletzlich gewesen ist. Vermutlich ging es ihr ohnehin gut und ich machte mir zu viele Gedanken. Und auch meine restlichen Gedanken waren dumme gewesen. Wo war meine Selbstsicherheit geblieben? Und warum sollte sie mich auch nicht küssen wollen?
Ich schaute auf die Uhr und bemerkte, dass es bereits fünf Minuten nach zwei Uhr war. Ach, jeder kommt doch einmal zu spät. Ich sah auf mein Handy – nichts. Auch gestern hatte sie mir nicht geschrieben. Egal, vielleicht hat sie ihr Handy verlegt oder sie hat schon zu viele SMS geschrieben.
Nach fünfzehn Minuten war sie noch immer nicht erschienen. Ich schrieb ihr eine SMS:
Lara?
Warum kommst du nicht?
Hast du mich vergessen? :(
Lukas.
Dreißig Minuten später ging ich frustriert nach Hause. Warum hatte sie mir nicht zurück geschrieben und mich versetzt? Habe ich etwas Falsches gesagt? Ich war verunsichert und Plötzlich bekam ich eine Nachricht auf dem Handy:
Komm zu mir. Ich muss dir etwas erklären.
Helgenbachstraße 9.
Lara.
Da war ich ja gespannt, was sie mir zu sagen hatte.
Bin gleich da.
Lukas.
Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl, als ich 5 Minuten später in die Helgenbachstraße einbog.
Ich kam an der Nummer 9 an und stellte fest, dass ihre Eltern relativ wohlhabend sein mussten, da das Haus sehr schön war. An der Haustür klebte ein Zettel:
Lieber Lukas, komm rein, die Tür ist offen.
Ich möchte, dass du etwas über mich erfährst…
Mir jagte ein kalter Schauder über den Rücken. Das war gruselig, trotzdem war ich neugierig. Ich riss den Zettel von der Tür, trat ein und kam in eine kleine Eingangshalle, wo man sich normalerweise die Jacke und die Schuhe auszog. An der Tür, die hinausführte, klebte ein anderer Zettel:
Ich möchte, dass du einiges aus meiner Kindheit erfährst. Ich wurde 6 Jahre lang (es fing an mit 5 Jahren) von meinem Vater sexuell missbraucht. Das führte zu meiner jetzigen Krankheit – Borderline – auch genannt „Die Angst verlassen zu werden“. Ich habe nur eine leichte Form davon, da ich früh und gut behandelt wurde.
Im Internet wird es so beschrieben:
Diese Angst ist für die Betroffenen (aber auch die Umwelt) ohne erkennbare äußere Ursache. Häufig ist auch gerade das Verlassenwerden von einer nahestehenden Person besonders schrecklich für sie. Die Neigung zu intensiven, aber unbeständigen zwischenmenschlichen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen mit Suiziddrohungen/Suizidversuchen oder selbstschädigenden Handlungen führen.
Kannst du dich noch erinnern, wie du mich versetzt hast? Ich habe damals Panik gehabt, ich würde wieder verlassen werden und habe dich ins Gesicht geschlagen. Es tut mir leid. Jetzt weißt du ja den Grund. Auch meine Stimmungsschwankungen und meine Selbstunsicherheit und vielleicht andere Ereignisse werden sich nun für dich erklären.
Falls es dich interessiert: Meine Mutter hat es herausgefunden – 6 Jahre zu spät – und hat sich von meinem Vater scheiden lassen.
Und als du dich dann von mir getrennt hast, ist meine kleine sorgfältig erbaute Welt eingebrochen. Sicher, ich kann dir nicht die Schuld für meine Krankheit geben, aber dich hat es doch nie interessiert wie’s mir dabei geht, du hast mich nicht gefragt ob ich schon ohne dich leben kann. Wärst du wenigstens als Freund für mich da gewesen! Ich bin enttäuscht von dir…
Ich dachte, du wärst zu traurig, um mit mir zu reden oder mich zu sehen. Aber dann erfahre ich von ihr und ich sterbe innerlich. Das hat mir zwei weitere Therapiestunden eingebracht.
Nun bitte, geh weiter durch diese Tür.
Ich war zu schockiert, um irgendetwas zu denken und öffnete ohne Nachdenken die Tür.
Was ich dahinter entdeckte verfolgt mich bis jetzt noch in meinen Träumen: Lara – blutig und regungslos lag sie am Boden.
KAPITEL 5
2 Stunden später
„Okay, danke Lukas, du kannst jetzt heim gehen“, sagte der Polizist.
Ich nickte und meine Füße bewegten sich ohne jeglichen Widerstand. Ich wollte einfach nur weg von hier. Weg von der toten Lara. Weg von dem Mord. Weg von meiner Schuld. Weg von allem. Ich steckte meine Hände in meine Hosentaschen. In der linken spürte ich die zwei kleinen Zettelchen. Ich zog sofort meine Hände zurück und verschränkte meine Arme. Als ob diese Zettel bösartig wären. Als ob diese zwei Stück wertloses Papier Lara umgebracht hätten…
Meine Füße wurden schneller und schneller und auf einmal bemerkte ich, dass ich rannte.
Zehn Meter vor der Haustüre blieb ich stehen. Was wollte ich daheim? Hier gab es zu viele Erinnerungen. Also entschied ich mich zu Thomas zu gehen. Ich musste es jemanden erzählen und wer wäre da besser geeignet als mein bester Freund?
Ich rief ihn mit dem Handy an, ob ich vorbeikommen könne und ein paar Minuten später saß ich in seinem Zimmer und redete mir alles von der Seele.
Als ich fertig war, schwiegen wir für ein paar Sekunden, dann sagte Thomas:
„Hast du eigentlich keine Angst?“
„Angst vor was?“
„Verena hat Lara umgebracht aus Rache, sie hat gemordet. GEMORDET! Was, wenn sie sich als Nächstes an dir selbst rächen möchte?“
Die Erkenntnis traf mich hart. Ich bekam Angst. Was, wenn er Recht hatte. War ich als nächster dran? Kannte ihre Sucht nach Rache irgendwelche Grenzen? Was konnte ich tun, um mich zu schützen? Woher bekam ich Hilfe? Wem sollte ich davon erzählen?
Ich fing an zu zittern.
„Lukas! Beruhig dich!“, rief Thomas. „Es tut mir leid, dass ich dir Angst gemacht habe.“
„Ist schon okay, du hast ja Recht, aber sie werden Verena finden und einsperren und dann wird sie hoffentlich wieder normal. Thomas, ich habe solche Schuldgefühle!“
„Hast du eigentlich der Polizei gesagt, dass Verena Lara getötet hat? Hättest du erahnen können, was Verena tut? Du hast nur Schluss gemacht!“
„Nein, habe ich nicht, ich hab es im Schock vergessen. Stimmt, du hat schon wieder Recht. Ich glaube, ich muss jetzt mal heim. Meine Mutter wird sich schon Sorgen machen. Danke Thomas, für alles.“, sagte ich.
„Schon okay. Mach dir nicht zu viele Gedanken und pass auf dich auf!“
„Einverstanden. Danke noch mal!“
„Dafür bin ich ja da.“, seufzte er.
Ich ging heim und schloss mich den restlichen Abend in mein Zimmer ein.
KAPITEL 6
3 Wochen später
Alles ist wieder zur Normalität zurückgekehrt. Die ersten Tage hatte ich Albträume von toten Laras und rachsüchtigen Verenas gehabt, aber mittlerweile wurden diese Albträume weniger.
Ich vermisste Lara manchmal, aber dann sah ich die schrecklichen Bilder wieder in Gedanken und schon versuchte ich mich auf etwas anderes zu konzentrieren.
Ich hatte ein entspanntes Wochenende hinter mir und freute mich heute sogar schon auf die Schule, da ich mit Thomas und ein paar anderen Leuten aus meiner Klasse über den Film der am Samstag im Fernsehen war, reden wollte. Als ich dann in das Klassenzimmer kam, war Thomas’ Platz leer. Zuerst hatte ich mir gedacht, er würde wieder zu spät kommen, doch da er sich den ganzen Vormittag nicht blicken ließ, wunderte ich mich.
Beim Heimgehen dachte ich über Verena nach. Wusste die Polizei schon, dass Verena Lara getötet hat? Sollte ich es doch noch der Polizei erzählen? Wo war sie? Aber egal, ich will nichts mehr mit ihr zu tun haben müssen und sie sollte mir egal sein.
Da ich gerade am Fluss entlang ging, setzte ich mich auf meine Lieblingsbank, um mich zu beruhigen – dort saß ich immer wenn ich Stress hatte. Als ich mich niedersetzte, holte ich mein Handy aus meiner Hosentasche und wählte Thomas Nummer.
Plötzlich hörte ich ganz in der Nähe Musik – das Lied, das Thomas als Klingelton hatte. Ich schaute mich um und in circa fünf Meter Entfernung sah ich ein Handy im Gras liegen. Ich hob es auf und erschrak – das Handy, das ich in der Hand hielt, war das Selbe das Thomas auch hatte. Auf dem Handybildschirm klebte ein Zettel, auf dem stand:
Ist Wasser nicht wunderschön? Es scheint ruhig und friedlich, ist aber immer in Bewegung. Es hat etwas Geheimnisvolles, das aber auch durchschaut werden kann. Findest du nicht auch? Hier hatten wir früher viel Spaß, kannst du dich noch erinnern?
Wie automatisch ging ich näher zum Fluss und sah hinein. Was will mir der Zettel damit sagen? Wer hat ihn geschrieben und warum? Verena? Und was hatte Thomas` Handy damit zu tun?
Als ich gerade wieder wegschauen wollte, sah ich etwas Komisches im Fluss – etwas Handähnliches. Ich bückte mich um es genauer zu sehen.
Ich drehte mich um und rannte - so schnell wie noch nie – zu Thomas` Haus. Ich läutete Sturm bis mir seine Mutter verärgert öffnete.
„WO IST THOMAS?“, schrie ich während ich die Treppe hoch lief – immer 2 Stufen auf einmal. – und dann in sein Zimmer stürmte. Ich blickte mich um, hier war niemand.
„Äh, ich weiß nicht, ich dachte er ist vielleicht mit dir unterwegs. Was ist denn los, Lukas?“, sagte sie nervös.
„KOMMEN SIE MIT!“, schrie ich hysterisch und zog sie – obwohl sie sich anfangs ein wenig sträubte – am Arm zum Fluss. Dort angekommen zeigte ich auf den Platz im Wasser vor meiner Lieblingsbank. Als sie bemerkte, was ich meinte, brach sie zusammen.
Zuerst stand ich nur steif da, doch dann überwand ich die Angst, zog meinen besten wahrscheinlich toten Freund aus dem Wasser, warf seiner Mutter mein Handy zu, rief: „Rufen Sie die Rettung an!“, überprüfte ob er atmete, versuchte mich an den Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern und machte dann eine Herzmassage.
Das einzige, was ich in dem Moment spürte, war die Panik.
„Komm schon, Thomas!“, dachte ich.
KAPITEL 7
16 Stunden später
Auf jedem Friedhof wäre die Stimmung besser, als die in der Krankenhausambulanz, wobei ich zugeben musste, dass mir auch nicht nach Feiern zumute war. Immer wieder betete ich zu Gott, Thomas möge überlegen. Stundenlang saß ich einfach nur da und starrte ins Leere. Ich war die ganze Nacht im Krankenhaus geblieben, obwohl meiner Mutter das anfangs nicht sehr recht war, doch ich setzte mich mit wenigen Worten durch – ich glaube der Ausdruck in meinem Gesicht allein genügte, um zu zeigen, dass ich sowieso nicht hätte schlafen können, auch nicht daheim.
Nun war es schon nach sieben Uhr morgens und ich sollte eigentlich zur Schule gehen, doch auch das brachte ich nicht übers Herz, denn ich hatte das Gefühl, ich würde Thomas beim Verlassen des Krankenhaus im Stich lassen. Genau als ich doch darüber nachdachte, ob es nicht doch klüger wäre, nicht noch mehr Zeit zu verschwenden, kam plötzlich der Arzt ins Wartezimmer.
„Entschuldigung, Herr Doktor, könnten Sie mir sagen, wie es Thomas Schulze geht?“, rief ich ihm hinterher.
„Sein Zustand ist noch etwas instabil, aber ich glaube, er wird überleben. Hast du die Herzmassage gemacht?“
„Ja, ich habe es probiert.“
„Du hast damit deinem Freund das Leben gerettet!“, sagte er und ging weg, drehte sich noch einmal um und ergänzte: „Und jetzt würde ich dir vorschlagen, heim zu gehen und zu schlafen!“
Ich nickte.
Erleichtert und auch stolz machte ich meinen Heimweg, fiel dann erschöpft ins Bett und schlief sofort ein.
Als ich aufwachte, war es schon dunkel. Ich stand auf und als ich mich gerade umzog, kam meine Mutter ins Zimmer. „Das Krankenhaus hat angerufen, Thomas geht es besser, er wird bald aufwachen. Ich muss sowieso einkaufen gehen, soll ich dich ins Krankenhaus mitnehmen?“
Ich nickte nur und bald darauf betrat ich das Zimmer in dem Thomas lag. Zu meiner Enttäuschung war er noch nicht aufgewacht. Ich betrachtete den schlafenden Thomas traurig: Was hatte ich nur angerichtet? Ich war schuld, dass er hier liegen musste, dass er wahrscheinlich leiden musste – nur ich – nur ich, weil ich Verena nicht durchschaut hatte. Warum war ich so dumm gewesen? Ich hatte doch so einen Freund wie Thomas gar nicht verdient und jetzt hätte er auch noch sterben können – wegen mir.
„Es tut mir so leid.“, flüsterte ich.
Plötzlich bekam ich es mit der Angst zu tun. Verena hätte schon wieder gemordet – wegen mir. Wer war als Nächster dran? Ich? Wann? Was hatte ich ihr nur angetan mit meiner Trennung von ihr, dass sie so rachsüchtig war?
Plötzlich klingelte mein Handy – meine Mutter. „Hallo Lukas. Kann ich dich abholen, ich bin jetzt mit den Einkäufen fertig.“
„Ja.“, sagte ich nur. In letzter Zeit war mir nicht nach Reden.
„Okay. Bis gleich!“
Ich warf Thomas noch einmal einen Blick zu und ging aus dem Raum. Nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte, sah ich auch schon wie das Auto meiner Mutter um die Ecke kam und stieg kurz danach ein.
Gedankenverloren sah ich aus dem Fenster. Die Polizei hatte mittlerweile den Mord von Lara aufgegeben, da es nicht genügend Spuren gab. Ich wusste nicht warum, aber ich wollte es der Polizei nicht erzählen. Vielleicht konnte ich es noch immer nicht glauben. Ich glaubte ernsthaft an ihre Unschuld – wie naiv. Wie dumm. Doch wie weit würde Verena wirklich noch gehen? Ich bekam Gänsehaut. Ich hatte es bisher noch keinem – außer Thomas - erzählt, dass dies alles kein Zufall war. Borderline. Ich musste sofort, wenn ich heim kam, nachschauen, was das genau zu bedeuten hatte und was man dagegen tun konnte. Verena brauchte Hilfe, so schnell wie möglich! Warum hat ihr Vater ihr das nur angetan und wo war er jetzt? Wusste sie, wo er war? Wusste es ihre Mutter? Warum hatte sie nie davon erzählt? Hielt sie es für zu unwichtig oder hatte sie geglaubt sie würde mir damit Angst machen? Hätte sie aber nicht. Ganz im Gegenteil – dafür hatte ich sie zu sehr geliebt. Doch jetzt kommt sie mir vor wie jemand, den ich nicht kenne und nie gekannt habe, eine fremde Person.
Plötzlich kreischte meine Mutter laut und blieb stehen.
„Was ist los?“, schrie ich.
„Dort vorn, unser Haus!“
Ich schaute zu unserem Haus. Es stieg Rauch davon auf und in meinem Zimmer brannte es! Ich machte die Autotüre auf und rannte hinaus.
„Nein Lukas! Nicht! Du tust dir weh!“, schrie meine Mutter und rannte mir nach – doch ich war schneller.
Laufend wählte ich die Nummer der Feuerwehr und sagte ihnen Adresse und Name. Als ich auflegte, war ich vor meinen Zimmer. Es brannte noch wenig. Das Feuer war nur am Boden, denn es wurde verursacht von einem Haufen, der aus verschiedenen Sachen bestand: Ich konnte ein Fotoalbum, ein Armband und eine CD erkennen und sofort bemerkte ich, dass alle Sachen, die brannten, Dinge waren, die ich von Verena bekommen hatte oder was mich an Verena erinnerte.
Ich starrte entsetzt in mein Zimmer, wollte gerade einen weiteren Schritt hinein gehen, als ich plötzlich von jemandem weggezerrt wurde – einem Feuerwehrmann.
„Raus hier!“, rief er.
Ich drehte mich um und rannte hinaus. Doch ich lief nicht zu meiner Mutter, nein, ich rannte Richtung Fluss.
KAPITEL 8
Meine Wut in mir wuchs und ich rannte schneller und schneller, bis ich keuchend bei Verenas Haus ankam.
„WAS SOLL DAS? WAS WILLST DU VON MIR UND WARUM TUST DU DAS?“, schrie ich, so laut ich konnte.
Ich sah Verena im zweiten Stock, in ihrem Zimmer sitzend und etwas schreibend. Sie warf mir einen gelangweilten Blick zu und schrieb dann weiter.
„ICH WEISS, DASS DU MICH HÖREN KANNST, VERENA! BIST DU JETZT GLÜCKLICH?! JETZT, WO DU ALLES, WAS MIR WICHTIG IST, KAPUTT MACHST?!
GEHT ES DIR DANN BESSER, WENN ES MIR SCHLECHT GEHT?! WENN JA, DANN LASS ES AN MIR AUS UND NICHT AN MEINEN FREUNDEN UND AN MEINER FAMILIE! ICH BIN JETZT DA! MACH WAS DU WILLST! SCHLAG MICH, TÖTE MICH, WENN ES DIR GUT TUT! ABER SETZ DEM EIN ENDE! LASS NICHT ANDERE LEIDEN, WEIL ICH DIR WEH GETAN HABE! EINS WILL ICH DIR NOCH SAGEN: ES TUT MIR LEID – WIRKLICH! ICH WÜNSCHTE NUR, DU HÄTTEST MIR FRÜHER VON DEINER KRANKHEIT ERZÄHLT!“
Ich machte keuchend eine Pause und wartete.
Nach ein paar Minuten ging die Haustür langsam auf und Verena kam langsam hinaus. Zehn Meter vor mir blieb sie stehen und fragte zögernd und nervös:
„Wirst du es der Polizei erzählen?“
„Nein.“, antwortete ich bestimmt.
„Warum nicht?“
„Es geht niemanden was an.“
„ABER ICH BIN EINE MÖRDERIN UND BRANDSTIFTERIN!“, schrie Verena nun, beruhigte sich aber bald wieder.
„Ich weiß, aber ich glaube – anscheinend – noch immer in das Gute in dir.“
Verena lachte hysterisch auf. Sie überlegte einen Moment, seufzte und atmete tief durch.
„Warum hast du mich geliebt, Lukas?“, sagte sie mit leidendem Ausdruck.
„Weil du hübsch, lustig, selbstbewusst, nett und einzigartig bist. Und weil ich mich bei dir wohl fühlte, weil es einfach passte.“, schoss es aus mir hervor, ohne zu überlegen.
„Liebst du mich noch?“ Sie sagte es so kalt und unberührt, doch ich wusste, dass es sie Kraft kostete.
„Die Verena, die ich geliebt habe, gibt es nicht mehr!“, sagte ich so entschlossen, dass ich erschrak.
Verena schluckte.
Das erste Mal in meinem Leben wollte ich Gedanken lesen können. Was dachte Verena wohl gerade? Sie schien relativ harmlos, friedfertig. Wie konnte so eine Person jemanden umbringen? Ich konnte es mir nicht vorstellen, doch Menschen mit Krankheiten hatten oft zwei Seiten.
„Hast du Angst vor mir?“
„Nein.“
„Ich schon.“
Ein kalter Schauer jagte mir den Rücken hinunter, aber ich riss mich zusammen.
„Und deswegen“, fing sie entschlossen an. „werde ich ein Jahr oder mehr in Frankreich auf einem Internat verbringen. Dort kann ich mein Leben neu anfangen und versuchen, wieder alles in den Griff zu kriegen. Natürlich reist mein Therapeut mit. Wenn du versprichst, wirklich nichts der Polizei zu erzählen, steht dieser Reise nichts mehr im Weg!“
„Ich verspreche es.“
„Dann heißt es jetzt wohl leb wohl, Lukas. Tut mir leid. Für alles, was ich dir angetan habe. Tschüss, ich liebe dich.“
„Entschuldige dich nicht für eine Krankheit!“, sagte ich, ging auf sie zu, blieb kurz vor ihr stehen, schaute ihr für ein paar Sekunden tief in die Augen und küsste sie dann – kurz, aber zärtlich – auf den Mund, drehte mich um und ging.