Französisch von A bis Z Die Schriftstücke, die quer durch sein beengtes Zimmer verstreut lagen, zeichneten sich leuchtend weiß gegen das spärlich durch die von Weinreben umrankten Fenster hereinströmende Dämmerlicht ab. Wie so oft war der Strom ausgefallen, ein bereits alltägliches Übel, das ihn einige Stunden in wachem Zustand kosten würde, denn mit der Düsternis des einsetzenden Sonnenuntergang kroch auch die Müdigkeit aus dem ihr tagsüber zugewiesenen Verbannungsort hervor und brach schleichend über ihn herein. Ihn? Der blasse, schmächtige Mann mit dem hellen Haar, den man auf Anfang vierzig schätzen konnte, nannte sich Antoine – um mit dem ersten Buchstaben des Alphabets zu beginnen, das ihm einst so viel bedeutet hatte. Genauer gesagt: Es hatte sein Leben bestimmt.
Monsieur Ledoux, wie er hier mit Nachnamen hieß, bückte sich seufzend nach den vom Wind durcheinandergewirbelten Blättern. Seine armselige Kammer spiegelte Enge und Kargheit wider, doch gleichzeitig erinnerte sie ihn an den Kontrast des etwa 500 Kilometer entfernt gelegenen, geräumigen Arbeitszimmers, das voll von Geistesblitzen, Überlegungen und Verbesserungsvorschlägen gewesen war, wohlgemerkt in deutscher Sprache. Denn Antoine hatte diesen Namen nicht immer getragen, in seinem Personalausweis war vielmehr ein gewisser „Valentin Heinrich“ vermerkt, mit dem er sich sein Leben lang identifiziert hatte – bis er aus seiner gewohnten Umgebung geflohen war, nicht etwa wegen äußerer Umstände wie etwa unzumutbarer Arbeitsbedingungen, sondern aufgrund des psychischen Drucks, der auf ihm gelastet hatte… Zum ersten Mal seit langer Zeit erinnerte sich Antoine beim Blick auf die dicht beschriebenen Zettel wieder an die Ereignisse, die ihn in das kleine Holzhaus nahe des Ärmelkanals in der französischen Normandie geführt hatten.
An dem Tag, als er sein neues Büro betrat, erfüllte sich für ihn ein Kindheitstraum. Schon immer hatte er sich dafür begeistert, über aktuelle Themen zu reflektieren und heiß diskutierte Fragen auf den Punkt zu bringen, dennoch verlieh ihm der Wechsel vom Lokalblattreporter zum Journalisten des wöchentlich erscheinenden Magazins „Seven In One“ gewissen Stolz. Abgesehen davon, dass seine Artikel von nun an im ganzen Land zu lesen sein würden, hatte diese Stelle auch mit der Aussicht auf Themen von internationaler Relevanz gelockt, wie Antoine sie in der ihm nicht selten engstirnig erscheinenden ländlichen Gegend oftmals vermisst hatte. Wen kümmerte es, wie viele Pensionisten aus welchem Dorf eine Kaffeefahrt unternommen hatten, während es beispielsweise galt, die Rechte der von zahlreichen Staaten nicht anerkannten Klimaflüchtlinge zu verteidigen, die von der Zuwanderungsbehörde wieder in das Elend ihrer Heimat zurückgeschickt wurden? Im Laufe seines bisherigen Lebens hatte Antoine für sich das große Ziel auserkoren, seine Leser als guter Journalist besonders auf die für eine moderne Gesellschaft eigentlich nicht mehr zu akzeptierenden Missstände aufmerksam zu machen und für das persönliche Umdenken des Einzelnen zu sorgen – und sah nun, da er sich nicht mehr mit Kaufhauseröffnungen und Vereinsjubiläen beschäftigen musste, seine Stunde gekommen.
Er lebte sich schnell im Betrieb ein und schloss einige Freundschaften mit Kollegen, die seine Interessen teilten, gewöhnte sich allmählich auch an die Hektik der Landeshauptstadt, in deren Vorort er gezwungenermaßen übersiedeln hatte müssen, was er für den Gewinn einer Sinnhaftigkeit seines Berufs jedoch gerne auf sich genommen hatte. Bald erhielt er zu seiner Freude die ersten sich auf seine Artikel beziehenden Leserbriefe, die beinahe ausnahmslos von großem Lob und Ermutigung geprägt waren, weshalb ihn andere junge, noch weniger erfolgreiche Mitarbeiter zunehmend mit einer Mischung aus leichtem Neid und erstaunter Bewunderung betrachteten. Die Ursache für die Resonanz auf Antoines Zeilen, die damals natürlich noch unter seinem richtigen Namen erschienen, lag darin, dass er seinen Lesern aus dem Herzen sprach: Selbst wenn sie zu einer von ihm optimistisch dargestellten Angelegenheit eine vorgefasste negative Meinung hatten, verstand er es doch, einen Großteil dieser Menschen durch Argumente zu überzeugen, denen sie letzten Endes zweifellos zustimmen mussten. Umso vorteilhafter war, dass er sich für Themen wie Umweltschutz, Armutsbekämpfung und Konfliktlösung einsetzte – andernfalls hätte er möglicherweise sogar die Fähigkeit besessen, den Egoismus und Machthunger der Leute zu stärken. Warum aber konnte er die Leser regelrecht manipulieren?
Der Grund dafür war eines seiner Talente, das er selbst nie als übersinnlich, allerdings auch nicht gerade als alltäglich bezeichnet hätte: Valentin war dermaßen sensibel für die Gedanken mancher – längst nicht aller – Menschen, dass er sie teilweise bildlich vor sich sehen konnte. Was unglaublich klingt, war noch Meilen von eher dem Reich der Esoterik zuordenbarer Telepathie entfernt, doch im Wissen darum, dass seine seltene Gabe auch nur als solche verstanden werden würde, hatte er sie niemals jemandem gegenüber erwähnt. Das Aufblitzen eines bestimmten Begriffs vor seinem inneren Auge bei einer flüchtigen Begegnung, ein diese Erscheinung begleitendes Gefühl, das ihn für den Bruchteil einer Sekunde überkam – es blieb Valentins Geheimnis, ebenso wie die Fähigkeit, diese fremden Empfindungen völlig auszublenden, um an einem dicht bevölkerten Platz angesichts der unzähligen grundverschiedenen Stimmungen und Gedanken nicht den Verstand zu verlieren.
Diese Begabung war ihm also bei seiner Tätigkeit behilflich, zudem herrschte in seinem Umfeld ein angenehmes Arbeitsklima, das ihn jeden Tag mit Vorfreude das Pressegebäude betreten ließ, Streitigkeiten oder gar größere Auseinandersetzungen blieben ihm fremd… Er war sich im Klaren darüber, dass seine gegenwärtige Situation so manchem seiner ehemaligen Kollegen wie ein paradiesähnlicher Zustand erschienen wäre, und wusste sie dementsprechend zu schätzen. Neben seiner Familie, die er an jedem Wochenende, wenn andere seine Arbeit übernahmen, am Land besuchte und sich dort an der Natur erfreute, die er vor der Ankunft in der großteils vom Grau der Betonbauten bestimmten Stadt nicht in ihrer ganzen Schönheit wahrgenommen hatte, traten von nun an zwei seiner neuen Freunde, Joseph und Vinzenz, in den Vordergrund seines Lebens – und natürlich Beatrice Lichtenberger, die Chefredakteurin, von der die Veröffentlichung seiner Artikel abhing. Privat besaß Valentin zu dieser Zeit zahlreiche Hobbys; wenn er trotz seiner Vielseitigkeit einmal eine freie Minute hatte, widmete er sich der Malerei, einem weiteren Interessensgebiet, das er aufgrund des Zeitmangels oftmals vernachlässigte.
In Anbetracht all dieser Tatsachen könnte man nun meinen, Valentin hätte eine wunderbare Zukunft bevorgestanden, in der alles auf baldigen großen Erfolg hindeutete. So hätte seine weitere Karriere tatsächlich verlaufen können, wenn er ein nur auf seinen Beruf ausgerichteter Mensch gewesen wäre, dem nichts wichtiger ist als dieser – doch ausgerechnet seine herausragende Fähigkeit sollte ihn in eine schier unerträgliche Lage bringen, in die er bei durchschnittlichen Leistungen seinerseits niemals gelangt wäre. Bald bemerkte die Chefredakteurin, die übrigens die erste weibliche in ihrem Amt war und ihren Vorgängern in Kompetenz und Freundlichkeit um nichts nachstand, dass der Name eines ihrer Mitarbeiter besonders oft in den Rückmeldungen der Zeitschriftenkäufer aufschien, und beschloss, sich mit den Artikeln dieses Herrn näher auseinanderzusetzen. Beatrices erhöhtes Interesse blieb Antoine natürlich aufgrund ihrer für ihn offensichtlichen Gedanken nicht verborgen, und seine Intuition bestätigte sich darin, dass sie ihn am nächsten Tag zu sich ins Büro bat, um ihm die Gestaltung einer Seite zu überlassen, deren regulärer Verfasser für die nächsten Wochen beurlaubt worden war.
Noch während er das Angebot dankend annahm, war es um ihn geschehen. Er wusste, was mit ihm los war, und versuchte sich dagegen zu wehren, doch selbst angesichts der Absurdität der Situation blieb er hilflos, so angestrengt er auch an seine zukünftigen Arbeitspläne zu denken versuchte, denen er voll Erwartung entgegensah. In den nächsten Tagen war er bestrebt, die Gefühle zu verdrängen, die sich plötzlich seiner bemächtigt hatten, und stürzte sich eifrig in Interviews, Lokalaugenscheine und Kolumnen. Doch dann stand wieder die wöchentliche Pressebesprechung auf dem Programm, und mit einem Mal lernte er eine noch nie dagewesene Nervosität kennen, zu der sich die Bedenken gesellten, ob ihm auch wirklich nicht anzumerken war, woran er ständig denken musste… Bei der Unterredung, die bei ihm bisher niemals auch nur die geringste Aufregung hervorgerufen hatte, wähnte er sein Gesicht von auffälliger Röte überzogen und vermied jeden unnötigen Blick in Beatrices Richtung, von der er sich gleichzeitig magisch angezogen fühlte. Als er ihr seine Vorschläge unterbreitete, steigerte sich das Herzklopfen ins Unermessliche, und er befürchtete, das leichte Zittern in seiner Stimme würde den versammelten Kollegen zu denken geben – doch alles, was die Redakteurin dazu zu sagen hatte, waren von einem Lächeln begleitete Worte des Einverständnisses, die ihm für lange Zeit in Erinnerung blieben.
Das Problem an Valentins Liebe, die er sicherlich nicht gewählt hätte, wenn man über solche Dinge selbst entscheiden könnte, lag, abgesehen davon, dass Beatrice die Vorgesetzte aller Journalisten war, ihn miteinbegriffen, darin, dass er mit Sicherheit wusste, dass sie nicht dasselbe für ihn empfand. Andererseits war er in gewisser Weise abhängig von ihr, denn wann immer sie sein Büro betrat, wirkte ihre Nähe auf ihn wie Sonnenschein, und nach einer Begegnung, sei sie morgens auch nur eine flüchtige Begrüßung auf dem Korridor, schrieb er seine besten Texte, wozu er nur die Hälfte der gewöhnlichen Zeit benötigte. Auch seinen Kollegen blieb das fröhliche Strahlen, das oftmals auf seinem Gesicht lag, nicht verborgen; sie hielten es jedoch bloß für ein Zeichen, dass er sich in ihrem Betrieb wohlfühlte.
Anfangs war es für ihn nicht leicht, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, doch wie jeder mögliche Handgriff in Routine übergehen kann, wenn er nur oft genug verrichtet wird, gewöhnte sich Valentin auch an diesen Ausnahmezustand. Es dauerte nicht lange, bis es ihm erschien, als hätte er schon ewig bei „Seven In One“ gearbeitet; aus den Wochen, in denen er sich an den hiesigen Alltag gewöhnte, wurden Monate – und schließlich Jahre, die nur durch einen einzigen Wermutstropfen getrübt wurden: Sein Schmerz, der mit der unermesslichen Liebe zu Beatrice einherging, wuchs.
Mittlerweile hatte sich sein erster Arbeitstag einige Male gejährt, und da er kaum etwas anderes tun konnte, fasste Valentin seine seelische Verfassung manchmal in Worte, die, natürlich verschlüsselt, Teil seiner Fantasieerzählungen wurden, die seit zwei Jahren regelmäßig auf der vorletzten Seite des Magazins erschienen, um die Leser einmal nachdenklich zu stimmen, ein anderes Mal zu belustigen. Eine solche hatte er auch an diesem herrlichen Frühsommertag vor kurzem vollendet und der Chefredakteurin über das firmeninterne Netzwerk gesendet, als es klopfte – und Beatrice eintrat, mit einem unergründlichen Ausdruck auf dem bildschönen Gesicht und dem ausgedruckten Artikel in der Hand. Normalerweise genügte es, bei der einwöchentlichen Unterredung alle potentiellen Erscheinungen zur Sprache zu bringen (worauf sie ihm all die Jahre hindurch mit einem wohlwollenden Nicken ihr Einverständnis signalisiert hatte), deshalb ahnte Valentin sogleich, dass diesmal irgendetwas nicht stimmte. Eine seltsame Bedrängnis gesellte sich zu der vertrauten Verwirrtheit, Nervosität und dem trotzdem unbezwingbaren Glücksgefühl, das ihn bei Beatrices Anblick überkam, sodass er seinen eigenen Gemütszustand in diesem Moment nicht in Worte fassen hätte können.
„Diese Geschichte ist nicht wirklich erfunden, habe ich Recht? Es gibt in der Erzählung einige Punkte, die mich ziemlich erstaunt und an Dinge erinnert haben, über die eigentlich nur ich Bescheid wissen kann. Valentin, ich habe keine Ahnung, wie du darauf gekommen bist – doch ich habe verstanden, was du mir damit sagen möchtest.“
Während ihrer Rede hatte Valentin versucht, sich zu beruhigen und trotz Beatrices Gegenwart wieder klar zu denken. Er atmete noch einmal tief ein, wollte jenen Moment, in dem sie ihm gegenüberstand, tief in sein Gedächtnis einprägen, um ihr Bild niemals zu vergessen, hielt sich all die schier unerträglichen Tage vor Augen, an denen er nur an sie denken hatte können, seine mühsame Selbstbeherrschung in so vielen Situationen und schließlich die Neuigkeit, von der er soeben erfahren hatte: Bisher hatte er nur gewusst, dass er besonders sensibel für die Stimmungen von Menschen war – doch er hätte niemals vermutet, dass für konkrete Erinnerungen, die aus Namen, Orten oder Zahlen bestanden, dasselbe galt. Es war nicht seine Absicht gewesen, Beatrice zu überraschen, vielmehr hatte er daran gedacht, was er fühlte, wenn er sich in ihrer Gegenwart befand, und alle Einfälle, die in dieser Erzählung zur Sprache kamen, für seine eigenen Erfindungen gehalten. Nun wusste er, dass dem nicht so war, gleichzeitig jedoch auch, dass er ihr aus freien Stücken niemals von seinem Talent erzählen würde, da er in ihrer Erinnerung nicht als guter, aber verrückter Journalist verbleiben wollte. Dass sie seine Gefühle nach so langer Zeit endlich kannte, bedeutete für Valentin eine gewisse Erleichterung, was ihn selbst erstaunte, aber auch, dass für ihn nur noch eine Möglichkeit bestand, keinen weiteren Schaden anzurichten: Er musste gehen.
Und so sagte er die drei Worte, die ihm jahrelang bei ihrem Anblick auf der Zunge gelegen hatten, wie ein Geständnis, während er voll Trauer ein letztes Mal in ihre noch immer ausdruckslosen Augen sah, bevor er seine Utensilien in die schwarze Aktentasche packte und die Türklinke ergriff, wobei er einen beinahe fühlbaren Widerstand durchbrach, der in Wahrheit nur in seinem Inneren existierte, das seine Verbundenheit mit Beatrice nicht wie sein Verstand ausblenden konnte. Ohne sich noch einmal umzudrehen und damit dieser unsichtbaren Kraft nachzugeben, wandte er sich Richtung Besprechungszimmer, wo er am Vortag eine seiner wichtigsten Unterlagen vergessen hatte. Anschließend eilte er unbeirrten Schrittes zur Garderobe, warf sich den Mantel über und schlüpfte in die Halbschuhe – da fiel sein Blick auf den Tisch in der Mitte der Eingangshalle, auf der neben verschiedenster Magazine auch seine ungekürzte Geschichte lag, mit anerkennenden Worten in Beatrices Schrift unterzeichnet, ihr stiller Abschiedsgruß.
Zuerst zögerte er, doch dann bedachte Valentin, dass dies seine einzige Erinnerung an sie sein würde, und legte die fünf Blätter behutsam in eine Mappe. Endlich verließ er das Gebäude und trat hinaus in strahlenden Sonnenschein, der ihm in diesem Augenblick als bloße Ironie des Schicksals erschien, das ihm einen so gemeinen Streich gespielt hatte.
Nichts konnte ihn davon abhalten, zu tun, was er in seiner Situation für den einzig richtigen Weg hielt. Der Schmerz über seine unerfüllte Liebe überstieg alles jemals Dagewesene, nahm ihn gefangen und bescherte ihm gleichzeitig qualvolle Schuldgefühle. Das, was er für Beatrice empfunden hatte, war über all seine früheren Beziehungen während des Studentenlebens hinausgegangen, es war eine tiefe, nie gekannte Verbundenheit gewesen, und allein ihre Nähe hatte auf ihn wie der Himmel auf Erden gewirkt. Kurzum: Er wusste, dass er jede andere Frau mit ihr vergleichen und doch niemals so wunderbar wie sie finden würde, weshalb er letztlich immer nur an sie zurückdenken könnte. Deshalb kündigte Valentin seine Stadtwohnung, fuhr aufs Land, um noch einmal seine Eltern und einen Bruder zu besuchen – und brach dann ins Ausland auf, genauer gesagt nach Nordwestfrankreich.
Wo er bis zum heutigen Tag, mehr als vier Jahre nach seiner Flucht, lebte. Seit er hier, am wohl einsamsten Teil des zwei Kilometer entfernt gelegenen Küstendorfs Margou, sein Dasein fristete, hatte er, der ehemalige Journalist, keine einzige Zeitung mehr gelesen, geschweige denn durch Radio oder Fernsehen von Neuigkeiten erfahren – diese modernen Anschaffungen existierten in der Holzhütte, die er einem alten Fischer abgekauft hatte, nicht. Doch die Abgeschiedenheit von allen weltlichen Dingen störte ihn nicht im Geringsten; ganz im Gegenteil, im letzten halben Jahrzehnt war der vormals vielseitige Mann zu einem Freund der Ruhe geworden, die ihn nun pausenlos umfing. Obwohl er die französische Sprache ausgezeichnet beherrschte, kam er mit den Dorfbewohnern äußerst selten in Kontakt und kannte kaum jemanden beim Namen, da er es vorzog, im Sommer in der Umgebung seines in voller Blüte stehenden Gartens und während der anderen Jahreszeiten in der Hütte seiner früheren Lieblingsfreizeitbeschäftigung zu frönen, die er mittlerweile zu seinem Beruf gemacht hatte: Er malte. Unter dem Namen Antoine Ledoux stellte er halbjährlich Bilder in einer in der zehn Minuten entfernten nächsten Stadt, Gervais, gelegenen Galerie aus, womit er wider seines anfänglichen Erwartens vor allem bei den zahlreichen Touristen auf große Zustimmung gestoßen war und so viel Geld verdiente, dass es nicht nur zum bloßen Überleben in der Einsamkeit reichte.
Die im Winter karge, flache Landschaft ließ in Antoines Vorstellung die Erinnerung an die Berge und Täler, Getreidefelder in variierenden Gelb- und Grüntönen und weitläufigen Wälder seiner Heimat entstehen, die er in dieser Zeit in dem direkt an den Wohnraum anschließenden Atelier zum Leben erweckte, jedoch nicht, ohne in bestimmten Abschnitten seiner Gemälde völlig überraschende Formen und Figuren zu platzieren, die den Betrachter zur eigenen Interpretation anregen sollten, wenngleich sie für ihn bereits eine Bedeutung hatten. Es waren verschnörkelte, miteinander verbundene kyrillische Buchstaben (er hatte diese Schrift in seiner Schulzeit erlernt und aufgrund seiner Faszination für alles Fremdländische nie mehr vergessen), die jeweils den Namen einer Person aus seinem früheren Bekanntenkreis bildeten, die er insgeheim vermisste.
Niemals jedoch hatte er die Initialen derjenigen Frau erwähnt, die ihm von einer Sekunde auf die andere wieder so gegenwärtig wie schon lange nicht mehr erschien. Es war eine plötzliche Sturmböe gewesen, die das reparaturbedürftige Fenster des Schlafzimmers aufgerissen und die auf dem höchsten Schrank liegenden, verstaubten Blätter aufgewirbelt hatte, in demselben Moment, als Antoine, von einem seltsamen Heulen aus seinem Atelier gelockt, in den Raum gestürzt war und die Dokumente gerade noch in letzter Sekunde vor dem draußen einsetzenden Regen gerettet hatte. Ein kurzer Blick hatte genügt, um darauf die Geschichte zu erkennen, die im Grunde die Ursache seines jetzigen Loses war. Wie aus heiterem Himmel war vor seinem inneren Auge ein schemenhaftes Bild aufgetaucht, das er nur allzu schnell wieder loswerden wollte, damit es nicht Gestalt annehmen und sich wie vor langer Zeit seiner bemächtigen konnte. So gab sich Antoine nach kurzem Zögern einen Ruck, sammelte auch die restlichen Zettel ein, bemühte sich, nicht auf Beatrices Schriftzüge zu achten, und verstaute sie schließlich wieder an ihrem angestammten Platz.
Die Wanduhr, an deren lautes Ticken er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, zeigte an, dass es bereits Zeit war, das Bett aufzusuchen – jedenfalls an verregneten, trüben Wintertagen wie diesem. Bei Kerzenlicht wollte Antoine aus Prinzip nicht in seinem Atelier arbeiten, aus Angst davor, durch eine Unachtsamkeit eine seiner Leinwände, Möbel oder gar das gesamte Holzhaus in Brand zu stecken, doch bis die Stromversorgung, die in dieser armseligen Hütte schon so etwas wie Luxus darstellte, wiederhergestellt war, konnten noch Stunden, wenn nicht sogar Tage vergehen. Natürlich wurden die Haushalte der etwa 700 Einwohner von Margou dem eines einzelnen Eremiten nahe des Meers vorgezogen, darüber konnte sich Antoine nicht einmal beklagen, da er die Einöde schließlich selbst ge-wählt hatte, aus Angst, seine Mitmenschen könnten ihm wieder Schmerzen zufügen und ihn unendlich enttäuschen, wenn er sich nur auf sie einließe.
Eine Viertelstunde später lag er in seiner Schlafstätte, wegen der plötzlichen Kälte noch immer in den Bademantel gehüllt und mit Decken umwickelt. Dass die Temperatur hier an der Küste in den Minusbereich sank, hatte er zwar noch nie erlebt, doch zur Zeit fühlte es sich für ihn geradewegs so an, als habe sich der strömende Regen, der mit unverminderter Stärke gegen die Fensterscheiben und auf das Dach prasselte, in Schneeflocken verwandelt, die ihn frieren ließen, bevor er endlich in einen seiner seltenen verworrenen Träume hinabglitt.
Der Ton schien aus dem Nichts zu kommen, war mit einem Mal jedoch allgegenwärtig, durchdrang Antoines Kopf mit seinem lauten, schrillen Klang, wanderte schließlich durch dessen ganzen Körper, ließ ihn erzittern und erbeben, bis er ihn mit seiner Macht und Härte schier zu zerreißen drohte, schwoll weiter und weiter an, bis er einem markerschütternden Kreischen und Brüllen glich, das sein Trommelfell zum Zerplatzen brachte…
Mit einem Aufschrei sprang Antoine aus dem Bett, landete auf dem aus Holzbrettern bestehenden Boden und erwischte unglücklicherweise mit dem linken Fuß den kleinen Farbbehälter, den er am Nachmittag, durch das Tosen des Windes alarmiert, auf dem Weg aus dem Atelier in seiner Eile mitgenommen hatte. Mit einem Fluch, dem Schmerzenslaute folgten, tastete er nach dem Lichtschalter – ohne Erfolg, bis er zum einzigen Wasserhahn der Hütte finden würde, wäre der lilafarbene Fleck, der sich gefühlsmäßig bis zum Knie zu ziehen schien, längst eingetrocknet. Mit leisem Stöhnen richtete er sich auf und nahm, den Fuß weit von sich gestreckt, um eventuellen neuen Farbgebungen vorzubeugen, auf seinem Lehnsessel Platz. Was hatte ihn bloß aus seinem tiefen Schlaf aufschrecken lassen?
Der mittlerweile wahrscheinlich durch den Wind in eine andere Richtung getragene, nur mehr leise Klang einer Sirene gab ihm die gewünschte Antwort. Erleichtert löste er sich aus seiner unbewusst angespannten Haltung und ließ die Schultern sinken, während er laut hörbar ausatmete. Es handelte sich um ein rational erklärbares Geräusch, keines, das ihn aus seinem Albtraum bis in die Realität verfolgte und Anzeichen für beginnenden Wahnsinn war – wie konnte ihn nur eine Sirene aus dem Schlaf reißen? Höchstwahrscheinlich brannte es im Dorf, das kam schließlich öfters vor und musste auch nicht gleich eine Tragödie zur Folge haben! Paradoxerweise fielen Antoine seine gestrigen (der neue Tag musste bereits begonnen haben) Bedenken in puncto Feuer verursachende Kerzen und damit seine eigenen Erfahrungen mit Bränden ein, die, abgesehen von dem in Flammen aufgegangenen Christbaum, den sein ehemaliger Nachbar auf dem Land allerdings schnell auf den zum Glück nicht vom meterhohen Schnee befreiten Balkon befördert hatte, spärlich waren.
Da sich nun sein Pulsschlag wieder beruhigt hatte, legte sich Antoine erneut ins Bett, den sich mittlerweile ziemlich unangenehm anfühlenden Fuß auf dem Sessel platzierend. Als er endlich wieder die Augen geschlossen hatte, vernahm er unregelmäßig auf- und abschwellende Folgetonhörner – die Feuerwehr rückte also bereits aus, bald würde wieder Ruhe herrschen, nach der er sich gerade so sehr sehnte.
In der daraufhin tatsächlich einsetzenden Stille fand er sich jedoch in die völlige Dunkelheit starrend wieder und dachte an eine Zeit zurück, in der Ruhe nicht das oberste Gebot gewesen war. Allmählich wanderten seine Gedankengänge weiter zu einer Stimme, die er so unvorstellbar schön gefunden hatte, dass er ihr stunden-, wenn nicht tagelang zuhören hätte können, wenn es nach ihm gegangen wäre. Doch schnell schüttelte er diese Erinnerung von sich ab, da er nichts so sehr hasste wie Melancholie beim Gedanken an die Vergangenheit. Geschehenes konnte man nicht ändern, darum lohnte es sich auch nicht, deswegen ins Grübeln zu kommen! Antoine wälzte sich auf die andere Seite und nahm bald darauf das monotone Tropfen der Regenrinne, das sich zum Brausen des Sturms gesellt hatte, nicht mehr wahr.
Zwei Wochen später erlebte er ein Déjà-Vu. Das Wetter hatte sich gebessert, wenngleich es immer noch bewölkt war, weswegen das Licht des Vollmonds nur gelegentlich seinen Weg in Antoines Schlafkammer fand. Dies konnte jedoch nichts daran ändern, dass er immer wieder erwachte, den Vorhang noch fester zuzog und doch nichts gegen die Unruhe ausrichten konnte, die ihn in solchen Nächten erfasste. Schließlich gab er auf und machte sich auf den Weg ins Atelier, um sich dort beim Malen von der gegenwärtigen Atmosphäre inspirieren zu lassen. Was konnte vollkommener sein als die ihn umgebende Stille und Dunkelheit?, setzte er seine für ihn etwas untypischen Gedanken der Nacht vor 17 Tagen fort. Gerade wollte er die inzwischen wieder funktionierende Deckenlampe einschalten, als er irritiert innehielt, angestrengt lauschte und sich schließlich angesichts der Ungewissheit, ob er nur das Pfeifen des Windes hörte oder sich aber ein anderes Geräusch den Weg zu seinen Ohren gebahnt hatte, dem Fenster näherte.
Sobald er es geöffnet hatte, ertönte die Sirene in voller Lautstärke. Gleichzeitig vernahm er Fahrzeuglärm und meinte sogar, einzelne aufflackernde Lichter zu sehen – es erschien ihm wie eine Wiederholung der Vorgänge vom 29. Jänner. Was für ein Zufall, kam es ihm in den Sinn, dass jahrelang kein einziger Brand in Margou ausgebrochen war (jedenfalls, soweit er in seiner Abgeschiedenheit mitbekommen hatte), und plötzlich im Abstand von etwa zwei Wochen zweimal Feueralarm herrschte! War gar ein Brandstifter am Werk? Die Vermutung lag nahe, denn an Zufälle glaubte Antoine nicht. Obwohl während seiner Arbeit bei „Seven In One“ einige ihren Lauf genommen hatten… Doch für das, was manchen seiner Kollegen merkwürdig erschienen war, hatte es immer – zumindest für ihn – eine logische Erklärung gegeben, beispielsweise jene, dass er die Anwesenheit bestimmter Menschen fühlen konnte, selbst wenn sie von ihm durch eine Wand getrennt waren, sodass er sie stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort angetroffen hatte. Diese unglaubliche Gabe zählte er, wie so vieles, nun aber zur Vergangenheit, denn bei den letzten seiner spärlichen Besuche im Dorf, wo er Lebensmittel kaufte, hatte er weder fremde Eindrücke noch Gedankengänge wahrgenommen, sodass er sicher sein konnte, dass das unselige Talent endlich verkümmert war. Abgesehen vom Schreiben hatte es ihm niemals geholfen, am Ende sogar geschadet, weswegen es ihm kein bisschen leid darum war.
Wie auch immer die Ursache der seltsamen Vorgänge in Margou lauten mochte, sie betraf ihn nicht und war somit außerhalb seines Reviers, das lediglich die Hütte und den Garten ringsherum umfasste. Vielleicht sollte er beim nächsten Gang ins Dorf entgegen seines damaligen Schwurs doch eine Zeitung kaufen, um sich über das neueste Geschehen zu informieren – möglicherweise, falls er sich dann noch daran erinnern sollte. Höchstwahrscheinlich handelte es sich ohnehin nur um eine kleine Nachbarschaftsstreitigkeit, die etwas über die Ufer getreten war, in einem solch abgelegenen Ort ereigneten sich keine Tragödien. Außerdem überkam ihn bereits wieder eine bleierne Müdigkeit, die Antoine dazu veranlasste, schleunigst sein Bett aufzusuchen…
Beim dritten Mal zweifelte er beinahe an seinem Verstand. Die in der Dunkelheit leuchtenden Ziffern seiner Armbanduhr zeigten drei Uhr morgens am Sonntag, dem 4. März an, als er sich kerzengerade aufrichtete und den Atem anhielt, um das zu hören, was in seinem Traum eben noch das schrille Geschrei seines ehemaligen Vorgesetzten beim Bezirksblatt gewesen war: Eine Sirene, wie sollte es anders sein.
„Was soll das?!“ Es war das erste Mal, seit sich Antoine erinnern konnte, dass er mit sich selbst sprach – doch sein Erstaunen war zu groß, um es nicht lautstark in Worte zu fassen. Wenn es einmal in vier Jahren in einem Dorf brannte, war das nicht weiter verwunderlich, ein zweites Feuer kurz darauf war gerade noch zu tolerieren, aber zwei Wochen später wieder dasselbe Szenario zu erleben, hätte wohl bei jedem Menschen Argwohn erregt. Und plötzlich bemerkte er, dass sich in ihm, noch während er durch das beschlagene Fenster entfernte Lichter und Scheinwerfer ausmachte, die Neugier regte – eine Eigenschaft, die jeden Journalisten auszeichnen sollte, er jedoch hatte sie lange Zeit unterdrückt, bis er gedacht hatte, sie existiere nicht mehr in ihm. Nun aber kehrte dieser Funke aus seinem Unterbewusstsein zurück und setzte ihn selbst in Flammen. Als er mit einem Mal von weit her aufgeregte Rufe zu hören glaubte, gelangte ein Bild in seine Vorstellung, das er nicht mehr auszublenden vermochte: Er selbst bei der Arbeit an einem Artikel über eine mysteriöse Brandserie, dessen erster Absatz genau das beinhaltete, was er gerade erlebt hatte, sein ruckartiges Erwachen, das ungläubige Lauschen, begleitet von den wildesten Vermutungen. Allerdings sollte in logischer Folge am nächsten Tag die Aufklärung darüber stattfinden, was sich nun genau ereignet hatte…
Antoine wusste natürlich, dass er sich nicht über Nacht dazu entscheiden würde, wieder seinen früheren Beruf aufzunehmen, dazu war er nach wie vor nicht bereit. Doch sein Interesse war geweckt, und er beschloss, ebenso, wie er sich bei seiner Flucht aus der gewohnten Umgebung geschworen hatte, sich nie mehr in fremde Angelegenheiten einzumischen, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen und den Ort des Geschehens am nächsten Tag aufzusuchen.
Der kiesbestreute Pfad schlängelte sich entlang der flachen Küste dahin, die, je näher man dem auf engstem Raum dicht besiedelten ehemaligen Fischerdorf kam, jedoch anwuchs, bis sie schließlich im Ortsgebiet aus steilen, im Laufe der Zeit durch das Meer spitz geschliffenen Felsen bestand, den gefürchteten Klippen, vor denen man die im Sommer oft die Zahl der tatsächlichen Einwohner übertreffenden Touristen warnte, die hier immer wieder aus Leichtsinn und Freude am Risiko kühne Mutproben veranstalten wollten. Nun aber, mitten im Winter, standen alle Gasthäuser leer, und die Dorfbewohner verkrochen sich für gewöhnlich in ihren Häusern, um nicht den niedrigen Temperaturen ausgesetzt zu sein, die ihnen bereits wie eisige Kälte erschienen – wie gesagt, normalerweise.
Heute herrschte nämlich ein Ausnahmezustand, den man nicht mit den paar Kirchgängern erklären konnte, die sonntagvormittags den Marktplatz überquerten. Außerdem hatten sich die Leute aus Margou nicht in der Mitte ihres Ortes, sondern vielmehr am Rande der Siedlung versammelt, wo sich die Wellen wenige Meter entfernt an riesigen Steinen brachen.
„Salut!“, begrüßte Antoine die ihn jedoch kaum beachtende Menschenmenge, die großteils mit leerem Blick Richtung Meer starrte. Mit Schrecken bemerkte er, dass einige bitterlich weinten und sich verzweifelt umklammert hielten, während andere wild gestikulierend diskutierten. Um den Inhalt dieser atemberaubend schnell geführten Debatten zu verstehen, reichten nicht einmal Antoines selbst von einem in seinem Heimatland lebenden Franzosen und Freund hochgelobten Sprachkenntnisse aus. Deshalb wandte er sich an einen vertrauenserweckenden Mann Mitte Fünfzig, der offensichtlich allein gekommen war, und entfernte sich in dessen Begleitung einige Meter von der Schar. Er stellte sich kurz vor und reichte dann seinem Gegenüber, das sich Jean Paul Chartre nannte, die Hand.
„Was ist hier eigentlich vorgefallen? Qu’est-ce qui s’est passé?“
Jean antwortete ihm, während er kaum den Blick vom an diesem Tag den Himmel grau widerspiegelnden Meer wandte.
„Die schreckliche Serie begann vor drei Wochen. Madame Albiert, eine äußerst beliebte Dame im Dorf, verbrachte den späten Abend bei ihrer alleinstehenden Freundin, bis sie kurz nach Mitternacht den etwa 400 Meter weiten Weg zu ihrem eigenen Haus antrat. Doch sie kam nicht weit, denn laut ihrer späteren Angabe stürzte sich etwa an dieser Stelle, an der wir gerade stehen, ein Unbekannter auf sie und versuchte mit aller Gewalt, sie in Richtung der Klippen zu zerren. Zum Glück ist Albiert trotz ihrer zierlichen Statur ziemlich kräftig, sodass sie ihren Angreifer erfolgreich abschütteln und schließlich dank ihrer Schreie auch vertreiben konnte; dennoch erlitt sie einen Schock und wurde vorsichtshalber von der Rettung ins Krankenhaus nach Gervais gebracht, wo man aber außer ein paar Prellungen keine körperlichen Verletzungen feststellte.“
Sofort wurde Antoine klar, dass die von ihm vernommenen Folgetonhörner keinesfalls der Feuerwehr, sondern der Ambulanz zuzuschreiben gewesen waren. Schaudernd betrachtete er die von aus dem Wasser ragenden Felsspitzen übersäte Meeresoberfläche, die etwa drei Meter unter ihm lag.
„Der Täter muss offensichtlich über ihr näheres Umfeld Bescheid gewusst oder sie zuvor gesehen haben, um ihr zum richtigen Zeitpunkt aufzulauern. Furchtbar, allein die Vorstellung, was einem an diesem unwirtlichen Ort in der Dunkelheit widerfahren kann! War Madame Albiert besonders wohlhabend, oder verfügte sie über irgendetwas, das einen solchen Angriff erklären würde?“
„Über diese Frage rätselt die Polizei seit dem Bekanntwerden des Vorfalls. Die Frau ist 45 und von Beruf Buchhalterin, sie verdient nicht mehr oder weniger als die meisten anderen Dorfbewohner. Doch dieselben Umstände verwundern die Ermittler auch in den beiden anderen Fällen! Am 15. Februar ging Mademoiselle Felano, eine 32-jährige Spanierin, die sich mit ihren Eltern vor drei Jahren hier niedergelassen hat, um halb zwölf Uhr nachts nach draußen – die Familie kam aus der Großstadt und fand unser kleines Dorf so friedlich und idyllisch, dass sie nach mehreren Ferienaufenthalten gleich hier blieb, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann, aber lassen wir dieses Thema. Sie hatte entdeckt, dass ihr Hund, der um diese Zeit im Eingangsbereich des Hauses zu schlafen pflegte, verschwunden war und die Haustür sperrangelweit offen stand, und wollte ihn suchen, denn er ist ein sehr zutrauliches Tier, das normalerweise sofort auf sie zugelaufen kam, wenn sie seinen Namen rief. Zu diesem Zeitpunkt nahm sie an, ein Windstoß habe die Tür geöffnet, wie das auch schon vorher öfter der Fall gewesen war, was ihren Hund dazu verleitet hätte, noch einmal hinauszulaufen, möglicherweise vom hellen Mondlicht angelockt. Später stellte sich allerdings heraus, dass ihre betagten Eltern vergessen hatten, abzuschließen – bei ihnen macht sich bereits eine leichte Form von Demenz bemerkbar - , sodass jedermann in das Haus der Felanos eindringen konnte.
Sobald sich die Frau, übrigens arbeitet sie als Kraftfahrerin, einige Meter weit von ihrem Haus entfernt hatte, widerfuhr ihr derselbe Albtraum wie Madame Albiert etwa zwei Wochen zuvor: Jemand packte sie unsanft und zog sie unter enormer Gewaltanwendung zu den steil abfallenden Felsen. Zum Glück kam Mademoiselle Felano in letzter Sekunde ihr Vater zur Hilfe, der den Angreifer laut schimpfend bedrohte und ihn so schlussendlich in die Flucht schlagen konnte.“
Entgeistert hatte Antoine Jeans Worten gelauscht.
„Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas in einem derart beschaulich wirkenden Dorf wie Margou passieren kann! Nie wieder werde ich mich nach Einbruch der Dunkelheit vor meine Holzhütte wagen! Konnte man den Täter inzwischen ausfindig machen?“
Zu seinem Erschrecken fuhr sich nun Jean mit dem Handrücken über die Augen, die feucht zu glitzern begannen. Mit belegter Stimme fuhr er fort:
„Leider gibt es nicht den geringsten Hinweis auf die Identität des Angreifers. Noch schlimmer… heute Nacht fiel ihm erneut jemand zum Opfer, und diesmal gab es kein glimpfliches Ende. Es handelt sich um Madame Kalou, eine liebenswürdige alte Dame, die bereits ihren 87. Geburtstag feierte. Laut ihrer Tochter, einer in Gervais beschäftigten Warenkontrolleurin, die zwei Häuser von ihr entfernt wohnt, kam es öfters vor, dass sie nachts nicht einschlafen konnte und einen Spaziergang durch die Umgebung unternahm. Genau diese Gewohnheit wurde ihr diesmal jedoch zum Verhängnis, denn auch sie wurde in der Nähe des Meeres brutal angegriffen. Allerdings war Madame Kalou bereits sehr gebrechlich und ihrem Gegner natürlich haushoch unterlegen – er schaffte es, sie über die Klippen zu stoßen, wo sie vermutlich sofort ihren schweren Verletzungen erlag.“
Er wandte sich ab, um Antoine seine Tränen nicht sehen zu lassen.
„Sie war nicht nur eine gute Bekannte meiner Familie, jeder wusste sie als freundliche, herzensgute Person zu schätzen – es gab niemals Konflikte. Gerade deshalb ist mir unbegreiflich, wie das geschehen konnte!“
Antoine benötigte ein paar Augenblicke, um zu verarbeiten, was er soeben gehört hatte: Ein heimtückischer Mörder trieb sich in der Gegend herum, ausgerechnet hier, wo er sich so lange Zeit fernab von allen in größeren Menschenansammlungen herrschenden Problemen gewähnt hatte! Er sprach Jean und gleichzeitig allen Dorfbewohnern sein aufrichtiges Beileid aus. Als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte, begann er, Überlegungen anzustellen.
„Es fällt auf, dass die Opfer allesamt weiblich waren. Wäre es vielleicht vorstellbar, dass ein Mann im Vorfeld mit allen drei Frauen eine Beziehung eingegangen war, die jedoch in die Brüche ging, sodass er sich aus plötzlichem Hass an ihnen rächen wollte? Ich meine, die betagte Madame Kalou könnte die Mutter seiner dritten ehemaligen Freundin sein…“
„Nein, alle früheren Bekanntschaften der Damen wurden bereits überprüft, was bei so wenigen Einwohnern natürlich ein Kinderspiel ist“, wies Jean diese Möglichkeit vehement von der Hand. „Wo wir gerade bei dem Thema sind – ich habe Sie hier noch nie zuvor gesehen. Sind Sie etwa ein Detektiv, der durch Befragungen die Wahrheit ans Licht bringen soll, was der Polizei wieder einmal nicht gelingt?“
„Das wäre ich vielleicht gern! Keineswegs, ich bin Maler und lebe seit vier Jahren etwa zwei Kilometer entfernt von hier in einer Fischerhütte.“
„Sie meinen die Hütte des alten André, den vor kurzem das Zeitliche gesegnet hat? So lange wohnen Sie dort schon, ohne dass wir etwas von unserem neuen Einwohner gehört haben? Sind Sie eigentlich international bekannt? Ist Ihnen diese Gegend nicht zu einsam?“
„Künstler wie ich brauchen die Einsamkeit, um zu neuen Einfällen zu gelangen“, hoffte Antoine, seinen Gesprächspartner mit der halben Wahrheit überzeugen zu können. „Berühmt bin ich leider noch nicht, aber in der Stadtgalerie von Gervais gibt es halbjährlich eine Ausstellung meiner Bilder unter dem Namen „Art d´étranger“, die nächste wird am 1. April eröffnet.“
Nach einer darauffolgenden Unterhaltung über Kunst trennten sich die beiden wieder, Antoine blieb nachdenklich stehen und betrachtete das rege Treiben auf dem Platz. Um einen Mann, augenscheinlich dem Bürgermeister Pierre Murieux, von dessen Wahl vor einem Jahr sogar er gehört hatte, hatten sich die meisten Menschen versammelt; in einem Halbkreis umringten sie ihn und besprachen mit ihm harte Vorgangsweisen in Zusammenarbeit mit der Polizei, um den Schuldigen so schnell wie möglich ausfindig zu machen. Ein einzelner Polizist, der im Dorf wohnte (Antoine erinnerte sich, ihn bei einem seiner Einkäufe mit der Kassiererin über die unanfechtbare Sicherheit in Margou sprechen gehört zu haben), bewachte die Absperrung des Gebietes nahe der Klippen. Plötzlich ertönten die ersten Takte der „Kleinen Nachtmusik“ – Antoines suchender Blick schweifte erst über die Menschenmenge, bis er zu dem mit seiner Dienstuniform bekleideten Mann zurückkehrte, der inzwischen seinen Anruf in Empfang genommen hatte. Da er eine kräftige, weithin hörbare Stimme besaß, war es ein Leichtes, einen Teil des Gesprächs mitanzuhören.
„Ja, Herr Inspektor, was gibt´s? ... Wie bitte? … Nein, die ersten drei Opfer wurden in Nähe der Klippen angegriffen, ein Einbruch war mir bis dato nicht bekannt. … Gab es wieder einen Drohbrief? … Das war bereits zu erwarten. Wie ich annehme, spricht der Unbekannte auch diesmal in Rätseln, richtig? … Monsieur Perroque, Nummer 34, ich habe verstanden. Ich werde meinen Kollegen Bescheid sagen. Salut!“
Während er nun weiterhin darauf achtete, dass niemand aus Gründen der Neugier oder Schaulust die Absperrung durchbrach, entfernte sich Antoine allmählich von der Versammlung. Er wusste, dass es keiner Eile bedurfte, am besagten Tatort zu erscheinen, da die nächsten Stunden ohnehin von der Kriminalpolizei zur Sicherung der Spuren, Befragung der geschädigten Personen und Ermittlung in deren weiterem Umfeld genutzt werden würden. Später allerdings, sobald die Exekutive den Hauseigentümer, sofern dieser nicht verletzt war, wieder verlassen haben würde, wollte er sich ein eigenes Bild von den mysteriösen Vorgängen in Margou machen. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr fand er nämlich an Jeans Idee Gefallen… Doch erst einmal unterhielt er sich mit weiteren Dorfbewohnern, meist das Thema Kriminalität diskreterweise nur kurz ansprechend und sich dann erfreulicheren Dingen zuwendend, und schloss dabei so manche gute Bekanntschaft, die er, ohne es zu merken, in den letzten Jahren vermisst hatte.
Wie einfach wäre es in früheren Zeiten gewesen, sinnierte Antoine, während er nachmittags auf der Suche nach Haus Nr. 34 durch die Straßen ging, als er noch seine außergewöhnliche Gabe besessen hatte. In einem solchen Fall hätte er sich lediglich an einem dicht bevölkerten Platz aufhalten müssen, und schon wäre er durch sein unglaubliches Gespür zum Täter geführt worden – derjenige, der das Verbrechen begangen hatte, stammte offensichtlich aus Margou, denn niemand sonst hätte um die Gewohnheiten der Opfer wissen können. Nun aber musste er sich mit denselben Voraussetzungen zufrieden geben, die jedem normalen Menschen eigen waren, und konnte nicht mehr auf die Kräfte vertrauen, die ihn scheinbar verlassen hatten.
Es dauerte nicht lange, bis er vor dem richtigen Gebäude stand, denn die Häuser mit geraden Hausnummern waren der Reihe nach auf der linken Straßenseite angeordnet. Auf der Bank vor dem Eingang saß ein Mann um die Dreißig, der, einen leicht verwirrten Eindruck machend, misstrauisch um sich schaute, als ob der Täter jederzeit wieder zurückkommen könnte. Im Vorbeigehen ließ Antoine den Anschein entstehen, er würde nur zufällig auf das Schild neben der Tür sehen, das in ihm allerdings eine Erinnerung erweckte.
„Ist das nicht das Haus, in dem heute Morgen eingebrochen wurde?“, zeigte er sein Interesse.
„Ja, es gehört mir“, brummte Monsieur Perroque nun, ohne ihm sichtliche Aufmerksamkeit zu schenken.
„Leben Sie allein? Wie geschah es? Sie müssen wissen, ich bin neu zugezogen und habe erst vor kurzem von den schrecklichen Ereignissen gehört.“
Der Mann seufzte tief. „Ja, ich habe keine Familie. Und der Täter kam durchs Fenster, hinterließ keinerlei Spuren, dafür aber einen gewaltigen Schrecken.“ Offenbar stand er noch immer unter Schock und wollte nicht näher über den Vorfall sprechen. Doch Antoine wusste, dass dies seine einzige Chance war, etwas Genaueres in Erfahrung zu bringen, und gab daher nicht so schnell auf. Sich unaufgefordert neben ihn setzend, entgegnete er:
„Natürlich kann ich verstehen, dass Sie dieser Einbruch äußerst beunruhigt! Aber was ist denn nun genau passiert, sind Sie dem Schuldigen etwa sogar gegenübergestanden? Welch eine furchtbare Vorstellung, sich in einer solchen Situation zu befinden!“
„Nein, so war es zum Glück nicht“, beschwichtigte Monsieur Perroque Antoine, der genau das erreicht hatte, was er wollte. „Ich habe das Fenster meines Zimmers wie gewöhnlich kurz nach dem Aufstehen geöffnet, um zu lüften, dann ging ich in die Bäckerei dort drüben und kaufte Gebäck für das Frühstück. Als ich zurückkam, um es wieder zu schließen, erkannte ich auf den ersten Blick, dass etwas nicht stimmte: Der bunte Stein, ein Geburtstagsgeschenk meiner Schwester, der sich normalerweise auf dem Schreibtisch befand, war verschwunden, dafür lag dort ein zusammengerolltes Blatt, auf dessen Innenseite zwei gedruckte Zeilen standen: ‚Ich befinde mich in der Mitte, doch bis ihr der Wahrheit näherkommt, ist die erste von fünf Runden längst beendet‘. Etwa zehnmal las ich diese Worte und konnte mir doch ihren Sinn nicht erklären, bis ich schließlich fähig war, wieder aufzustehen und die Polizei zu rufen. Schon von Anfang an hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte, da das besagte Fenster drei Meter über dem Boden liegt und die blanke Mauer zudem keinerlei Halt für jemanden bietet, der sie besteigen möchte. Natürlich könnte der Täter eine Leiter verwendet haben, doch ich kann mir nicht vorstellen, wie er sie in dieser kurzen Zeit benutzt haben sollte – außerdem gab keiner der Nachbarn und Passanten bei der späteren Befragung an, jemanden gesehen zu haben, der eine Leiter bei sich trug, was schließlich sofort aufgefallen wäre. Und dann musste mir der Kommandant der Spurensicherung auch noch mitteilen, dass es keine Fingerabdrücke gibt… Überhaupt nichts, nur besagten Brief und das Wissen, dass der an sich wertlose Stein gestohlen wurde… Ich verstehe das einfach nicht!“
Noch immer vor Ungläubigkeit den Kopf schüttelnd, verstummte Perroque wieder, während Antoine langsam begriff, weshalb der Mann leichenblass war und aussah, als sei er einem Geist begegnet.
„Ich hoffe für Sie und alle anderen Opfer, dass der Fall möglichst bald aufgeklärt wird. Denken Sie am besten nicht mehr darüber nach, sondern achten Sie in Zukunft darauf, ihre Fenster und Türen immer zu verschließen!“, riet er ihm, bevor er sich von Perroque, der seine Umwelt schon wieder völlig ausgeblendet und damit begonnen hatte, leise vor sich hin zu murmeln.
Für den 10. März hatte der Bürgermeister aufgrund der augenblicklichen Notlage eine Versammlung angesetzt, zu der jeder Bürger erscheinen durfte, um seine eigenen Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen zu unterbreiten. In den letzten sechs Tagen hatte Antoine ebenso wie die Polizei nichts weiter in Erfahrung gebracht, als dass drei Frauen und ein Mann, zwischen denen weder Verwandt- noch nähere Bekanntschaft bestand, der Reihe nach Opfer einer Verbrechensserie geworden waren, die Perroque unverletzt überstanden hatte, während Madame Kalou inzwischen begraben worden war.
Während die zahlreich erschienenen Dorfbewohner, darunter auch Antoine, vor dem Rathaus auf den Bürgermeister warteten, der zuvor noch einen kranken Mann besuchte, der heute seinen 90. Geburtstag feierte, wurden die wildesten Vermutungen laut. Selbst Ledoux erregte dadurch, dass er den meisten fremd war, verhaltenes Misstrauen, dem er jedoch sofort entgegenkam, indem er sich erneut vorstellte. Auch hier wurde ein Künstler als höchst interessante Persönlichkeit angesehen, und die Fragen, die sein Beruf bei ihnen aufwarf, stellten für kurze Zeit den Gedanken an den Mörder in den Schatten.
Als Monsieur Murieux schließlich bei den Wartenden eintraf und sich im Moment seines Erscheinens bereits für die leichte Verspätung entschuldigte, bot er weiteren Grund zur Ablenkung: Eine Taube, die das Treiben zuerst vom benachbarten Dach aus beobachtet hatte, schien sich für ihn besonders zu interessieren und setzte sich geradewegs auf seine Schulter. Der Bürgermeister aber war von der Anwesenheit des Tiers offenbar nicht sehr begeistert und schrie vor Schreck laut auf, während er wild gestikulierte, womit er den Vogel verständlicherweise vertreiben konnte. Durch dieses Vorkommnis erheitert, begannen zuerst einzelne Leute zu lachen, bis schlussendlich die ganze Menge miteinstimmte – einschließlich Murieux, der seinen Bürgern die Belustigung über seine Reaktion sichtlich nicht übelnahm.
„So etwas ist typisch für ihn. Er hat Humor, eine oftmals unterschätzte Eigenschaft, die es ihm ermöglicht, nicht wie die meisten Politiker in der Umgebung alles, was ihn selbst betrifft, todernst zu nehmen“, ließ sich eine tiefe Stimme vernehmen, die Antoine nach einem Blick zur Seite Jean zuordnen konnte, der sich unbemerkt zu ihm gesellt hatte. Gemeinsam folgten die beiden Männer dann den anderen Leuten, die ins nun endlich geöffnete Rathaus strömten.
Im Inneren des Gebäudes schlug die vormals fröhliche Stimmung allerdings wieder in Bedrückung um, denn plötzlich erinnerte sich jedermann an die Angelegenheit, aufgrund der er hier erschienen war. Antoine, der angesichts dessen bereits vorhin nicht sonderlich fröhlich gewesen war, fühlte sich immer unbehaglicher, je mehr Details der Bürgermeister in seiner Eröffnungsrede über den Fall verlautbaren ließ.
„Alle vier Opfer wurden zunächst, wie die Polizei vor kurzem bekanntgab, durch rätselhafte Schreiben bereits vorgewarnt. Sollte also jemand ein solches vorfinden, alarmiere er sofort die Polizei und bleibe auf keinen Fall in seinem Haus, sondern suche Unterschlupf bei Bekannten. Der Sinn dieser Nachrichten steht nach wie vor im Dunkeln, allerdings sei jedem geraten, keinesfalls selbst seiner eigenen Vermutung nachzugehen und sich dabei uneinschätzbarem Risiko auszusetzen. Zweckdienliche Hinweise werden nach wie vor von der Exekutive angenommen.“
Daraufhin meldete sich ein Dorfbewohner, der sich offenbar gern selbst sprechen hörte, zu Wort, zwischen den einzelnen Sätzen immer wieder dramatische Pausen einlegend.
„Wir können und dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen: Der Mörder ist mitten unter uns. Sofern er nicht ohnehin hier zugegen ist, um zu hören, welche Sanktionen gegen ihn beschlossen werden, und sich davor wappnen zu können, so ist es doch sicher, dass er aus diesem Dorf stammt, hier lebt und möglicherweise auch arbeitet, als unauffälliger Mitmensch, in dem wir alle einen vertrauenswürdigen, guten Bürger sehen. Wir glauben, ihn in- und auswendig zu kennen – doch in Wahrheit macht er sich hinter unserem Rücken über unseren naiven Glauben lustig, er könne keiner Fliege etwas zu leide tun. In Zeiten wie diesen ist Misstrauen angebracht, auch wenn es euren besten Freund betrifft – denn das Böse kann an der nächsten Ecke auf uns lauern, ohne dass wir auch nur etwas davon ahnen!“
Damit entschwand er wieder auf seinen Platz in der zweiten Reihe, ein betretenes Publikum zurücklassend.
Am Ende machte noch der Dorfpolizist Anstalten, sich hinter das Rednerpult zu begeben.
„Meinst du, dass das noch nötig ist?“, raunte Murieux ihm mit hochgezogenen Augenbrauen und einem flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr zu. „Ich muss nämlich bald einen wichtigen Termin wahrnehmen, und die Bürger sind ohnehin schon informiert… Ehrlich gesagt fürchte ich, dass sich der Täter, sollte er tatsächlich die Frechheit besessen haben, zu dieser Versammlung zu erscheinen, nicht freiwillig melden wird.“
Doch der Sicherheitsbeamte ließ sich nicht beirren. „Man soll nichts unversucht lassen“, damit ging er über die Steinstufen in die Mitte des Saals, wo er noch einmal die wichtigsten Fakten über die mysteriösen Vorgänge verlautbaren ließ.
„Die geschädigten Opfer: Madame Albiert, 45, Buchhalterin, in der Nacht auf den 15. Februar; Madame Felano, 32, Kraftfahrerin, in der Nacht auf den 29. Februar; Madame Kalou, 87, Pensionistin, in der Nacht auf den 4. März, tödlicher Sturz über die Klippen; Monsieur Perroque, 28, Chemiker, am frühen Morgen des 4. März, er blieb als einzige Person unverletzt. Leider muss die örtliche Polizei in Zusammenarbeit mit den Kollegen in Gervais bekanntgeben, dass es zwischen den Leuten keinerlei Zusammenhang gibt, der einzige Hinweis, dass alle Menschen einen Arbeitsplatz in der Stadt hätten, wird von der Tatsache des Mordes an der alten Frau zunichte gemacht, ein weiterer auf einen Hass des Täters auf weibliche Personen durch den Diebstahl bei Monsieur Perroque. Wir müssen zugeben, dass wir vor einem Rätsel stehen, und bitten die Bevölkerung nochmals um Mithilfe, um dieses Verbrechen aufzuklären.“
Zu einem konkreteren Ergebnis gelangte niemand, sodass die Konferenz nach einigen Minuten des Schweigens auf die Frage nach etwaigen Spuren oder Hinweisen für beendet erklärt wurde. Wie so viele verließ Antoine das Gebäude gesenkten Hauptes, und es war ihm, als verfolgte ihn die betroffene Stimmung noch, nachdem er sich von Jean verabschiedet und wieder auf den Weg in sein Atelier gemacht hatte. Selbst in die Farben seiner Bilder mischte er an jenem Tag zu viel Schwarz, sodass sie ebenso trübselig aussahen, wie ihm nach der Besprechung zumute war.
Die Kunde vom nächsten Fall ereilte Antoine durch das Radio, als er mit dem Auto über die Bundesstraße nach Gervais fuhr – neuerdings verspürte er nämlich nicht mehr das Bedürfnis, sich von allen weltlichen Ereignissen fernzuhalten. Für die bevorstehende Ausstellung transportierte er bereits die ersten seiner Gemälde in die Stadt, die vom Galeristen noch begutachtet und, so war es jedenfalls in allen vorangegangenen Monaten geschehen, für gut befunden werden würden.
„Donnerstag, 22. März, 9 Uhr, willkommen zu den Nachrichten. – In der Nacht auf heute erlitt eine Frau aus Gervais den Schock ihres Lebens. Als sie von der Arbeit in der größten Firma der Stadt nach Hause zurückkehrte, erblickte sie vor ihrer Tür ein Paket, das jemand irrtümlicherweise dort hingelegt haben musste. Adressiert war es nämlich an Monsieur Umbert, einen Mitarbeiter der Arzneimittelfirma Francopharm, der nebenan wohnte. Sie wollte es ihrem Nachbarn bringen, als ihr auffiel, dass kein Absender angegeben war und es noch dazu verdächtig tickte – sofort holte sie die Polizei, die das Paket von Sprengstoffexperten öffnen ließ. Tatsächlich handelte es sich um eine winzige Bombe mit einer Reichweite von zwanzig Zentimetern, die jedoch imstande gewesen wäre, dem Öffner des zweifelhaften Geschenks eine Arm- oder Gesichtsverletzung zuzufügen. Der daraufhin informierte Monsieur Umbert zeigte sich zutiefst erschrocken; er ist eines der jüngsten Mitglieder des Konzerns und zog erst vergangenes Jahr aus Margou in die Stadt. Ein Zusammenhang mit der rätselhaften Angriffs- und Überfallserie im genannten Dorf kann nicht ausgeschlossen werden.“
Resigniert stöhnte Antoine auf. Es gab nichts mehr, was man tun konnte – er hoffte bloß, dass ihm kein Vorfall in der Nähe der Galerie ab 1. April die Besucher vertreiben würde.
Bis zum 30. März hatte die Polizei bereits jede nur erdenkliche Spur verfolgt, und versprach sie auch noch so wenig Aussicht auf Erfolg – doch es gab schlicht und einfach keinen Hinweis darauf, zu welchem Zweck jemand diese Taten begangen haben sollte, geschweige denn auf die schuldige Person.
Soeben hatte Antoine sein letztes Bild an der weißgetünchten Wand des Ausstellungssaals angebracht, übermorgen sollte seine Galerie eröffnet werden. Noch einmal schwebte sein prüfender Blick über dem Raum, der gerade von einer zu seiner Überraschung kunstinteressierten Putzfrau gesäubert wurde.
„Ich selbst kann solche Gemälde nur bewundern, doch meine Schwester ist weitaus begabter, sie zeichnet und malt, wann immer es ihr Terminkalender zulässt. Sie sprach schon öfters davon, dass sie sich gerne als Künstlerin versuchen möchte, doch obwohl sie bereits einige meiner Meinung nach sehr schöne Werke fertiggestellt hat, würde sie sich nicht zutrauen, eine eigene Ausstellung zu eröffnen. Es entmutigt sie, wie viele Komponente stimmen müssen, damit daraus ein Erfolg wird: Die Begabung des Malers, das Gefallen des Galeristen an den Gemälden, die Besucheranzahl, deren Bewertung der Werke, finanzielle Mittel, die Gewogenheit der Journalisten, die für Zeitungen oder im Fernsehen darüber berichten… Das hat in seiner Komplexität Ähnlichkeit mit einem Betrieb, in dem ebenfalls alles Mögliche koordiniert werden muss, sagt - “
Ein dumpfer Schlag, und Antoine war von seiner Stehleiter gefallen.
„Jaaa! Das ist es! Derselbe Betrieb, aber völlig verschiedene Abteilungen! Koordination! Genau!“, schrie er wie von Sinnen, während er, sich das schmerzende Bein haltend, durch den Raum sprang. „Richten Sie Ihrer Schwester ein großes Dankeschön aus! Und viele Grüße!!“ Damit nahm er seinen Mantel und schlug die Tür hinter sich zu, eine in höchstem Maße erstaunte Putzfrau zurücklassend, die ungläubig vor sich hin murmelte: „Dass Künstler ziemlich exzentrisch sein können, habe ich ja schon gehört, aber dieser scheint gestern wohl etwas zu tief ins Glas geschaut zu haben!“
Derweil war Antoine bereits auf dem Weg zum größten Betrieb der Stadt, eben dem Pharmakonzern, aufgeregt mit seinem Freund Jean telefonierend.
„Weißt du, in welcher Firma die Tochter von Madame Kalou Warenkontrolleurin ist? Nein? Dann bitte ich dich, das auf der Stelle herauszufinden!“ Kurze Zeit später stand es fest: Francopharm. „Nun benötige ich den Namen des Arbeitgebers der restlichen Opfer!“ Nachdem Jean den des letzten, Monsieur Perroque, angegeben hatte, erkundigte er sich keuchend noch einmal, da ihm Antoine auf alle bisherigen Fragen die Antwort verweigert hatte: „Könntest du mir nun bitte verraten, was das soll? Ich laufe gerade wie ein Verrückter durch den Ort und ziehe allerlei merkwürdige Blicke auf mich, um dir deine Informationen zu beschaffen!“ Doch der Maler zeigte sich unbeeindruckt: „Wenn du es unbedingt wissen willst: Ich bin dabei, Margou vor einer Katastrophe zu bewahren. Bis später!“ Damit legte er auf.
Sein nächstes Ziel war die Firma Francopharm selbst – denn dort arbeiteten alle vom Unbekannten geschädigten Personen, im Falle der alten Dame eben deren Tochter. Vor dem Eingang bremste Antoine kurz ab und hoffte, ein Relikt der Vergangenheit, das ihm nun wie kein anderer Gegenstand behilflich sein könnte, würde sich noch in seiner Geldbörse befinden. Tatsächlich – da war sein Journalistenausweis! Diesen zeigte er gleich darauf an der Empfangstheke vor.
„Ich bin Valentin Heinrich von der Tageszeitung ‚Aujourd´hui En Normandie‘. Im Rahmen unserer Serie ‚Regionale Firmen von A bis Z‘ haben wir diesen Betrieb ausgewählt, um ihn unseren Lesern ausführlich vorzustellen. Darum bitten wir um die Erlaubnis, Ihren Chef interviewen zu dürfen.“
Das junge, gelangweilt wirkende Mädchen fand es zu Antoines Freude offenbar nicht notwendig, deswegen bei ihrem Vorgesetzten anzufragen. Stattdessen interessierte es sich für ihn selbst.: „Sie tragen einen deutschen Namen?“ „Ja, ich bin der Arbeit wegen hierher gezogen“, antwortete er, bereits vor der Treppe angekommen, die in den ersten Stock führte. Dort fand er ein Schild vor, das anzeigte, dass der Chef der Firma im dritten Obergeschoß anzutreffen war. Nichtsdestotrotz klopfte er bereits an der ersten Tür des zweiten Stockwerks an, wo laut deren Aufschrift die Administration ihren Sitz hatte. Eine ältere Frau bat ihn herein, bevor er sein Anliegen vorbrachte: „… Nachdem ich bereits beim Chef zu Besuch war, möchte ich mir noch ein Bild von der Verwaltung des Betriebs machen – einschließlich all Ihrer Aufgaben, Pflichten und so weiter…“
Die zuvorkommende Dame willigte sofort ein und forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Plötzlich ächzte Antoine, gleichzeitig schloss er die Augen.
„Um Himmels Willen, was ist denn mit Ihnen los?“, sorgte sich die Frau sogleich um ihn.
„Es ist nichts Ernstes, ich leide nur hin und wieder an Kreislaufbeschwerden…“
„Soll ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“
„Oh, das wäre sehr freundlich von Ihnen…“
Sobald sie im angrenzenden Raum verschwunden war, erhob sich der plötzlich wieder genesene Antoine – und schloss die Verbindungstür kurzerhand mit dem Schlüssel ab, den die Dame, wie auch schon seine Kollegen bei „Seven In One“, in der Untertasse der Zimmerpflanze am Fensterbrett versteckt hatte. Dann wandte er sich seelenruhig dem Computer zu, in dem sämtliche für „Francopharm“ relevante Ereignisse gespeichert waren.
Während er die nach dem Alphabet geordneten Datenbanken aller jemals beschäftigten Mitarbeiter durchging, durchzuckte ihn plötzlich ein Gedankenblitz. Kurzerhand lieh er sich den auf dem Schreibtisch liegenden Füller sowie ein Notizblatt aus und schrieb das gesamte Alphabet auf. Anschließend versah er jeweils den Anfangsbuchstaben eines Opfers mit einem Kreuz – und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen: Mit A beginnend war ausgerechnet jeder sechste von dem Täter heimgesucht worden! „Die erste Runde von fünf“ – das bedeutete, dass dieser nach sechs Geschädigten wieder bei B beginnen wollte, nach weiteren sechs bei C, usw., es gab also sehr wohl ein System! Nun kam Antoine auch wieder die Zeile in den Sinn, in der es hieß: „Ich befinde mich in der Mitte“, was laut dieser Deutung die Mitte des Alphabets sein musste, also entweder M oder N, und mit diesem Buchstaben wiederum begann mutmaßlich der Nachname des Täters.
Bereits die verwunderten Rufe der Frau vernehmend („Irgendwie klemmt die Tür plötzlich, können Sie mir bitte helfen?“) und ihr lautstark versichernd, er würde sein Möglichstes tun, um die Klinke wieder in Bewegung zu bringen, entdeckte er auf einmal eine Person, mit der er niemals gerechnet hätte. Doch er hatte sich keinesfalls in der Zeile geirrt, der Eintrag besagte tatsächlich: „Murieux, Pierre, geb. am 19. 1. 1969, Buchhaltung, beschuldigt wegen Datenverkaufs an Konkurrenz, Gespräch mit Firmenleitung am 24. 11., fristlose Entlassung 25. 11. des Vorjahres.“
Damit war alles klar. Bald darauf hatte Antoine auch das nächste Opfer ausfindig gemacht, das dem System folgend mit Z beginnen musste – ein gewisser Carl Zarnier, der ebenso wie Mademoiselle Kalou Warenkontrolleur war. Auch bei ihm war nämlich die Notiz hinzugefügt worden, dass er im Fall der an andere Pharmakonzerne verratenen Verkaufs- und anderen Zahlen ausgesagt hatte; allerdings hatte man keinem der befragten Mitarbeiter den Namen des Beschuldigten genannt, um sicherzugehen, dass sie nichts aus reiner Bosheit gegen ihn erwähnten.
Endlich ließ Antoine seine Aufzeichnungen in seiner Hosentasche verschwinden, sperrte auf und beförderte den Schlüssel blitzschnell wieder in den Untertopf, bevor er die Tür sperrangelweit öffnete und der bereits etwas verängstigten Beamtin erklärte, er habe eben schon jemanden anrufen wollen. Etwa zehn Minuten lang dauerte das anschließende Interview, das mit von ihm frei erfundenen Fragen nur dazu dienen sollte, den Schein zu wahren, dann konnte er endlich nach Margou fahren, wo er hoffte, Monsieur Zarnier noch wohlauf vorzufinden.
Aufgrund seiner früheren seltenen Besuche im Ort erfuhr er erst beim Anblick eines Plakats von der 400-Jahres-Feier des Markts Margou, die heute mit einem Dorffest begangen wurde. Also parkte er vor der Einfahrt und betrat das Ortsinnere zu Fuß, zu seiner Linken bereits den Bürgermeister erblickend, der, auf dem Podium stehend, bereits zur Eröffnungsrede ansetzen wollte. Doch Antoine kam ihm zuvor, indem er so schnell er konnte zu ihm hinauflief und kurzerhand selbst ins Mikrofon sprach.
„Der Vortrag dieses Mannes hätte sicherlich auch von den Verbrechen der letzten Wochen gehandelt. Nun aber muss ich euch mit der Wahrheit konfrontieren: Unser Bürgermeister selbst ist der Schuldige. Ich verfüge über handfeste Beweise, dass er vergangenen November aus der Firma Francopharm entlassen wurde, da er sein Amt als Buchhalter dazu missbrauchte, geheime Informationen an die Konkurrenz zu verkaufen. Alle Personen, denen bereits etwas zugestoßen ist oder deren Verwandte zu Schaden kamen, haben in seinem Fall ausgesagt, allerdings wurden sie nicht darüber in Kenntnis gesetzt, wer der Verdächtige war. Und ich bin mir sicher, dass noch einige andere von euch in diesem Betrieb arbeiten und auf seiner Liste stehen, deren System ich euch später gerne erklären werde – so beispielsweise Monsieur Carl Zarnier, der sich erfreulicherweise gerade lautstark gemeldet hat. Er wäre das nächste Opfer einer Serie gewesen, die für Murieux nicht nur Rache, sondern auch etwas völlig anderes bedeutet hatte: Wie ich einer Zeitung entnehmen konnte, werden am Ende des Jahres für Bürgermeister, die sich besonders für die Einwohner ihres Ortes engagieren, überraschend hohe Prämien vergeben – und dieses Zusatzgehalt könnte er nach der Entlassung aus seinem Nebenberuf gut gebrauchen, deshalb gab er vor, durch diverse Versammlungen und Konferenzen wie der am 10. März die Gemeinschaft und Sicherheit im Dorf stärken zu wollen. Seine Bürger sollten unwissentlich dem Mörder einer alten Dame zu größerem Verdienst verhelfen!
Um Murieux‘ Vorgangsweisen zu erklären, muss man lediglich an seinem Haus vorbeifahren, in dessen Garten auffällig viele Tauben ein- und ausfliegen – denn er züchtet Brieftauben, wie einige von euch wissen werden und mir mein Freund Jean-Paul Chartre bestätigen konnte. Diese setzte er dazu ein, seinen Opfern Nachrichten zukommen zu lassen und bei Monsieur Perroque auch einen Stein zu stehlen, was erklärt, weshalb nirgends Fingerabdrücke oder Fußspuren gefunden werden konnten. Und nur er als Bürgermeister, der regelmäßig Besuche bei Geburtstagen oder Krankheitsfällen abstattet, konnte so genau über Gewohnheiten wie geöffnete Fenster oder nicht abgesperrte Türen informiert sein! Es tut mir leid, dass ich den Mythos des unfehlbaren Gemeindepolitikers zerstören musste, doch dadurch konnten einige Bürger vor schrecklichen Ereignissen bewahrt werden.“
Im Laufe seiner Rede war das allgemeine Raunen immer lauter geworden, bis die Bewohner von Margou nun die fünf auf Murieux zukommenden Polizisten aufforderten, ihn zu verhaften. So schnell ging es dann doch nicht, da diese zuerst die städtische Behörde benachrichtigen mussten, aber schließlich klickten die Handschellen, und der gefährliche Bürgermeister, der mit starrem Gesicht zu Boden geblickt und eisern schwieg, wurde abgeführt. Mit einem Streifenwagen fuhr ihn die Exekutive nach Gervais, von wo er für sehr lange Zeit nicht mehr zurückkehren würde.
Daraufhin erfolgte die eigentliche Feier, in der man Antoine für seinen Einsatz dankte und ihm sogar das Bürgermeisteramt anbot – doch da lehnte der Maler entschieden ab, da es ihm immer noch einfacher erschien, als Detektiv dunklen Machenschaften auf die Spur zu kommen, als in wichtigen Angelegenheiten ein ganzes Dorf zu vertreten. Bis zum Sonnenuntergang dauerte das Fest, endlich verabschiedete sich Ledoux von hunderten begeisterter Menschen mit dem Versprechen, bald wieder der nächsten Einladung zu folgen, die diesmal von einem Geburtstagsfeiernden ausging.
Während er den schmalen Pfad entlangwanderte, wie er es auch schon getan hatte, bevor die mysteriösen Ereignisse geschehen waren, bemächtigten sich seiner gemischte Gefühle. Voll Freude dachte er an die 21 kriminellen Taten, die er durch seine wenn auch etwas eigenwillige Ermittlungsarbeit verhindern können hatte – doch es war den Aufwand wert gewesen, außerdem hatte ihm der Dorfpolizist, nachdem er von seinem Besuch bei Francopharm informiert worden war, versprochen, dass er nichts zu befürchten haben würde. Die Exekutive wollte diesen Einfall für sich beanspruchen und ihn, falls jemand genauer nachfragte, als beauftragten Detektiv ausgeben, der nur noch nach dem letzten Beweis gesucht hatte, um Murieux verhaften zu können. So würde Antoine zwar nicht in die Schlagzeilen kommen, aber die Dankbarkeit der Leute aus Margou und die mögliche Rettung von Menschenleben war ihm viel wichtiger. Möglicherweise hätten ihm die Reporter auch unangenehme Fragen nach seiner Vergangenheit gestellt…
Es war das Alphabet gewesen, das ihn zur Lösung geführt hatte, wie paradox; bestimmte Dinge schienen einen immer wieder einzuholen. Wie auch seine Gabe, fiel ihm ein, denn sie war zurückgekehrt – oder besser gesagt immer schon dagewesen, doch er hatte nicht mehr daran geglaubt, bis er in der Nähe des Bürgermeisters plötzlich unbeschreiblich missmutig geworden war. Vielleicht sollte er auch wieder mit dem Schreiben beginnen und beispielweise von einer gewissen Beatrice Lichtenberger erzählen, die hier ohnehin niemandem bekannt war?
Eine Taube erhob sich in die Luft über den sich an den Felsen brechenden Wellen und flog den hinter den Wolken hervorkommenden Sonnenstrahlen entgegen.