"Mankind"
Moritz Kornberg...

Mankind Die Geschichte der Menschheit ist ein Trauerspiel, das sich durch die letzten Jahrtausende unseres Planeten zieht. Moral und Nächstenliebe werden gepredigt, doch wo bleibt das Versprochene, das Verlangte, das ewig Gewollte? Täglich sterben Tausende, Menschen wie wir, direkt oder indirekt durch die Hand des Nächsten der sie eigentlich liben sollte.Wie konnte es nur so weit kommen, in einer Zeit in der man so gottähnliches in Bereichen der Technologie und Wissenschaft geleistet hat, dass der ethische Grundgedanke, das Leben zu wahren, völlig vergessen wurde. Meiner Meinung nach ist die Moral, oder zumindest das was wir darunter verstehen, proportional zum Fortschritt gefallen. Der Mensch wurde zwar schon immer von innernen Trieben nach Macht, heutzutage nahezu gleichzusetzen mit Geld, geleitet, nun jedoch hat er sich selbst ein System geschaffen, dass ihm ungeahnte Möglichkeiten bietetdurch Ausbeutung, Massenmord und Krieg, selbst, wie er denkt, weiter zu kommen.Wie ein Turm dessen Fundament aus Holz ist und auf dem wissentlich weitere Stockwerke aus Beton gebaut werden, so wird unser System schwanken und schließlich in sich zusammen- stürtzen und alles in Schutt und Asche legen. Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben, so sprach völlig richtig ein großer Mann der mittlerweile längst vergessen ist.Völlig unlogisch ist es also einen Konflikt, mit einem noch größreren, wie Krieg oder noch Bestialischerem, lösen zu wollen. Niemand will in Wirklichkeit einen Konflikt beilegen, sie sehen alle nur die Macht und das Geld, welches ihnen so einladen zulächelt.

"Vom Mädchen, ..."
Felix Hotea

Vom Mädchen, das niemand wollte Ein kalter Winter, eine kalte Welt, ein toter Körper wird nach Hause gebracht, heim in die vereiste Erde, die doch an Kälte ständig übertroffen wird. Starre Gesichter und falsche Tränen, Stille, nur durchbrochen vom Wind und den Schneeflocken, die die harte, kalte Welt zudecken, um zu verschleiern, was sie wirklich ist. Ein Unfall warst du nur, eine unerwünschte Frucht, entsprungen aus Dummheit und Stumpfsinn, in eine Welt, in der der Mensch sich selbst zerstört, und wie für uns alle, begann dein Sterben am Tag deiner Geburt. Für deine aufdringliche Anwesenheit wurdest du täglich gestraft, denn niemand hat dich je gewollt, dich, einen Störfaktor im Leben zweier schwacher Menschen, deren Streben nach Konformität mit dir jäh zu Ende gebracht wurde, weil niemand verstehen wollte, dass nur dieses Streben dein Ursprung war. Dir wurde nichts gegeben, das man dir hätte nehmen können, denn niemand hat dich je gewollt. Niemand fand sich mit dir ab, und am wenigsten jene, deren Versprechen es war, dich zu lieben. Deine schlimmsten Erwartungen wurden jeden Tag übertroffen, ein Leben ohne Liebe wurde dir aufgezwungen, ausgedrückt durch dumpfe Schläge gegen deinen Körper, deine Seele, deinen Geist, geführt, um dein Herz zu brechen und zu verformen. Doch du wurdest nicht, was sie verlangten, aus stumpfen Augen blitzender Hass konnte dich nicht zerstören. Du bliebst erhaben und stolz, unschuldig und unverändert ließt du dich martern und behieltst so deine Würde. Eine einzigartige Ausnahme warst du, die niemand wollte, ein Mensch dem nur Böses zugefügt wurde und der doch nur Gutes tat. Ein blutender Engel in einer Welt voller blinder Mörder, eine weiße Taube, gefangen im Rattennest. Still und einsam wie dein Leben war auch dein Tod, deine Flucht vor jener letzten Schrecklichkeit, verübt durch den, der dich in diese Welt warf, nur, um dich wieder daraus zu entfernen. Er ist es doch, der an deinem Grab steht und Tränen vergießt, warum nicht liegt er dort, kalt und tot? Wie kam es, dass du, die niemals gewinnen wollte, alles verlor? Warum sieht niemand, dass er um dich, die niemals jemand wollte, nicht als Tochter, aber als Sklavin weint? Doch der letzte Sieg soll dir gehören, denn in Schönheit und Ehre gingst du fort. Niemand konnte dich besiegen, und niemals werde ich dein Lächeln vergessen. Während du hier liegst und die Schneeflocken zählst, sollst du wissen, dass ich weiß, wer du warst. Du sollst wissen, dass ich dich mit jedem Atemzug mehr liebte, als alle Anderen dich ihr ganzes Leben lang hassten. Du sollst wissen, dass ich hier bei dir bleiben werde, damit du nicht einsam bist in deinem kalten Grab, denn du warst die, die ich immer wollte.

"Weihnachten"
Tanja Brandner

Weihnachten Weihnachten   Jetzt liege ich hier in meinem Bett und umarme ein Kissen. Ich lasse meine Gedanken schweifen, doch irgendwie bist da nur du. Ständig ist da dein Gesicht und es verschwindet nicht mehr, egal wie sehr ich probiere an etwas anderes zu denken, wie wenn man jemanden sagt, dass er nicht an einen hellblauen Elefanten denken soll. Ständig bist da du. Die ganzen Momente, die wir zusammen hatten. Die ganzen Gefühle, die ich damit verbinde. Ich sehe dein Lächeln vor mir in all diesen verschiedenen Situationen. Weist du noch, als wir versucht haben gemeinsam Mathe zu lernen? Wir haben nicht einmal zwei Seiten in zwei Stunden geschrieben, weil wir die ganze Zeit nur Unfug angestellt haben. Du hast mich gefragt ob ich deine Rakete sehen möchte und dann hast du mich mit einem Kugelschreiber abgeschossen und ich bin fast vom Sessel gefallen, weil ich so lachen musste. Und als ich dich dann als Rache auch abschießen wollte und es nicht klappte, bist du unter den Tisch gefallen und hast fast fünf Minuten durch gelacht. Weist du noch als du mir zu Weihnachten geschrieben hast und in die SMS ein Herz gemacht hast? Ich hab mich darüber so gefreut und musste den ganzen Tag daran denken. Danach hast du dich zwei Tage nicht gemeldet, was ich nicht schlimm fand, schließlich haben wir uns zuvor auch nie geschrieben, aber dann kam am Abend eine Nachricht. Du hast dich dafür entschuldigt, dass du nicht zurückschreiben konntest, weil du bei deinen Großeltern warst und keinen Empfang hattest. Du hast wieder ein Herz am Schluss gemacht. Von da an haben wir uns regelmäßig geschrieben und du hast immer ein Herz drangemacht. Wir haben uns jede Nacht geschrieben. Du weißt es nicht, aber meistens hast du mich aufgeweckt, doch das war mir egal, ich wollte mit dir schreiben. Du hast mich immer gebeten, dir etwas zu erzählen, egal was und das erste Mal habe ich dir eine Geschichte über einen Drachen geschrieben, der unbedingt eine Prinzessin werden wollte. Du hast dich nicht beschwert, mich aber gefragt ob ich dir beim nächsten Mal etwas über mich erzählen könnte. Ich hab angefangen dir von mir zu erzählen, und dafür hast du mir von dir erzählt. Mir gehen gerade die ganzen Kindergeschichten durch den Kopf die du mir damals geschrieben hast. Von kleinen Fischen die du im Meer gefangen hast und die dich unglaublich fasziniert haben. Von dem Krankenhausaufenthalt den der gleiche Urlaub noch mit sich brachte. Von deinen Ängsten damals vorm Haareschneiden. Jedes Mal wenn ich daran denke muss ich lächeln, so wie jetzt gerade.  Gerade fällt mir ein, wie du mir mal erklärt hast, dass wenn man eine Spinne in der Toilette runter spült, sie nur betäubt ist und nach zwei Stunden wieder munter in der Kanalisation herumkrabbelt. Ich habe dir kein Wort geglaubt, doch ich fand es so süß von dir. In den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester warst du perfekt. Am letzten Ferientag hatte ich höllische Angst vor dem nächsten Tag. Du hast mich in dich verliebt gemacht und hast es noch nicht einmal bemerkt. Und dann sollte ich dich auch noch einen ganzen Tag mit dir in einem Raum verbringen, der nicht größer als zwanzig Quadratmeter ist. Ich war so nervös als ich in die Schule kam. Und dann war da nichts. Es war als hätten wir uns nie geschrieben. Als hätte es die letzen Wochen nicht gegeben. Es war die erste Nacht seit Weihnachten, in der du mir nicht geschrieben hast. Ich hatte Angst, dass du mir überhaupt nicht mehr schreiben würdest, doch schon in der darauf folgenden Nacht bekam ich wieder eine Nachricht von dir. Ich war so glücklich. Kurz bevor wir uns ganze zwei Monate fast täglich geschrieben haben, hast du mich wieder gebeten dir etwas über mich zu erzählen. Ich schrieb dir, dass ich in meinen jungen Tagen bereit drei Heiratsanträge bekommen hatte. Deine Antwort darauf war, dass ich dir diese Geschichte bereits erzählt hatte. Ich probierte es mit einer anderen, doch auch diese kanntest du bereits. Mir wurde klar, dass du den Großteil meiner Vergangenheit kanntest und dass obwohl wir uns noch keine zwei Monate schrieben.  Ich mache mir noch heute Sorgen, wenn ich daran denke, wie du mir mal geschrieben hast, dass du gerade mit Freunden im Schnee liegst, weil dir so heiß war. Das es damals minus fünfzehn Grad hatte war dir völlig egal. Als du jedoch mitbekommen hast, dass ich mir Sorgen um dich mache, hast du es irgendwie geschafft alles ins Lächerliche ziehst. Du hast mich trotz Sogen wieder zum lächeln gebracht. Das Herz hast du mir fast gebrochen, als du mir mal, kurz nachdem wir anfingen uns zu schreiben, geschrieben hast, dass du verliebt bist. Natürlich wollte ich wissen in wen, schließlich war ich ja bereits ein bisschen in dich verschossen, und du Trottel hast es mir auch tatsächlich gesagt! Warum du das gemacht hast, weiß ich bis heute nicht, doch es hat mich damals gewaltig verletzt, aber gleichzeitig ist mir durch den Kopf gegangen, dass es ok ist wenn es dich glücklich macht. Warum hast du das damals geschrieben? Wolltest du nur meine Reaktion sehen? Wenn ja, habe ich auf jeden Fall total falsch reagiert. Nicht, dass wir uns je weiter darüber unterhalten hätten, schließlich war ich verletzt, aber trotzdem verstehe ich es nicht.   Jetzt liege ich hier in meinem Bett und umarme ein Kissen. Und denke an dich. Nein, ich denke an uns. Weiche Lippen berühren sanft meine Stirn. „Na, schon eingeschlafen?“, flüsterst du leise. Ich öffne meine Augen und blicke in deine, sehe dieses wunderbare Grünbraun, über das wir mal lange diskutiert haben. „An was denkst du?“, fragst du mich wieder leise. „An dich.“, antworte ich leise und tausche das Kissen gegen deine Brust, an die ich mich schmiege. „Daran wie froh ich bin das du mir damals zu Weihnachten geschrieben hast.“

"Die weisen ..."
Claudia Hackl

Die weisen Worte des Nathans gegen Fremdenfeindlichkeit Die weisen Worte des Nathans gegen FremdenfeindlichkeitEuropean Group Theater – 25.1.2012 im Wiener VolkstheaterChristentum, Islam, Judentum – doch welche ist die wahre Weltreligion? Schon seit ewigen Zeiten kommt es immer wieder zu Kriegen, terroristischen Anschlägen und Kämpfen aufgrund dieser Frage. Hätte man doch auf Lessings weisen Nathan gehört, der die Frage nach der wahren Religion mit dem Erzählen der von Renaissance-Dichter Boccaccio verfassten Ringparabel schon im 12. Jahrhundert beantworten zu versuchte. Doch sind sich Menschen verschiedener Herkunft damals wie heute immer noch oft feindlich gesinnt und haben nichts dazugelernt.Genau gegen diese Feindlichkeiten wollen sich die jugendlichen Schauspieler des European Group Theater mit ihrer Inszenierung Lessings Nathan der Weise stark machen. Lessing schrieb sein Werk im Zuge der Aufklärung und verwendete dabei den damals unüblichen fünfhebigen Jambus, um Aufmerksamkeit zu erlangen, nur leider bereitet dieses veraltete Stilmittel vielen Jugendlichen Probleme den Sinn des Stückes zu verstehen. Das haben sich auch die Leiter des European Group Theater gedacht und somit versucht, eine moderne Adaption des Stückes zu inszenieren, um auf die vielen Vorurteile unserer Gesellschaft gegenüber Leuten mit Migrationshintergrund oder anderem religiösen Bekenntnis hinzuweisen.Lessing wählte als Ort und Zeit der Handlung das mittelalterliche Jerusalem, zurzeit der Kreuzzüge. Nathan, ein jüdischer Kaufmann, kehrt von seiner langen Reise zurück und erfährt, dass seine Tochter von einem Tempelritter aus den Fängen des Feuers gerettet wurde. Dieser jedoch hätte Recha nicht retten können, wäre da nicht Sultan Saladin gewesen, der den Ritter, aufgrund seiner großen Ähnlichkeit zu seinem Bruder Assad, frei ließ. Doch als sich Nathan, ein Jude, bei dem hilfsbereiten Tempelritter bedanken will, lehnt ihn dieser vorschnell ab, da er als Christ den Kontakt mit Juden so gut es geht vermeiden will. Als allerdings auch Saladin von Nathans Rückkehr hört, ordert er diesen in seinen Palast, wo er dem Juden die alles entscheidende Frage stellt, welche der drei Weltreligionen der Wahrheit entspräche.Genau auf diesem Konzept baute Ricky May-Wolsdorff, Direktorin des European Group Theater, die Aufführung auf. Das Bühnenbild war sehr minimalistisch gestaltet, indem nur drei weiße Banner – die die drei monotheistischen Weltreligionen verkörpern sollten - von der Decke hingen, auf denen der jeweilig passende Begriff für „Gott“ stand. Am Anfang und Ende der Vorstellung sah man nur die drei verschiedenen religiösen Begriffe und hörte verschiedene Geräusche, die an den fürchterlichen Terroranschlag auf das World Trade Centre am 9.11.2001 erinnerten: Reporter, die von der Katastrophe berichteten, Leute, die um ihr Leben rannten und schrien, und diverse, die Vorstellungskraft anregende, Hintergrundgeräusche. Begleitet von dieser Geräuschkulisse verteilten sich einige Statisten hinter den drei Bannern und begannen sich gegenseitig anzuschreien. Das Ensemble des European Group Theater wollte auf diese Weise sicherlich auf die auch noch heute vorhandenen Konflikte und Spannungen zwischen diesen drei Religionen anspielen.Die Jungschauspieler des European Group Theater wollen mit ihrer Performance „den historischen Anfängen jener aktuellen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen auf die Spur kommen“ und moderne Jugendliche aufklären, sodass sie anderen Kulturen und Religionen offener entgegentreten und sich nicht von Vorurteilen und Intoleranzen leiten lassen. Genau dies hat sich Gotthold Ephraim Lessing auch damals im Zeitalter der Aufklärung zum Ziel gesetzt.Natürlich ist es nicht ganz einfach ein so komplexes und vielsagendes Stück aufzuführen und auch dem Publikum die wichtige Botschaft zu vermitteln, dass „Christ und Jude nicht eher Christ und Jude sind als Mensch“, wie es in Lessings Drama heißt. Der weise Nathan, der von einem anfänglich schüchternen, aber dann doch immer an Selbstbewusstsein wachsenden jungen Mann gespielt wurde, konnte meiner Meinung nach von der Mehrheit der Besucher nicht eindeutig als bedeutende Figur anerkannt werden. Auf keinen Fall ist es einfach so eine tragende Rolle gut zu verkörpern, den ganzen auswendig gelernten Text lebendig wiederzugeben und nebenbei noch auf die eigene Körpersprache und Haltung zu achten. Allerdings heißt es doch, dass man aus den eigenen Fehlern lernen kann und ich finde es gut, dass den jungen Schauspielern eine Möglichkeit geboten wird, sich auszuprobieren und Erfahrung zu sammeln. Das einzig schade an dem Ganzen ist, dass das Publikum an dem Tag, zum größten Teil aus Jugendlichen, die aufgrund eines Schulausflugs gezwungen waren sich das Stück anzusehen, bestand, die nicht sehr tolerant mit den zum Teil noch sehr unerfahrenen Jungschauspielern umgegangen sind. Bei jeder kleinen Unsicherheit der Darsteller wurde es auf den Sitzen der Besucher lauter und viele begannen leise zu plaudern. Saladin, der von einem ebenso engagierten und konzentrierten jungen Mann gespielt wurde, stach wie auch der junge Tempelherr, der von einem sehr enthusiastischen Jungdarsteller verkörpert wurde, eher aus der Menge heraus. In Lessings Werk verliebt sich der Tempelherr in Nathans Tochter Recha, deren Darstellerin auf mich sehr jung, unerfahren aber auch begeistert wirkte, nachdem er diese aus dem Feuer gerettet hatte. Jedoch fehlte mir in dieser Inszenierung die Leidenschaft, die sich zwischen den beiden Protagonisten entwickelt und sich dann schlussendlich fast problemlos in Geschwisterliebe verwandelt. Zwar waren die beiden Darsteller sehr bemüht diese Gefühle dem Publikum zu übermitteln, hingegen scheiterte es meiner Meinung nach an einerseits den größtenteils desinteressierten Besuchern und andererseits dem offensichtlichen Altersunterschied der heranwachsenden Schauspieler. Als das Stück endlich seinen Höhepunkt erreicht hatte, der interessierte Teil des Publikums, zu dem ich mich auch zähle, gespannt Inne hielt, und Nathan gerade beginnen wollte die Ringparabel zu erzählen, hörte man ein lautes Niesen im Theater. - Die Ringparabel handelt von einem Vater, der drei Söhne hat, aber nur einen Opal-Ring besitzt, der die geheime Kraft hat, den Träger vor Gott und der Menschheit angenehm zu machen. Nun war sich der Vater unsicher, welchem der drei Söhne, er den Ring vererben sollte und ließ somit zwei komplett identische und ebenso hochwertige Ringe anfertigen. Jeder seiner Söhne wurde in dem Glauben gelassen, er habe den originalen Ring, auch ein Richter konnte ihnen bei der Suche nach dem wahren Ring nicht weiterhelfen und somit blieb die Frage nach dem originalen Ring bis heute ungeklärt. Diese Szene, in der die Kernaussage des aufklärenden Werkes laut ausgesprochen wurde, wurde dadurch gestalterisch unterstützt, dass Nathan erzählend auf einem Stuhl saß und nur sein Gesicht von dem Licht einer Lampe erhellt wurde und sonst alles verdunkelt war. Sicherlich war der junge Darsteller des Hauptcharakters sehr aufgeregt, als es ans Erzählen der Ringparabel ging, doch außer einigen wenigen durch Nervosität bedingten Versprechern und längeren Pausen, meisterte der Jungschauspieler meiner Meinung nach diese wichtige Szene.Gegen Ende des Stückes finden die Hauptpersonen, nach einigen von ihren Gefühlen geleiteten Konflikten, dann doch zu einander. Nathan stellt Nachforschungen an, welche ergeben, dass alle Protagonisten miteinander doch mehr zu tun haben, als ihnen lieb ist. Letztendlich geht es in Lessings Stück darum, dass religiöse Toleranz der Schlüssel zu einer funktionierenden Gesellschaft ist. Das Ende zeigt Christen, Juden und Muslimen versöhnt, alle unterschiedlicher Religion abstammend, nachdem sie ihre gegenseitigen Verwandtschaftsbeziehungen entdeckt haben. Die Jungschauspieler spielten auch diese bedeutende Schlussszene mit großer Begeisterung, obgleich einige der Darsteller erfahrener wirkten als andere. Jeder von ihnen gab sein bestes um die Botschaft des Stückes zu übermitteln. Das Ensemble des European Group Theaters verweist mit dieser Inszenierung, diversen Gesten und Körpersprache, aber auch manchmal geschickt eingesetzten Tonfällen, auf die Situation zwischen den drei Weltreligionen -  Christentum, Islam und Judentum. Persönlich fand ich es sehr schade, dass viele der jugendlichen Besucher diese Möglichkeit, ein von Jugendlichen für gleichaltrige inszeniertes Theaterstück zu sehen, nicht wahrgenommen und sich absolut unpassend verhalten haben. Dabei haben sich alle Schauspieler sehr angestrengt und voller Enthusiasmus gespielt. Natürlich gab es unter den Mitgliedern des European Group Theater einige, die sich schwerer getan haben, laut zu sprechen, und manche, die selbstbewusster auf der Bühne gestanden sind als andere, allerdings war ich von der gesamten Gruppe begeistert. Man merkte, wie viel Mühe sich alle Schauspieler gegeben haben, das viele Sprechtraining, Proben und Lernen hatte sich bezahlt gemacht, denn für mich war dies eine gelungene Aufführung Lessings Werk. Nathan der Weise, aufgeführt vom European Group Theater - meiner Meinung nach eine sehenswerte Inszenierung. Auch wenn leider nur die Ansätze einer Modernisierung und der Versuche, sich gegen die Fremdenfeindlichkeit stark zu machen, zu finden waren, spricht nichts gegen Lessings Klassiker. Die Jungschauspieler des European Group Theater haben meine Erwartungen übertroffen, da es sicher nicht einfach war, G. E. Lessings schwierigen Text, wenn auch in vereinfachter Fassung, richtig wieder zu geben und einige der Darsteller bald durchaus mit erfahrenen Schauspielern ihrer Branche mithalten können. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Produktionen des European Group Theater und vielleicht auch auf ein Wiedersehen mit dem ein oder anderen in späteren Jahren auf der Theaterbühne.

"Französisch ..."
Claudia Maria ...

Französisch von A bis Z Die Schriftstücke, die quer durch sein beengtes Zimmer verstreut lagen, zeichneten sich leuchtend weiß gegen das spärlich durch die von Weinreben umrankten Fenster hereinströmende Dämmerlicht ab. Wie so oft war der Strom ausgefallen, ein bereits alltägliches Übel, das ihn einige Stunden in wachem Zustand kosten würde, denn mit der Düsternis des einsetzenden Sonnenuntergang kroch auch die Müdigkeit aus dem ihr tagsüber zugewiesenen Verbannungsort hervor und brach schleichend über ihn herein. Ihn? Der blasse, schmächtige Mann mit dem hellen Haar, den man auf Anfang vierzig schätzen konnte, nannte sich Antoine – um mit dem ersten Buchstaben des Alphabets zu beginnen, das ihm einst so viel bedeutet hatte. Genauer gesagt: Es hatte sein Leben bestimmt. Monsieur Ledoux, wie er hier mit Nachnamen hieß, bückte sich seufzend nach den vom Wind durcheinandergewirbelten Blättern. Seine armselige Kammer spiegelte Enge und Kargheit wider, doch gleichzeitig erinnerte sie ihn an den Kontrast des etwa 500 Kilometer entfernt gelegenen, geräumigen Arbeitszimmers, das voll von Geistesblitzen, Überlegungen und Verbesserungsvorschlägen gewesen war, wohlgemerkt in deutscher Sprache. Denn Antoine hatte diesen Namen nicht immer getragen, in seinem Personalausweis war vielmehr ein gewisser „Valentin Heinrich“ vermerkt, mit dem er sich sein Leben lang identifiziert hatte – bis er aus seiner gewohnten Umgebung geflohen war, nicht etwa wegen äußerer Umstände wie etwa unzumutbarer Arbeitsbedingungen, sondern aufgrund des psychischen Drucks, der auf ihm gelastet hatte… Zum ersten Mal seit langer Zeit erinnerte sich Antoine beim Blick auf die dicht beschriebenen Zettel wieder an die Ereignisse, die ihn in das kleine Holzhaus nahe des Ärmelkanals in der französischen Normandie geführt hatten. An dem Tag, als er sein neues Büro betrat, erfüllte sich für ihn ein Kindheitstraum. Schon immer hatte er sich dafür begeistert, über aktuelle Themen zu reflektieren und heiß diskutierte Fragen auf den Punkt zu bringen, dennoch verlieh ihm der Wechsel vom Lokalblattreporter zum Journalisten des wöchentlich erscheinenden Magazins „Seven In One“ gewissen Stolz. Abgesehen davon, dass seine Artikel von nun an im ganzen Land zu lesen sein würden, hatte diese Stelle auch mit der Aussicht auf Themen von internationaler Relevanz gelockt, wie Antoine sie in der ihm nicht selten engstirnig erscheinenden ländlichen Gegend oftmals vermisst hatte. Wen kümmerte es, wie viele Pensionisten aus welchem Dorf eine Kaffeefahrt unternommen hatten, während es beispielsweise galt, die Rechte der von zahlreichen Staaten nicht anerkannten Klimaflüchtlinge zu verteidigen, die von der Zuwanderungsbehörde wieder in das Elend ihrer Heimat zurückgeschickt wurden? Im Laufe seines bisherigen Lebens hatte Antoine für sich das große Ziel auserkoren, seine Leser als guter Journalist besonders auf die für eine moderne Gesellschaft eigentlich nicht mehr zu akzeptierenden Missstände aufmerksam zu machen und für das persönliche Umdenken des Einzelnen zu sorgen – und sah nun, da er sich nicht mehr mit Kaufhauseröffnungen und Vereinsjubiläen beschäftigen musste, seine Stunde gekommen. Er lebte sich schnell im Betrieb ein und schloss einige Freundschaften mit Kollegen, die seine Interessen teilten, gewöhnte sich allmählich auch an die Hektik der Landeshauptstadt, in deren Vorort er gezwungenermaßen übersiedeln hatte müssen, was er für den Gewinn einer Sinnhaftigkeit seines Berufs jedoch gerne auf sich genommen hatte. Bald erhielt er zu seiner Freude die ersten sich auf seine Artikel beziehenden Leserbriefe, die beinahe ausnahmslos von großem Lob und Ermutigung geprägt waren, weshalb ihn andere junge, noch weniger erfolgreiche Mitarbeiter zunehmend mit einer Mischung aus leichtem Neid und erstaunter Bewunderung betrachteten. Die Ursache für die Resonanz auf Antoines Zeilen, die damals natürlich noch unter seinem richtigen Namen erschienen, lag darin, dass er seinen Lesern aus dem Herzen sprach: Selbst wenn sie zu einer von ihm optimistisch dargestellten Angelegenheit eine vorgefasste negative Meinung hatten, verstand er es doch, einen Großteil dieser Menschen durch Argumente zu überzeugen, denen sie letzten Endes zweifellos zustimmen mussten. Umso vorteilhafter war, dass er sich für Themen wie Umweltschutz, Armutsbekämpfung und Konfliktlösung einsetzte – andernfalls hätte er möglicherweise sogar die Fähigkeit besessen, den Egoismus und Machthunger der Leute zu stärken. Warum aber konnte er die Leser regelrecht manipulieren? Der Grund dafür war eines seiner Talente, das er selbst nie als übersinnlich, allerdings auch nicht gerade als alltäglich bezeichnet hätte: Valentin war dermaßen sensibel für die Gedanken mancher – längst nicht aller – Menschen, dass er sie teilweise bildlich vor sich sehen konnte. Was unglaublich klingt, war noch Meilen von eher dem Reich der Esoterik zuordenbarer Telepathie entfernt, doch im Wissen darum, dass seine seltene Gabe auch nur als solche verstanden werden würde, hatte er sie niemals jemandem gegenüber erwähnt. Das Aufblitzen eines bestimmten Begriffs vor seinem inneren Auge bei einer flüchtigen Begegnung, ein diese Erscheinung begleitendes Gefühl, das ihn für den Bruchteil einer Sekunde überkam – es blieb Valentins Geheimnis, ebenso wie die Fähigkeit, diese fremden Empfindungen völlig auszublenden, um an einem dicht bevölkerten Platz angesichts der unzähligen grundverschiedenen Stimmungen und Gedanken nicht den Verstand zu verlieren. Diese Begabung war ihm also bei seiner Tätigkeit behilflich, zudem herrschte in seinem Umfeld ein angenehmes Arbeitsklima, das ihn jeden Tag mit Vorfreude das Pressegebäude betreten ließ, Streitigkeiten oder gar größere Auseinandersetzungen blieben ihm fremd… Er war sich im Klaren darüber, dass seine gegenwärtige Situation so manchem seiner ehemaligen Kollegen wie ein paradiesähnlicher Zustand erschienen wäre, und wusste sie dementsprechend zu schätzen. Neben seiner Familie, die er an jedem Wochenende, wenn andere seine Arbeit übernahmen, am Land besuchte und sich dort an der Natur erfreute, die er vor der Ankunft in der großteils vom Grau der Betonbauten bestimmten Stadt nicht in ihrer ganzen Schönheit wahrgenommen hatte, traten von nun an zwei seiner neuen Freunde, Joseph und Vinzenz, in den Vordergrund seines Lebens – und natürlich Beatrice Lichtenberger, die Chefredakteurin, von der die Veröffentlichung seiner Artikel abhing. Privat besaß Valentin zu dieser Zeit zahlreiche Hobbys; wenn er trotz seiner Vielseitigkeit einmal eine freie Minute hatte, widmete er sich der Malerei, einem weiteren Interessensgebiet, das er aufgrund des Zeitmangels oftmals vernachlässigte. In Anbetracht all dieser Tatsachen könnte man nun meinen, Valentin hätte eine wunderbare Zukunft bevorgestanden, in der alles auf baldigen großen Erfolg hindeutete. So hätte seine weitere Karriere tatsächlich verlaufen können, wenn er ein nur auf seinen Beruf ausgerichteter Mensch gewesen wäre, dem nichts wichtiger ist als dieser – doch ausgerechnet seine herausragende Fähigkeit sollte ihn in eine schier unerträgliche Lage bringen, in die er bei durchschnittlichen Leistungen seinerseits niemals gelangt wäre. Bald bemerkte die Chefredakteurin, die übrigens die erste weibliche in ihrem Amt war und ihren Vorgängern in Kompetenz und Freundlichkeit um nichts nachstand, dass der Name eines ihrer Mitarbeiter besonders oft in den Rückmeldungen der Zeitschriftenkäufer aufschien, und beschloss, sich mit den Artikeln dieses Herrn näher auseinanderzusetzen. Beatrices erhöhtes Interesse blieb Antoine natürlich aufgrund ihrer für ihn offensichtlichen Gedanken nicht verborgen, und seine Intuition bestätigte sich darin, dass sie ihn am nächsten Tag zu sich ins Büro bat, um ihm die Gestaltung einer Seite zu überlassen, deren regulärer Verfasser für die nächsten Wochen beurlaubt worden war. Noch während er das Angebot dankend annahm, war es um ihn geschehen. Er wusste, was mit ihm los war, und versuchte sich dagegen zu wehren, doch selbst angesichts der Absurdität der Situation blieb er hilflos, so angestrengt er auch an seine zukünftigen Arbeitspläne zu denken versuchte, denen er voll Erwartung entgegensah. In den nächsten Tagen war er bestrebt, die Gefühle zu verdrängen, die sich plötzlich seiner bemächtigt hatten, und stürzte sich eifrig in Interviews, Lokalaugenscheine und Kolumnen. Doch dann stand wieder die wöchentliche Pressebesprechung auf dem Programm, und mit einem Mal lernte er eine noch nie dagewesene Nervosität kennen, zu der sich die Bedenken gesellten, ob ihm auch wirklich nicht anzumerken war, woran er ständig denken musste… Bei der Unterredung, die bei ihm bisher niemals auch nur die geringste Aufregung hervorgerufen hatte, wähnte er sein Gesicht von auffälliger Röte überzogen und vermied jeden unnötigen Blick in Beatrices Richtung, von der er sich gleichzeitig magisch angezogen fühlte. Als er ihr seine Vorschläge unterbreitete, steigerte sich das Herzklopfen ins Unermessliche, und er befürchtete, das leichte Zittern in seiner Stimme würde den versammelten Kollegen zu denken geben – doch alles, was die Redakteurin dazu zu sagen hatte, waren von einem Lächeln begleitete Worte des Einverständnisses, die ihm für lange Zeit in Erinnerung blieben. Das Problem an Valentins Liebe, die er sicherlich nicht gewählt hätte, wenn man über solche Dinge selbst entscheiden könnte, lag, abgesehen davon, dass Beatrice die Vorgesetzte aller Journalisten war, ihn miteinbegriffen, darin, dass er mit Sicherheit wusste, dass sie nicht dasselbe für ihn empfand. Andererseits war er in gewisser Weise abhängig von ihr, denn wann immer sie sein Büro betrat, wirkte ihre Nähe auf ihn wie Sonnenschein, und nach einer Begegnung, sei sie morgens auch nur eine flüchtige Begrüßung auf dem Korridor, schrieb er seine besten Texte, wozu er nur die Hälfte der gewöhnlichen Zeit benötigte. Auch seinen Kollegen blieb das fröhliche Strahlen, das oftmals auf seinem Gesicht lag, nicht verborgen; sie hielten es jedoch bloß für ein Zeichen, dass er sich in ihrem Betrieb wohlfühlte. Anfangs war es für ihn nicht leicht, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, doch wie jeder mögliche Handgriff in Routine übergehen kann, wenn er nur oft genug verrichtet wird, gewöhnte sich Valentin auch an diesen Ausnahmezustand. Es dauerte nicht lange, bis es ihm erschien, als hätte er schon ewig bei „Seven In One“ gearbeitet; aus den Wochen, in denen er sich an den hiesigen Alltag gewöhnte, wurden Monate – und schließlich Jahre, die nur durch einen einzigen Wermutstropfen getrübt wurden: Sein Schmerz, der mit der unermesslichen Liebe zu Beatrice einherging, wuchs. Mittlerweile hatte sich sein erster Arbeitstag einige Male gejährt, und da er kaum etwas anderes tun konnte, fasste Valentin seine seelische Verfassung manchmal in Worte, die, natürlich verschlüsselt, Teil seiner Fantasieerzählungen wurden, die seit zwei Jahren regelmäßig auf der vorletzten Seite des Magazins erschienen, um die Leser einmal nachdenklich zu stimmen, ein anderes Mal zu belustigen. Eine solche hatte er auch an diesem herrlichen Frühsommertag vor kurzem vollendet und der Chefredakteurin über das firmeninterne Netzwerk gesendet, als es klopfte – und Beatrice eintrat, mit einem unergründlichen Ausdruck auf dem bildschönen Gesicht und dem ausgedruckten Artikel in der Hand. Normalerweise genügte es, bei der einwöchentlichen Unterredung alle potentiellen Erscheinungen zur Sprache zu bringen (worauf sie ihm all die Jahre hindurch mit einem wohlwollenden Nicken ihr Einverständnis signalisiert hatte), deshalb ahnte Valentin sogleich, dass diesmal irgendetwas nicht stimmte. Eine seltsame Bedrängnis gesellte sich zu der vertrauten Verwirrtheit, Nervosität und dem trotzdem unbezwingbaren Glücksgefühl, das ihn bei Beatrices Anblick überkam, sodass er seinen eigenen Gemütszustand in diesem Moment nicht in Worte fassen hätte können. „Diese Geschichte ist nicht wirklich erfunden, habe ich Recht? Es gibt in der Erzählung einige Punkte, die mich ziemlich erstaunt und an Dinge erinnert haben, über die eigentlich nur ich Bescheid wissen kann. Valentin, ich habe keine Ahnung, wie du darauf gekommen bist – doch ich habe verstanden, was du mir damit sagen möchtest.“ Während ihrer Rede hatte Valentin versucht, sich zu beruhigen und trotz Beatrices Gegenwart wieder klar zu denken. Er atmete noch einmal tief ein, wollte jenen Moment, in dem sie ihm gegenüberstand, tief in sein Gedächtnis einprägen, um ihr Bild niemals zu vergessen, hielt sich all die schier unerträglichen Tage vor Augen, an denen er nur an sie denken hatte können, seine mühsame Selbstbeherrschung in so vielen Situationen und schließlich die Neuigkeit, von der er soeben erfahren hatte: Bisher hatte er nur gewusst, dass er besonders sensibel für die Stimmungen von Menschen war – doch er hätte niemals vermutet, dass für konkrete Erinnerungen, die aus Namen, Orten oder Zahlen bestanden, dasselbe galt. Es war nicht seine Absicht gewesen, Beatrice zu überraschen, vielmehr hatte er daran gedacht, was er fühlte, wenn er sich in ihrer Gegenwart befand, und alle Einfälle, die in dieser Erzählung zur Sprache kamen, für seine eigenen Erfindungen gehalten. Nun wusste er, dass dem nicht so war, gleichzeitig jedoch auch, dass er ihr aus freien Stücken niemals von seinem Talent erzählen würde, da er in ihrer Erinnerung nicht als guter, aber verrückter Journalist verbleiben wollte. Dass sie seine Gefühle nach so langer Zeit endlich kannte, bedeutete für Valentin eine gewisse Erleichterung, was ihn selbst erstaunte, aber auch, dass für ihn nur noch eine Möglichkeit bestand, keinen weiteren Schaden anzurichten: Er musste gehen. Und so sagte er die drei Worte, die ihm jahrelang bei ihrem Anblick auf der Zunge gelegen hatten, wie ein Geständnis, während er voll Trauer ein letztes Mal in ihre noch immer ausdruckslosen Augen sah, bevor er seine Utensilien in die schwarze Aktentasche packte und die Türklinke ergriff, wobei er einen beinahe fühlbaren Widerstand durchbrach, der in Wahrheit nur in seinem Inneren existierte, das seine Verbundenheit mit Beatrice nicht wie sein Verstand ausblenden konnte. Ohne sich noch einmal umzudrehen und damit dieser unsichtbaren Kraft nachzugeben, wandte er sich Richtung Besprechungszimmer, wo er am Vortag eine seiner wichtigsten Unterlagen vergessen hatte. Anschließend eilte er unbeirrten Schrittes zur Garderobe, warf sich den Mantel über und schlüpfte in die Halbschuhe – da fiel sein Blick auf den Tisch in der Mitte der Eingangshalle, auf der neben verschiedenster Magazine auch seine ungekürzte Geschichte lag, mit anerkennenden Worten in Beatrices Schrift unterzeichnet, ihr stiller Abschiedsgruß. Zuerst zögerte er, doch dann bedachte Valentin, dass dies seine einzige Erinnerung an sie sein würde, und legte die fünf Blätter behutsam in eine Mappe. Endlich verließ er das Gebäude und trat hinaus in strahlenden Sonnenschein, der ihm in diesem Augenblick als bloße Ironie des Schicksals erschien, das ihm einen so gemeinen Streich gespielt hatte. Nichts konnte ihn davon abhalten, zu tun, was er in seiner Situation für den einzig richtigen Weg hielt. Der Schmerz über seine unerfüllte Liebe überstieg alles jemals Dagewesene, nahm ihn gefangen und bescherte ihm gleichzeitig qualvolle Schuldgefühle. Das, was er für Beatrice empfunden hatte, war über all seine früheren Beziehungen während des Studentenlebens hinausgegangen, es war eine tiefe, nie gekannte Verbundenheit gewesen, und allein ihre Nähe hatte auf ihn wie der Himmel auf Erden gewirkt. Kurzum: Er wusste, dass er jede andere Frau mit ihr vergleichen und doch niemals so wunderbar wie sie finden würde, weshalb er letztlich immer nur an sie zurückdenken könnte. Deshalb kündigte Valentin seine Stadtwohnung, fuhr aufs Land, um noch einmal seine Eltern und einen Bruder zu besuchen – und brach dann ins Ausland auf, genauer gesagt nach Nordwestfrankreich. Wo er bis zum heutigen Tag, mehr als vier Jahre nach seiner Flucht, lebte. Seit er hier, am wohl einsamsten Teil des zwei Kilometer entfernt gelegenen Küstendorfs Margou, sein Dasein fristete, hatte er, der ehemalige Journalist, keine einzige Zeitung mehr gelesen, geschweige denn durch Radio oder Fernsehen von Neuigkeiten erfahren – diese modernen Anschaffungen existierten in der Holzhütte, die er einem alten Fischer abgekauft hatte, nicht. Doch die Abgeschiedenheit von allen weltlichen Dingen störte ihn nicht im Geringsten; ganz im Gegenteil, im letzten halben Jahrzehnt war der vormals vielseitige Mann zu einem Freund der Ruhe geworden, die ihn nun pausenlos umfing. Obwohl er die französische Sprache ausgezeichnet beherrschte, kam er mit den Dorfbewohnern äußerst selten in Kontakt und kannte kaum jemanden beim Namen, da er es vorzog, im Sommer in der Umgebung seines in voller Blüte stehenden Gartens und während der anderen Jahreszeiten in der Hütte seiner früheren Lieblingsfreizeitbeschäftigung zu frönen, die er mittlerweile zu seinem Beruf gemacht hatte: Er malte. Unter dem Namen Antoine Ledoux stellte er halbjährlich Bilder in einer in der zehn Minuten entfernten nächsten Stadt, Gervais, gelegenen Galerie aus, womit er wider seines anfänglichen Erwartens vor allem bei den zahlreichen Touristen auf große Zustimmung gestoßen war und so viel Geld verdiente, dass es nicht nur zum bloßen Überleben in der Einsamkeit reichte. Die im Winter karge, flache Landschaft ließ in Antoines Vorstellung die Erinnerung an die Berge und Täler, Getreidefelder in variierenden Gelb- und Grüntönen und weitläufigen Wälder seiner Heimat entstehen, die er in dieser Zeit in dem direkt an den Wohnraum anschließenden Atelier zum Leben erweckte, jedoch nicht, ohne in bestimmten Abschnitten seiner Gemälde völlig überraschende Formen und Figuren zu platzieren, die den Betrachter zur eigenen Interpretation anregen sollten, wenngleich sie für ihn bereits eine Bedeutung hatten. Es waren verschnörkelte, miteinander verbundene kyrillische Buchstaben (er hatte diese Schrift in seiner Schulzeit erlernt und aufgrund seiner Faszination für alles Fremdländische nie mehr vergessen), die jeweils den Namen einer Person aus seinem früheren Bekanntenkreis bildeten, die er insgeheim vermisste. Niemals jedoch hatte er die Initialen derjenigen Frau erwähnt, die ihm von einer Sekunde auf die andere wieder so gegenwärtig wie schon lange nicht mehr erschien. Es war eine plötzliche Sturmböe gewesen, die das reparaturbedürftige Fenster des Schlafzimmers aufgerissen und die auf dem höchsten Schrank liegenden, verstaubten Blätter aufgewirbelt hatte, in demselben Moment, als Antoine, von einem seltsamen Heulen aus seinem Atelier gelockt, in den Raum gestürzt war und die Dokumente gerade noch in letzter Sekunde vor dem draußen einsetzenden Regen gerettet hatte. Ein kurzer Blick hatte genügt, um darauf die Geschichte zu erkennen, die im Grunde die Ursache seines jetzigen Loses war. Wie aus heiterem Himmel war vor seinem inneren Auge ein schemenhaftes Bild aufgetaucht, das er nur allzu schnell wieder loswerden wollte, damit es nicht Gestalt annehmen und sich wie vor langer Zeit seiner bemächtigen konnte. So gab sich Antoine nach kurzem Zögern einen Ruck, sammelte auch die restlichen Zettel ein, bemühte sich, nicht auf Beatrices Schriftzüge zu achten, und verstaute sie schließlich wieder an ihrem angestammten Platz. Die Wanduhr, an deren lautes Ticken er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, zeigte an, dass es bereits Zeit war, das Bett aufzusuchen – jedenfalls an verregneten, trüben Wintertagen wie diesem. Bei Kerzenlicht wollte Antoine aus Prinzip nicht in seinem Atelier arbeiten, aus Angst davor, durch eine Unachtsamkeit eine seiner Leinwände, Möbel oder gar das gesamte Holzhaus in Brand zu stecken, doch bis die Stromversorgung, die in dieser armseligen Hütte schon so etwas wie Luxus darstellte, wiederhergestellt war, konnten noch Stunden, wenn nicht sogar Tage vergehen. Natürlich wurden die Haushalte der etwa 700 Einwohner von Margou dem eines einzelnen Eremiten nahe des Meers vorgezogen, darüber konnte sich Antoine nicht einmal beklagen, da er die Einöde schließlich selbst ge-wählt hatte, aus Angst, seine Mitmenschen könnten ihm wieder Schmerzen zufügen und ihn unendlich enttäuschen, wenn er sich nur auf sie einließe. Eine Viertelstunde später lag er in seiner Schlafstätte, wegen der plötzlichen Kälte noch immer in den Bademantel gehüllt und mit Decken umwickelt. Dass die Temperatur hier an der Küste in den Minusbereich sank, hatte er zwar noch nie erlebt, doch zur Zeit fühlte es sich für ihn geradewegs so an, als habe sich der strömende Regen, der mit unverminderter Stärke gegen die Fensterscheiben und auf das Dach prasselte, in Schneeflocken verwandelt, die ihn frieren ließen, bevor er endlich in einen seiner seltenen verworrenen Träume hinabglitt. Der Ton schien aus dem Nichts zu kommen, war mit einem Mal jedoch allgegenwärtig, durchdrang Antoines Kopf mit seinem lauten, schrillen Klang, wanderte schließlich durch dessen ganzen Körper, ließ ihn erzittern und erbeben, bis er ihn mit seiner Macht und Härte schier zu zerreißen drohte, schwoll weiter und weiter an, bis er einem markerschütternden Kreischen und Brüllen glich, das sein Trommelfell zum Zerplatzen brachte… Mit einem Aufschrei sprang Antoine aus dem Bett, landete auf dem aus Holzbrettern bestehenden Boden und erwischte unglücklicherweise mit dem linken Fuß den kleinen Farbbehälter, den er am Nachmittag, durch das Tosen des Windes alarmiert, auf dem Weg aus dem Atelier in seiner Eile mitgenommen hatte. Mit einem Fluch, dem Schmerzenslaute folgten, tastete er nach dem Lichtschalter – ohne Erfolg, bis er zum einzigen Wasserhahn der Hütte finden würde, wäre der lilafarbene Fleck, der sich gefühlsmäßig bis zum Knie zu ziehen schien, längst eingetrocknet. Mit leisem Stöhnen richtete er sich auf und nahm, den Fuß weit von sich gestreckt, um eventuellen neuen Farbgebungen vorzubeugen, auf seinem Lehnsessel Platz. Was hatte ihn bloß aus seinem tiefen Schlaf aufschrecken lassen? Der mittlerweile wahrscheinlich durch den Wind in eine andere Richtung getragene, nur mehr leise Klang einer Sirene gab ihm die gewünschte Antwort. Erleichtert löste er sich aus seiner unbewusst angespannten Haltung und ließ die Schultern sinken, während er laut hörbar ausatmete. Es handelte sich um ein rational erklärbares Geräusch, keines, das ihn aus seinem Albtraum bis in die Realität verfolgte und Anzeichen für beginnenden Wahnsinn war – wie konnte ihn nur eine Sirene aus dem Schlaf reißen? Höchstwahrscheinlich brannte es im Dorf, das kam schließlich öfters vor und musste auch nicht gleich eine Tragödie zur Folge haben! Paradoxerweise fielen Antoine seine gestrigen (der neue Tag musste bereits begonnen haben) Bedenken in puncto Feuer verursachende Kerzen und damit seine eigenen Erfahrungen mit Bränden ein, die, abgesehen von dem in Flammen aufgegangenen Christbaum, den sein ehemaliger Nachbar auf dem Land allerdings schnell auf den zum Glück nicht vom meterhohen Schnee befreiten Balkon befördert hatte, spärlich waren. Da sich nun sein Pulsschlag wieder beruhigt hatte, legte sich Antoine erneut ins Bett, den sich mittlerweile ziemlich unangenehm anfühlenden Fuß auf dem Sessel platzierend. Als er endlich wieder die Augen geschlossen hatte, vernahm er unregelmäßig auf- und abschwellende Folgetonhörner – die Feuerwehr rückte also bereits aus, bald würde wieder Ruhe herrschen, nach der er sich gerade so sehr sehnte. In der daraufhin tatsächlich einsetzenden Stille fand er sich jedoch in die völlige Dunkelheit starrend wieder und dachte an eine Zeit zurück, in der Ruhe nicht das oberste Gebot gewesen war. Allmählich wanderten seine Gedankengänge weiter zu einer Stimme, die er so unvorstellbar schön gefunden hatte, dass er ihr stunden-, wenn nicht tagelang zuhören hätte können, wenn es nach ihm gegangen wäre. Doch schnell schüttelte er diese Erinnerung von sich ab, da er nichts so sehr hasste wie Melancholie beim Gedanken an die Vergangenheit. Geschehenes konnte man nicht ändern, darum lohnte es sich auch nicht, deswegen ins Grübeln zu kommen! Antoine wälzte sich auf die andere Seite und nahm bald darauf das monotone Tropfen der Regenrinne, das sich zum Brausen des Sturms gesellt hatte, nicht mehr wahr. Zwei Wochen später erlebte er ein Déjà-Vu. Das Wetter hatte sich gebessert, wenngleich es immer noch bewölkt war, weswegen das Licht des Vollmonds nur gelegentlich seinen Weg in Antoines Schlafkammer fand. Dies konnte jedoch nichts daran ändern, dass er immer wieder erwachte, den Vorhang noch fester zuzog und doch nichts gegen die Unruhe ausrichten konnte, die ihn in solchen Nächten erfasste. Schließlich gab er auf und machte sich auf den Weg ins Atelier, um sich dort beim Malen von der gegenwärtigen Atmosphäre inspirieren zu lassen. Was konnte vollkommener sein als die ihn umgebende Stille und Dunkelheit?, setzte er seine für ihn etwas untypischen Gedanken der Nacht vor 17 Tagen fort. Gerade wollte er die inzwischen wieder funktionierende Deckenlampe einschalten, als er irritiert innehielt, angestrengt lauschte und sich schließlich angesichts der Ungewissheit, ob er nur das Pfeifen des Windes hörte oder sich aber ein anderes Geräusch den Weg zu seinen Ohren gebahnt hatte, dem Fenster näherte. Sobald er es geöffnet hatte, ertönte die Sirene in voller Lautstärke. Gleichzeitig vernahm er Fahrzeuglärm und meinte sogar, einzelne aufflackernde Lichter zu sehen – es erschien ihm wie eine Wiederholung der Vorgänge vom 29. Jänner. Was für ein Zufall, kam es ihm in den Sinn, dass jahrelang kein einziger Brand in Margou ausgebrochen war (jedenfalls, soweit er in seiner Abgeschiedenheit mitbekommen hatte), und plötzlich im Abstand von etwa zwei Wochen zweimal Feueralarm herrschte! War gar ein Brandstifter am Werk? Die Vermutung lag nahe, denn an Zufälle glaubte Antoine nicht. Obwohl während seiner Arbeit bei „Seven In One“ einige ihren Lauf genommen hatten… Doch für das, was manchen seiner Kollegen merkwürdig erschienen war, hatte es immer – zumindest für ihn – eine logische Erklärung gegeben, beispielsweise jene, dass er die Anwesenheit bestimmter Menschen fühlen konnte, selbst wenn sie von ihm durch eine Wand getrennt waren, sodass er sie stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort angetroffen hatte. Diese unglaubliche Gabe zählte er, wie so vieles, nun aber zur Vergangenheit, denn bei den letzten seiner spärlichen Besuche im Dorf, wo er Lebensmittel kaufte, hatte er weder fremde Eindrücke noch Gedankengänge wahrgenommen, sodass er sicher sein konnte, dass das unselige Talent endlich verkümmert war. Abgesehen vom Schreiben hatte es ihm niemals geholfen, am Ende sogar geschadet, weswegen es ihm kein bisschen leid darum war. Wie auch immer die Ursache der seltsamen Vorgänge in Margou lauten mochte, sie betraf ihn nicht und war somit außerhalb seines Reviers, das lediglich die Hütte und den Garten ringsherum umfasste. Vielleicht sollte er beim nächsten Gang ins Dorf entgegen seines damaligen Schwurs doch eine Zeitung kaufen, um sich über das neueste Geschehen zu informieren – möglicherweise, falls er sich dann noch daran erinnern sollte. Höchstwahrscheinlich handelte es sich ohnehin nur um eine kleine Nachbarschaftsstreitigkeit, die etwas über die Ufer getreten war, in einem solch abgelegenen Ort ereigneten sich keine Tragödien. Außerdem überkam ihn bereits wieder eine bleierne Müdigkeit, die Antoine dazu veranlasste, schleunigst sein Bett aufzusuchen… Beim dritten Mal zweifelte er beinahe an seinem Verstand. Die in der Dunkelheit leuchtenden Ziffern seiner Armbanduhr zeigten drei Uhr morgens am Sonntag, dem 4. März an, als er sich kerzengerade aufrichtete und den Atem anhielt, um das zu hören, was in seinem Traum eben noch das schrille Geschrei seines ehemaligen Vorgesetzten beim Bezirksblatt gewesen war: Eine Sirene, wie sollte es anders sein. „Was soll das?!“ Es war das erste Mal, seit sich Antoine erinnern konnte, dass er mit sich selbst sprach – doch sein Erstaunen war zu groß, um es nicht lautstark in Worte zu fassen. Wenn es einmal in vier Jahren in einem Dorf brannte, war das nicht weiter verwunderlich, ein zweites Feuer kurz darauf war gerade noch zu tolerieren, aber zwei Wochen später wieder dasselbe Szenario zu erleben, hätte wohl bei jedem Menschen Argwohn erregt. Und plötzlich bemerkte er, dass sich in ihm, noch während er durch das beschlagene Fenster entfernte Lichter und Scheinwerfer ausmachte, die Neugier regte – eine Eigenschaft, die jeden Journalisten auszeichnen sollte, er jedoch hatte sie lange Zeit unterdrückt, bis er gedacht hatte, sie existiere nicht mehr in ihm. Nun aber kehrte dieser Funke aus seinem Unterbewusstsein zurück und setzte ihn selbst in Flammen. Als er mit einem Mal von weit her aufgeregte Rufe zu hören glaubte, gelangte ein Bild in seine Vorstellung, das er nicht mehr auszublenden vermochte: Er selbst bei der Arbeit an einem Artikel über eine mysteriöse Brandserie, dessen erster Absatz genau das beinhaltete, was er gerade erlebt hatte, sein ruckartiges Erwachen, das ungläubige Lauschen, begleitet von den wildesten Vermutungen. Allerdings sollte in logischer Folge am nächsten Tag die Aufklärung darüber stattfinden, was sich nun genau ereignet hatte… Antoine wusste natürlich, dass er sich nicht über Nacht dazu entscheiden würde, wieder seinen früheren Beruf aufzunehmen, dazu war er nach wie vor nicht bereit. Doch sein Interesse war geweckt, und er beschloss, ebenso, wie er sich bei seiner Flucht aus der gewohnten Umgebung geschworen hatte, sich nie mehr in fremde Angelegenheiten einzumischen, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen und den Ort des Geschehens am nächsten Tag aufzusuchen. Der kiesbestreute Pfad schlängelte sich entlang der flachen Küste dahin, die, je näher man dem auf engstem Raum dicht besiedelten ehemaligen Fischerdorf kam, jedoch anwuchs, bis sie schließlich im Ortsgebiet aus steilen, im Laufe der Zeit durch das Meer spitz geschliffenen Felsen bestand, den gefürchteten Klippen, vor denen man die im Sommer oft die Zahl der tatsächlichen Einwohner übertreffenden Touristen warnte, die hier immer wieder aus Leichtsinn und Freude am Risiko kühne Mutproben veranstalten wollten. Nun aber, mitten im Winter, standen alle Gasthäuser leer, und die Dorfbewohner verkrochen sich für gewöhnlich in ihren Häusern, um nicht den niedrigen Temperaturen ausgesetzt zu sein, die ihnen bereits wie eisige Kälte erschienen – wie gesagt, normalerweise. Heute herrschte nämlich ein Ausnahmezustand, den man nicht mit den paar Kirchgängern erklären konnte, die sonntagvormittags den Marktplatz überquerten. Außerdem hatten sich die Leute aus Margou nicht in der Mitte ihres Ortes, sondern vielmehr am Rande der Siedlung versammelt, wo sich die Wellen wenige Meter entfernt an riesigen Steinen brachen. „Salut!“, begrüßte Antoine die ihn jedoch kaum beachtende Menschenmenge, die großteils mit leerem Blick Richtung Meer starrte. Mit Schrecken bemerkte er, dass einige bitterlich weinten und sich verzweifelt umklammert hielten, während andere wild gestikulierend diskutierten. Um den Inhalt dieser atemberaubend schnell geführten Debatten zu verstehen, reichten nicht einmal Antoines selbst von einem in seinem Heimatland lebenden Franzosen und Freund hochgelobten Sprachkenntnisse aus. Deshalb wandte er sich an einen vertrauenserweckenden Mann Mitte Fünfzig, der offensichtlich allein gekommen war, und entfernte sich in dessen Begleitung einige Meter von der Schar. Er stellte sich kurz vor und reichte dann seinem Gegenüber, das sich Jean Paul Chartre nannte, die Hand. „Was ist hier eigentlich vorgefallen? Qu’est-ce qui s’est passé?“ Jean antwortete ihm, während er kaum den Blick vom an diesem Tag den Himmel grau widerspiegelnden Meer wandte. „Die schreckliche Serie begann vor drei Wochen. Madame Albiert, eine äußerst beliebte Dame im Dorf, verbrachte den späten Abend bei ihrer alleinstehenden Freundin, bis sie kurz nach Mitternacht den etwa 400 Meter weiten Weg zu ihrem eigenen Haus antrat. Doch sie kam nicht weit, denn laut ihrer späteren Angabe stürzte sich etwa an dieser Stelle, an der wir gerade stehen, ein Unbekannter auf sie und versuchte mit aller Gewalt, sie in Richtung der Klippen zu zerren. Zum Glück ist Albiert trotz ihrer zierlichen Statur ziemlich kräftig, sodass sie ihren Angreifer erfolgreich abschütteln und schließlich dank ihrer Schreie auch vertreiben konnte; dennoch erlitt sie einen Schock und wurde vorsichtshalber von der Rettung ins Krankenhaus nach Gervais gebracht, wo man aber außer ein paar Prellungen keine körperlichen Verletzungen feststellte.“ Sofort wurde Antoine klar, dass die von ihm vernommenen Folgetonhörner keinesfalls der Feuerwehr, sondern der Ambulanz zuzuschreiben gewesen waren. Schaudernd betrachtete er die von aus dem Wasser ragenden Felsspitzen übersäte Meeresoberfläche, die etwa drei Meter unter ihm lag. „Der Täter muss offensichtlich über ihr näheres Umfeld Bescheid gewusst oder sie zuvor gesehen haben, um ihr zum richtigen Zeitpunkt aufzulauern. Furchtbar, allein die Vorstellung, was einem an diesem unwirtlichen Ort in der Dunkelheit widerfahren kann! War Madame Albiert besonders wohlhabend, oder verfügte sie über irgendetwas, das einen solchen Angriff erklären würde?“ „Über diese Frage rätselt die Polizei seit dem Bekanntwerden des Vorfalls. Die Frau ist 45 und von Beruf Buchhalterin, sie verdient nicht mehr oder weniger als die meisten anderen Dorfbewohner. Doch dieselben Umstände verwundern die Ermittler auch in den beiden anderen Fällen! Am 15. Februar ging Mademoiselle Felano, eine 32-jährige Spanierin, die sich mit ihren Eltern vor drei Jahren hier niedergelassen hat, um halb zwölf Uhr nachts nach draußen – die Familie kam aus der Großstadt und fand unser kleines Dorf so friedlich und idyllisch, dass sie nach mehreren Ferienaufenthalten gleich hier blieb, was ich persönlich nicht nachvollziehen kann, aber lassen wir dieses Thema. Sie hatte entdeckt, dass ihr Hund, der um diese Zeit im Eingangsbereich des Hauses zu schlafen pflegte, verschwunden war und die Haustür sperrangelweit offen stand, und wollte ihn suchen, denn er ist ein sehr zutrauliches Tier, das normalerweise sofort auf sie zugelaufen kam, wenn sie seinen Namen rief. Zu diesem Zeitpunkt nahm sie an, ein Windstoß habe die Tür geöffnet, wie das auch schon vorher öfter der Fall gewesen war, was ihren Hund dazu verleitet hätte, noch einmal hinauszulaufen, möglicherweise vom hellen Mondlicht angelockt. Später stellte sich allerdings heraus, dass ihre betagten Eltern vergessen hatten, abzuschließen – bei ihnen macht sich bereits eine leichte Form von Demenz bemerkbar - , sodass jedermann in das Haus der Felanos eindringen konnte. Sobald sich die Frau, übrigens arbeitet sie als Kraftfahrerin, einige Meter weit von ihrem Haus entfernt hatte, widerfuhr ihr derselbe Albtraum wie Madame Albiert etwa zwei Wochen zuvor: Jemand packte sie unsanft und zog sie unter enormer Gewaltanwendung zu den steil abfallenden Felsen. Zum Glück kam Mademoiselle Felano in letzter Sekunde ihr Vater zur Hilfe, der den Angreifer laut schimpfend bedrohte und ihn so schlussendlich in die Flucht schlagen konnte.“ Entgeistert hatte Antoine Jeans Worten gelauscht. „Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas in einem derart beschaulich wirkenden Dorf wie Margou passieren kann! Nie wieder werde ich mich nach Einbruch der Dunkelheit vor meine Holzhütte wagen! Konnte man den Täter inzwischen ausfindig machen?“ Zu seinem Erschrecken fuhr sich nun Jean mit dem Handrücken über die Augen, die feucht zu glitzern begannen. Mit belegter Stimme fuhr er fort: „Leider gibt es nicht den geringsten Hinweis auf die Identität des Angreifers. Noch schlimmer… heute Nacht fiel ihm erneut jemand zum Opfer, und diesmal gab es kein glimpfliches Ende. Es handelt sich um Madame Kalou, eine liebenswürdige alte Dame, die bereits ihren 87. Geburtstag feierte. Laut ihrer Tochter, einer in Gervais beschäftigten Warenkontrolleurin, die zwei Häuser von ihr entfernt wohnt, kam es öfters vor, dass sie nachts nicht einschlafen konnte und einen Spaziergang durch die Umgebung unternahm. Genau diese Gewohnheit wurde ihr diesmal jedoch zum Verhängnis, denn auch sie wurde in der Nähe des Meeres brutal angegriffen. Allerdings war Madame Kalou bereits sehr gebrechlich und ihrem Gegner natürlich haushoch unterlegen – er schaffte es, sie über die Klippen zu stoßen, wo sie vermutlich sofort ihren schweren Verletzungen erlag.“ Er wandte sich ab, um Antoine seine Tränen nicht sehen zu lassen. „Sie war nicht nur eine gute Bekannte meiner Familie, jeder wusste sie als freundliche, herzensgute Person zu schätzen – es gab niemals Konflikte. Gerade deshalb ist mir unbegreiflich, wie das geschehen konnte!“ Antoine benötigte ein paar Augenblicke, um zu verarbeiten, was er soeben gehört hatte: Ein heimtückischer Mörder trieb sich in der Gegend herum, ausgerechnet hier, wo er sich so lange Zeit fernab von allen in größeren Menschenansammlungen herrschenden Problemen gewähnt hatte! Er sprach Jean und gleichzeitig allen Dorfbewohnern sein aufrichtiges Beileid aus. Als er sich wieder einigermaßen gefasst hatte, begann er, Überlegungen anzustellen. „Es fällt auf, dass die Opfer allesamt weiblich waren. Wäre es vielleicht vorstellbar, dass ein Mann im Vorfeld mit allen drei Frauen eine Beziehung eingegangen war, die jedoch in die Brüche ging, sodass er sich aus plötzlichem Hass an ihnen rächen wollte? Ich meine, die betagte Madame Kalou könnte die Mutter seiner dritten ehemaligen Freundin sein…“ „Nein, alle früheren Bekanntschaften der Damen wurden bereits überprüft, was bei so wenigen Einwohnern natürlich ein Kinderspiel ist“, wies Jean diese Möglichkeit vehement von der Hand. „Wo wir gerade bei dem Thema sind – ich habe Sie hier noch nie zuvor gesehen. Sind Sie etwa ein Detektiv, der durch Befragungen die Wahrheit ans Licht bringen soll, was der Polizei wieder einmal nicht gelingt?“ „Das wäre ich vielleicht gern! Keineswegs, ich bin Maler und lebe seit vier Jahren etwa zwei Kilometer entfernt von hier in einer Fischerhütte.“ „Sie meinen die Hütte des alten André, den vor kurzem das Zeitliche gesegnet hat? So lange wohnen Sie dort schon, ohne dass wir etwas von unserem neuen Einwohner gehört haben? Sind Sie eigentlich international bekannt? Ist Ihnen diese Gegend nicht zu einsam?“ „Künstler wie ich brauchen die Einsamkeit, um zu neuen Einfällen zu gelangen“, hoffte Antoine, seinen Gesprächspartner mit der halben Wahrheit überzeugen zu können. „Berühmt bin ich leider noch nicht, aber in der Stadtgalerie von Gervais gibt es halbjährlich eine Ausstellung meiner Bilder unter dem Namen „Art d´étranger“, die nächste wird am 1. April eröffnet.“ Nach einer darauffolgenden Unterhaltung über Kunst trennten sich die beiden wieder, Antoine blieb nachdenklich stehen und betrachtete das rege Treiben auf dem Platz. Um einen Mann, augenscheinlich dem Bürgermeister Pierre Murieux, von dessen Wahl vor einem Jahr sogar er gehört hatte, hatten sich die meisten Menschen versammelt; in einem Halbkreis umringten sie ihn und besprachen mit ihm harte Vorgangsweisen in Zusammenarbeit mit der Polizei, um den Schuldigen so schnell wie möglich ausfindig zu machen. Ein einzelner Polizist, der im Dorf wohnte (Antoine erinnerte sich, ihn bei einem seiner Einkäufe mit der Kassiererin über die unanfechtbare Sicherheit in Margou sprechen gehört zu haben), bewachte die Absperrung des Gebietes nahe der Klippen. Plötzlich ertönten die ersten Takte der „Kleinen Nachtmusik“ – Antoines suchender Blick schweifte erst über die Menschenmenge, bis er zu dem mit seiner Dienstuniform bekleideten Mann zurückkehrte, der inzwischen seinen Anruf in Empfang genommen hatte. Da er eine kräftige, weithin hörbare Stimme besaß, war es ein Leichtes, einen Teil des Gesprächs mitanzuhören. „Ja, Herr Inspektor, was gibt´s? ... Wie bitte? … Nein, die ersten drei Opfer wurden in Nähe der Klippen angegriffen, ein Einbruch war mir bis dato nicht bekannt. … Gab es wieder einen Drohbrief? … Das war bereits zu erwarten. Wie ich annehme, spricht der Unbekannte auch diesmal in Rätseln, richtig? … Monsieur Perroque, Nummer 34, ich habe verstanden. Ich werde meinen Kollegen Bescheid sagen. Salut!“ Während er nun weiterhin darauf achtete, dass niemand aus Gründen der Neugier oder Schaulust die Absperrung durchbrach, entfernte sich Antoine allmählich von der Versammlung. Er wusste, dass es keiner Eile bedurfte, am besagten Tatort zu erscheinen, da die nächsten Stunden ohnehin von der Kriminalpolizei zur Sicherung der Spuren, Befragung der geschädigten Personen und Ermittlung in deren weiterem Umfeld genutzt werden würden. Später allerdings, sobald die Exekutive den Hauseigentümer, sofern dieser nicht verletzt war, wieder verlassen haben würde, wollte er sich ein eigenes Bild von den mysteriösen Vorgängen in Margou machen. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr fand er nämlich an Jeans Idee Gefallen… Doch erst einmal unterhielt er sich mit weiteren Dorfbewohnern, meist das Thema Kriminalität diskreterweise nur kurz ansprechend und sich dann erfreulicheren Dingen zuwendend, und schloss dabei so manche gute Bekanntschaft, die er, ohne es zu merken, in den letzten Jahren vermisst hatte. Wie einfach wäre es in früheren Zeiten gewesen, sinnierte Antoine, während er nachmittags auf der Suche nach Haus Nr. 34 durch die Straßen ging, als er noch seine außergewöhnliche Gabe besessen hatte. In einem solchen Fall hätte er sich lediglich an einem dicht bevölkerten Platz aufhalten müssen, und schon wäre er durch sein unglaubliches Gespür zum Täter geführt worden – derjenige, der das Verbrechen begangen hatte, stammte offensichtlich aus Margou, denn niemand sonst hätte um die Gewohnheiten der Opfer wissen können. Nun aber musste er sich mit denselben Voraussetzungen zufrieden geben, die jedem normalen Menschen eigen waren, und konnte nicht mehr auf die Kräfte vertrauen, die ihn scheinbar verlassen hatten. Es dauerte nicht lange, bis er vor dem richtigen Gebäude stand, denn die Häuser mit geraden Hausnummern waren der Reihe nach auf der linken Straßenseite angeordnet. Auf der Bank vor dem Eingang saß ein Mann um die Dreißig, der, einen leicht verwirrten Eindruck machend, misstrauisch um sich schaute, als ob der Täter jederzeit wieder zurückkommen könnte. Im Vorbeigehen ließ Antoine den Anschein entstehen, er würde nur zufällig auf das Schild neben der Tür sehen, das in ihm allerdings eine Erinnerung erweckte. „Ist das nicht das Haus, in dem heute Morgen eingebrochen wurde?“, zeigte er sein Interesse. „Ja, es gehört mir“, brummte Monsieur Perroque nun, ohne ihm sichtliche Aufmerksamkeit zu schenken. „Leben Sie allein? Wie geschah es? Sie müssen wissen, ich bin neu zugezogen und habe erst vor kurzem von den schrecklichen Ereignissen gehört.“ Der Mann seufzte tief. „Ja, ich habe keine Familie. Und der Täter kam durchs Fenster, hinterließ keinerlei Spuren, dafür aber einen gewaltigen Schrecken.“ Offenbar stand er noch immer unter Schock und wollte nicht näher über den Vorfall sprechen. Doch Antoine wusste, dass dies seine einzige Chance war, etwas Genaueres in Erfahrung zu bringen, und gab daher nicht so schnell auf. Sich unaufgefordert neben ihn setzend, entgegnete er: „Natürlich kann ich verstehen, dass Sie dieser Einbruch äußerst beunruhigt! Aber was ist denn nun genau passiert, sind Sie dem Schuldigen etwa sogar gegenübergestanden? Welch eine furchtbare Vorstellung, sich in einer solchen Situation zu befinden!“ „Nein, so war es zum Glück nicht“, beschwichtigte Monsieur Perroque Antoine, der genau das erreicht hatte, was er wollte. „Ich habe das Fenster meines Zimmers wie gewöhnlich kurz nach dem Aufstehen geöffnet, um zu lüften, dann ging ich in die Bäckerei dort drüben und kaufte Gebäck für das Frühstück. Als ich zurückkam, um es wieder zu schließen, erkannte ich auf den ersten Blick, dass etwas nicht stimmte: Der bunte Stein, ein Geburtstagsgeschenk meiner Schwester, der sich normalerweise auf dem Schreibtisch befand, war verschwunden, dafür lag dort ein zusammengerolltes Blatt, auf dessen Innenseite zwei gedruckte Zeilen standen: ‚Ich befinde mich in der Mitte, doch bis ihr der Wahrheit näherkommt, ist die erste von fünf Runden längst beendet‘. Etwa zehnmal las ich diese Worte und konnte mir doch ihren Sinn nicht erklären, bis ich schließlich fähig war, wieder aufzustehen und die Polizei zu rufen. Schon von Anfang an hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte, da das besagte Fenster drei Meter über dem Boden liegt und die blanke Mauer zudem keinerlei Halt für jemanden bietet, der sie besteigen möchte. Natürlich könnte der Täter eine Leiter verwendet haben, doch ich kann mir nicht vorstellen, wie er sie in dieser kurzen Zeit benutzt haben sollte – außerdem gab keiner der Nachbarn und Passanten bei der späteren Befragung an, jemanden gesehen zu haben, der eine Leiter bei sich trug, was schließlich sofort aufgefallen wäre. Und dann musste mir der Kommandant der Spurensicherung auch noch mitteilen, dass es keine Fingerabdrücke gibt… Überhaupt nichts, nur besagten Brief und das Wissen, dass der an sich wertlose Stein gestohlen wurde… Ich verstehe das einfach nicht!“ Noch immer vor Ungläubigkeit den Kopf schüttelnd, verstummte Perroque wieder, während Antoine langsam begriff, weshalb der Mann leichenblass war und aussah, als sei er einem Geist begegnet. „Ich hoffe für Sie und alle anderen Opfer, dass der Fall möglichst bald aufgeklärt wird. Denken Sie am besten nicht mehr darüber nach, sondern achten Sie in Zukunft darauf, ihre Fenster und Türen immer zu verschließen!“, riet er ihm, bevor er sich von Perroque, der seine Umwelt schon wieder völlig ausgeblendet und damit begonnen hatte, leise vor sich hin zu murmeln. Für den 10. März hatte der Bürgermeister aufgrund der augenblicklichen Notlage eine Versammlung angesetzt, zu der jeder Bürger erscheinen durfte, um seine eigenen Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen zu unterbreiten. In den letzten sechs Tagen hatte Antoine ebenso wie die Polizei nichts weiter in Erfahrung gebracht, als dass drei Frauen und ein Mann, zwischen denen weder Verwandt- noch nähere Bekanntschaft bestand, der Reihe nach Opfer einer Verbrechensserie geworden waren, die Perroque unverletzt überstanden hatte, während Madame Kalou inzwischen begraben worden war. Während die zahlreich erschienenen Dorfbewohner, darunter auch Antoine, vor dem Rathaus auf den Bürgermeister warteten, der zuvor noch einen kranken Mann besuchte, der heute seinen 90. Geburtstag feierte, wurden die wildesten Vermutungen laut. Selbst Ledoux erregte dadurch, dass er den meisten fremd war, verhaltenes Misstrauen, dem er jedoch sofort entgegenkam, indem er sich erneut vorstellte. Auch hier wurde ein Künstler als höchst interessante Persönlichkeit angesehen, und die Fragen, die sein Beruf bei ihnen aufwarf, stellten für kurze Zeit den Gedanken an den Mörder in den Schatten. Als Monsieur Murieux schließlich bei den Wartenden eintraf und sich im Moment seines Erscheinens bereits für die leichte Verspätung entschuldigte, bot er weiteren Grund zur Ablenkung: Eine Taube, die das Treiben zuerst vom benachbarten Dach aus beobachtet hatte, schien sich für ihn besonders zu interessieren und setzte sich geradewegs auf seine Schulter. Der Bürgermeister aber war von der Anwesenheit des Tiers offenbar nicht sehr begeistert und schrie vor Schreck laut auf, während er wild gestikulierte, womit er den Vogel verständlicherweise vertreiben konnte. Durch dieses Vorkommnis erheitert, begannen zuerst einzelne Leute zu lachen, bis schlussendlich die ganze Menge miteinstimmte – einschließlich Murieux, der seinen Bürgern die Belustigung über seine Reaktion sichtlich nicht übelnahm. „So etwas ist typisch für ihn. Er hat Humor, eine oftmals unterschätzte Eigenschaft, die es ihm ermöglicht, nicht wie die meisten Politiker in der Umgebung alles, was ihn selbst betrifft, todernst zu nehmen“, ließ sich eine tiefe Stimme vernehmen, die Antoine nach einem Blick zur Seite Jean zuordnen konnte, der sich unbemerkt zu ihm gesellt hatte. Gemeinsam folgten die beiden Männer dann den anderen Leuten, die ins nun endlich geöffnete Rathaus strömten. Im Inneren des Gebäudes schlug die vormals fröhliche Stimmung allerdings wieder in Bedrückung um, denn plötzlich erinnerte sich jedermann an die Angelegenheit, aufgrund der er hier erschienen war. Antoine, der angesichts dessen bereits vorhin nicht sonderlich fröhlich gewesen war, fühlte sich immer unbehaglicher, je mehr Details der Bürgermeister in seiner Eröffnungsrede über den Fall verlautbaren ließ. „Alle vier Opfer wurden zunächst, wie die Polizei vor kurzem bekanntgab, durch rätselhafte Schreiben bereits vorgewarnt. Sollte also jemand ein solches vorfinden, alarmiere er sofort die Polizei und bleibe auf keinen Fall in seinem Haus, sondern suche Unterschlupf bei Bekannten. Der Sinn dieser Nachrichten steht nach wie vor im Dunkeln, allerdings sei jedem geraten, keinesfalls selbst seiner eigenen Vermutung nachzugehen und sich dabei uneinschätzbarem Risiko auszusetzen. Zweckdienliche Hinweise werden nach wie vor von der Exekutive angenommen.“ Daraufhin meldete sich ein Dorfbewohner, der sich offenbar gern selbst sprechen hörte, zu Wort, zwischen den einzelnen Sätzen immer wieder dramatische Pausen einlegend. „Wir können und dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen: Der Mörder ist mitten unter uns. Sofern er nicht ohnehin hier zugegen ist, um zu hören, welche Sanktionen gegen ihn beschlossen werden, und sich davor wappnen zu können, so ist es doch sicher, dass er aus diesem Dorf stammt, hier lebt und möglicherweise auch arbeitet, als unauffälliger Mitmensch, in dem wir alle einen vertrauenswürdigen, guten Bürger sehen. Wir glauben, ihn in- und auswendig zu kennen – doch in Wahrheit macht er sich hinter unserem Rücken über unseren naiven Glauben lustig, er könne keiner Fliege etwas zu leide tun. In Zeiten wie diesen ist Misstrauen angebracht, auch wenn es euren besten Freund betrifft – denn das Böse kann an der nächsten Ecke auf uns lauern, ohne dass wir auch nur etwas davon ahnen!“ Damit entschwand er wieder auf seinen Platz in der zweiten Reihe, ein betretenes Publikum zurücklassend. Am Ende machte noch der Dorfpolizist Anstalten, sich hinter das Rednerpult zu begeben. „Meinst du, dass das noch nötig ist?“, raunte Murieux ihm mit hochgezogenen Augenbrauen und einem flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr zu. „Ich muss nämlich bald einen wichtigen Termin wahrnehmen, und die Bürger sind ohnehin schon informiert… Ehrlich gesagt fürchte ich, dass sich der Täter, sollte er tatsächlich die Frechheit besessen haben, zu dieser Versammlung zu erscheinen, nicht freiwillig melden wird.“ Doch der Sicherheitsbeamte ließ sich nicht beirren. „Man soll nichts unversucht lassen“, damit ging er über die Steinstufen in die Mitte des Saals, wo er noch einmal die wichtigsten Fakten über die mysteriösen Vorgänge verlautbaren ließ. „Die geschädigten Opfer: Madame Albiert, 45, Buchhalterin, in der Nacht auf den 15. Februar; Madame Felano, 32, Kraftfahrerin, in der Nacht auf den 29. Februar; Madame Kalou, 87, Pensionistin, in der Nacht auf den 4. März, tödlicher Sturz über die Klippen; Monsieur Perroque, 28, Chemiker, am frühen Morgen des 4. März, er blieb als einzige Person unverletzt. Leider muss die örtliche Polizei in Zusammenarbeit mit den Kollegen in Gervais bekanntgeben, dass es zwischen den Leuten keinerlei Zusammenhang gibt, der einzige Hinweis, dass alle Menschen einen Arbeitsplatz in der Stadt hätten, wird von der Tatsache des Mordes an der alten Frau zunichte gemacht, ein weiterer auf einen Hass des Täters auf weibliche Personen durch den Diebstahl bei Monsieur Perroque. Wir müssen zugeben, dass wir vor einem Rätsel stehen, und bitten die Bevölkerung nochmals um Mithilfe, um dieses Verbrechen aufzuklären.“ Zu einem konkreteren Ergebnis gelangte niemand, sodass die Konferenz nach einigen Minuten des Schweigens auf die Frage nach etwaigen Spuren oder Hinweisen für beendet erklärt wurde. Wie so viele verließ Antoine das Gebäude gesenkten Hauptes, und es war ihm, als verfolgte ihn die betroffene Stimmung noch, nachdem er sich von Jean verabschiedet und wieder auf den Weg in sein Atelier gemacht hatte. Selbst in die Farben seiner Bilder mischte er an jenem Tag zu viel Schwarz, sodass sie ebenso trübselig aussahen, wie ihm nach der Besprechung zumute war. Die Kunde vom nächsten Fall ereilte Antoine durch das Radio, als er mit dem Auto über die Bundesstraße nach Gervais fuhr – neuerdings verspürte er nämlich nicht mehr das Bedürfnis, sich von allen weltlichen Ereignissen fernzuhalten. Für die bevorstehende Ausstellung transportierte er bereits die ersten seiner Gemälde in die Stadt, die vom Galeristen noch begutachtet und, so war es jedenfalls in allen vorangegangenen Monaten geschehen, für gut befunden werden würden. „Donnerstag, 22. März, 9 Uhr, willkommen zu den Nachrichten. – In der Nacht auf heute erlitt eine Frau aus Gervais den Schock ihres Lebens. Als sie von der Arbeit in der größten Firma der Stadt nach Hause zurückkehrte, erblickte sie vor ihrer Tür ein Paket, das jemand irrtümlicherweise dort hingelegt haben musste. Adressiert war es nämlich an Monsieur Umbert, einen Mitarbeiter der Arzneimittelfirma Francopharm, der nebenan wohnte. Sie wollte es ihrem Nachbarn bringen, als ihr auffiel, dass kein Absender angegeben war und es noch dazu verdächtig tickte – sofort holte sie die Polizei, die das Paket von Sprengstoffexperten öffnen ließ. Tatsächlich handelte es sich um eine winzige Bombe mit einer Reichweite von zwanzig Zentimetern, die jedoch imstande gewesen wäre, dem Öffner des zweifelhaften Geschenks eine Arm- oder Gesichtsverletzung zuzufügen. Der daraufhin informierte Monsieur Umbert zeigte sich zutiefst erschrocken; er ist eines der jüngsten Mitglieder des Konzerns und zog erst vergangenes Jahr aus Margou in die Stadt. Ein Zusammenhang mit der rätselhaften Angriffs- und Überfallserie im genannten Dorf kann nicht ausgeschlossen werden.“ Resigniert stöhnte Antoine auf. Es gab nichts mehr, was man tun konnte – er hoffte bloß, dass ihm kein Vorfall in der Nähe der Galerie ab 1. April die Besucher vertreiben würde. Bis zum 30. März hatte die Polizei bereits jede nur erdenkliche Spur verfolgt, und versprach sie auch noch so wenig Aussicht auf Erfolg – doch es gab schlicht und einfach keinen Hinweis darauf, zu welchem Zweck jemand diese Taten begangen haben sollte, geschweige denn auf die schuldige Person. Soeben hatte Antoine sein letztes Bild an der weißgetünchten Wand des Ausstellungssaals angebracht, übermorgen sollte seine Galerie eröffnet werden. Noch einmal schwebte sein prüfender Blick über dem Raum, der gerade von einer zu seiner Überraschung kunstinteressierten Putzfrau gesäubert wurde. „Ich selbst kann solche Gemälde nur bewundern, doch meine Schwester ist weitaus begabter, sie zeichnet und malt, wann immer es ihr Terminkalender zulässt. Sie sprach schon öfters davon, dass sie sich gerne als Künstlerin versuchen möchte, doch obwohl sie bereits einige meiner Meinung nach sehr schöne Werke fertiggestellt hat, würde sie sich nicht zutrauen, eine eigene Ausstellung zu eröffnen. Es entmutigt sie, wie viele Komponente stimmen müssen, damit daraus ein Erfolg wird: Die Begabung des Malers, das Gefallen des Galeristen an den Gemälden, die Besucheranzahl, deren Bewertung der Werke, finanzielle Mittel, die Gewogenheit der Journalisten, die für Zeitungen oder im Fernsehen darüber berichten… Das hat in seiner Komplexität Ähnlichkeit mit einem Betrieb, in dem ebenfalls alles Mögliche koordiniert werden muss, sagt - “ Ein dumpfer Schlag, und Antoine war von seiner Stehleiter gefallen. „Jaaa! Das ist es! Derselbe Betrieb, aber völlig verschiedene Abteilungen! Koordination! Genau!“, schrie er wie von Sinnen, während er, sich das schmerzende Bein haltend, durch den Raum sprang. „Richten Sie Ihrer Schwester ein großes Dankeschön aus! Und viele Grüße!!“ Damit nahm er seinen Mantel und schlug die Tür hinter sich zu, eine in höchstem Maße erstaunte Putzfrau zurücklassend, die ungläubig vor sich hin murmelte: „Dass Künstler ziemlich exzentrisch sein können, habe ich ja schon gehört, aber dieser scheint gestern wohl etwas zu tief ins Glas geschaut zu haben!“ Derweil war Antoine bereits auf dem Weg zum größten Betrieb der Stadt, eben dem Pharmakonzern, aufgeregt mit seinem Freund Jean telefonierend. „Weißt du, in welcher Firma die Tochter von Madame Kalou Warenkontrolleurin ist? Nein? Dann bitte ich dich, das auf der Stelle herauszufinden!“ Kurze Zeit später stand es fest: Francopharm. „Nun benötige ich den Namen des Arbeitgebers der restlichen Opfer!“ Nachdem Jean den des letzten, Monsieur Perroque, angegeben hatte, erkundigte er sich keuchend noch einmal, da ihm Antoine auf alle bisherigen Fragen die Antwort verweigert hatte: „Könntest du mir nun bitte verraten, was das soll? Ich laufe gerade wie ein Verrückter durch den Ort und ziehe allerlei merkwürdige Blicke auf mich, um dir deine Informationen zu beschaffen!“ Doch der Maler zeigte sich unbeeindruckt: „Wenn du es unbedingt wissen willst: Ich bin dabei, Margou vor einer Katastrophe zu bewahren. Bis später!“ Damit legte er auf. Sein nächstes Ziel war die Firma Francopharm selbst – denn dort arbeiteten alle vom Unbekannten geschädigten Personen, im Falle der alten Dame eben deren Tochter. Vor dem Eingang bremste Antoine kurz ab und hoffte, ein Relikt der Vergangenheit, das ihm nun wie kein anderer Gegenstand behilflich sein könnte, würde sich noch in seiner Geldbörse befinden. Tatsächlich – da war sein Journalistenausweis! Diesen zeigte er gleich darauf an der Empfangstheke vor. „Ich bin Valentin Heinrich von der Tageszeitung ‚Aujourd´hui En Normandie‘. Im Rahmen unserer Serie ‚Regionale Firmen von A bis Z‘ haben wir diesen Betrieb ausgewählt, um ihn unseren Lesern ausführlich vorzustellen. Darum bitten wir um die Erlaubnis, Ihren Chef interviewen zu dürfen.“ Das junge, gelangweilt wirkende Mädchen fand es zu Antoines Freude offenbar nicht notwendig, deswegen bei ihrem Vorgesetzten anzufragen. Stattdessen interessierte es sich für ihn selbst.: „Sie tragen einen deutschen Namen?“ „Ja, ich bin der Arbeit wegen hierher gezogen“, antwortete er, bereits vor der Treppe angekommen, die in den ersten Stock führte. Dort fand er ein Schild vor, das anzeigte, dass der Chef der Firma im dritten Obergeschoß anzutreffen war. Nichtsdestotrotz klopfte er bereits an der ersten Tür des zweiten Stockwerks an, wo laut deren Aufschrift die Administration ihren Sitz hatte. Eine ältere Frau bat ihn herein, bevor er sein Anliegen vorbrachte: „… Nachdem ich bereits beim Chef zu Besuch war, möchte ich mir noch ein Bild von der Verwaltung des Betriebs machen – einschließlich all Ihrer Aufgaben, Pflichten und so weiter…“ Die zuvorkommende Dame willigte sofort ein und forderte ihn auf, Platz zu nehmen. Plötzlich ächzte Antoine, gleichzeitig schloss er die Augen. „Um Himmels Willen, was ist denn mit Ihnen los?“, sorgte sich die Frau sogleich um ihn. „Es ist nichts Ernstes, ich leide nur hin und wieder an Kreislaufbeschwerden…“ „Soll ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“ „Oh, das wäre sehr freundlich von Ihnen…“ Sobald sie im angrenzenden Raum verschwunden war, erhob sich der plötzlich wieder genesene Antoine – und schloss die Verbindungstür kurzerhand mit dem Schlüssel ab, den die Dame, wie auch schon seine Kollegen bei „Seven In One“, in der Untertasse der Zimmerpflanze am Fensterbrett versteckt hatte. Dann wandte er sich seelenruhig dem Computer zu, in dem sämtliche für „Francopharm“ relevante Ereignisse gespeichert waren. Während er die nach dem Alphabet geordneten Datenbanken aller jemals beschäftigten Mitarbeiter durchging, durchzuckte ihn plötzlich ein Gedankenblitz. Kurzerhand lieh er sich den auf dem Schreibtisch liegenden Füller sowie ein Notizblatt aus und schrieb das gesamte Alphabet auf. Anschließend versah er jeweils den Anfangsbuchstaben eines Opfers mit einem Kreuz – und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen: Mit A beginnend war ausgerechnet jeder sechste von dem Täter heimgesucht worden! „Die erste Runde von fünf“ – das bedeutete, dass dieser nach sechs Geschädigten wieder bei B beginnen wollte, nach weiteren sechs bei C, usw., es gab also sehr wohl ein System! Nun kam Antoine auch wieder die Zeile in den Sinn, in der es hieß: „Ich befinde mich in der Mitte“, was laut dieser Deutung die Mitte des Alphabets sein musste, also entweder M oder N, und mit diesem Buchstaben wiederum begann mutmaßlich der Nachname des Täters. Bereits die verwunderten Rufe der Frau vernehmend („Irgendwie klemmt die Tür plötzlich, können Sie mir bitte helfen?“) und ihr lautstark versichernd, er würde sein Möglichstes tun, um die Klinke wieder in Bewegung zu bringen, entdeckte er auf einmal eine Person, mit der er niemals gerechnet hätte. Doch er hatte sich keinesfalls in der Zeile geirrt, der Eintrag besagte tatsächlich: „Murieux, Pierre, geb. am 19. 1. 1969, Buchhaltung, beschuldigt wegen Datenverkaufs an Konkurrenz, Gespräch mit Firmenleitung am 24. 11., fristlose Entlassung 25. 11. des Vorjahres.“ Damit war alles klar. Bald darauf hatte Antoine auch das nächste Opfer ausfindig gemacht, das dem System folgend mit Z beginnen musste – ein gewisser Carl Zarnier, der ebenso wie Mademoiselle Kalou Warenkontrolleur war. Auch bei ihm war nämlich die Notiz hinzugefügt worden, dass er im Fall der an andere Pharmakonzerne verratenen Verkaufs- und anderen Zahlen ausgesagt hatte; allerdings hatte man keinem der befragten Mitarbeiter den Namen des Beschuldigten genannt, um sicherzugehen, dass sie nichts aus reiner Bosheit gegen ihn erwähnten. Endlich ließ Antoine seine Aufzeichnungen in seiner Hosentasche verschwinden, sperrte auf und beförderte den Schlüssel blitzschnell wieder in den Untertopf, bevor er die Tür sperrangelweit öffnete und der bereits etwas verängstigten Beamtin erklärte, er habe eben schon jemanden anrufen wollen. Etwa zehn Minuten lang dauerte das anschließende Interview, das mit von ihm frei erfundenen Fragen nur dazu dienen sollte, den Schein zu wahren, dann konnte er endlich nach Margou fahren, wo er hoffte, Monsieur Zarnier noch wohlauf vorzufinden. Aufgrund seiner früheren seltenen Besuche im Ort erfuhr er erst beim Anblick eines Plakats von der 400-Jahres-Feier des Markts Margou, die heute mit einem Dorffest begangen wurde. Also parkte er vor der Einfahrt und betrat das Ortsinnere zu Fuß, zu seiner Linken bereits den Bürgermeister erblickend, der, auf dem Podium stehend, bereits zur Eröffnungsrede ansetzen wollte. Doch Antoine kam ihm zuvor, indem er so schnell er konnte zu ihm hinauflief und kurzerhand selbst ins Mikrofon sprach. „Der Vortrag dieses Mannes hätte sicherlich auch von den Verbrechen der letzten Wochen gehandelt. Nun aber muss ich euch mit der Wahrheit konfrontieren: Unser Bürgermeister selbst ist der Schuldige. Ich verfüge über handfeste Beweise, dass er vergangenen November aus der Firma Francopharm entlassen wurde, da er sein Amt als Buchhalter dazu missbrauchte, geheime Informationen an die Konkurrenz zu verkaufen. Alle Personen, denen bereits etwas zugestoßen ist oder deren Verwandte zu Schaden kamen, haben in seinem Fall ausgesagt, allerdings wurden sie nicht darüber in Kenntnis gesetzt, wer der Verdächtige war. Und ich bin mir sicher, dass noch einige andere von euch in diesem Betrieb arbeiten und auf seiner Liste stehen, deren System ich euch später gerne erklären werde – so beispielsweise Monsieur Carl Zarnier, der sich erfreulicherweise gerade lautstark gemeldet hat. Er wäre das nächste Opfer einer Serie gewesen, die für Murieux nicht nur Rache, sondern auch etwas völlig anderes bedeutet hatte: Wie ich einer Zeitung entnehmen konnte, werden am Ende des Jahres für Bürgermeister, die sich besonders für die Einwohner ihres Ortes engagieren, überraschend hohe Prämien vergeben – und dieses Zusatzgehalt könnte er nach der Entlassung aus seinem Nebenberuf gut gebrauchen, deshalb gab er vor, durch diverse Versammlungen und Konferenzen wie der am 10. März die Gemeinschaft und Sicherheit im Dorf stärken zu wollen. Seine Bürger sollten unwissentlich dem Mörder einer alten Dame zu größerem Verdienst verhelfen! Um Murieux‘ Vorgangsweisen zu erklären, muss man lediglich an seinem Haus vorbeifahren, in dessen Garten auffällig viele Tauben ein- und ausfliegen – denn er züchtet Brieftauben, wie einige von euch wissen werden und mir mein Freund Jean-Paul Chartre bestätigen konnte. Diese setzte er dazu ein, seinen Opfern Nachrichten zukommen zu lassen und bei Monsieur Perroque auch einen Stein zu stehlen, was erklärt, weshalb nirgends Fingerabdrücke oder Fußspuren gefunden werden konnten. Und nur er als Bürgermeister, der regelmäßig Besuche bei Geburtstagen oder Krankheitsfällen abstattet, konnte so genau über Gewohnheiten wie geöffnete Fenster oder nicht abgesperrte Türen informiert sein! Es tut mir leid, dass ich den Mythos des unfehlbaren Gemeindepolitikers zerstören musste, doch dadurch konnten einige Bürger vor schrecklichen Ereignissen bewahrt werden.“ Im Laufe seiner Rede war das allgemeine Raunen immer lauter geworden, bis die Bewohner von Margou nun die fünf auf Murieux zukommenden Polizisten aufforderten, ihn zu verhaften. So schnell ging es dann doch nicht, da diese zuerst die städtische Behörde benachrichtigen mussten, aber schließlich klickten die Handschellen, und der gefährliche Bürgermeister, der mit starrem Gesicht zu Boden geblickt und eisern schwieg, wurde abgeführt. Mit einem Streifenwagen fuhr ihn die Exekutive nach Gervais, von wo er für sehr lange Zeit nicht mehr zurückkehren würde. Daraufhin erfolgte die eigentliche Feier, in der man Antoine für seinen Einsatz dankte und ihm sogar das Bürgermeisteramt anbot – doch da lehnte der Maler entschieden ab, da es ihm immer noch einfacher erschien, als Detektiv dunklen Machenschaften auf die Spur zu kommen, als in wichtigen Angelegenheiten ein ganzes Dorf zu vertreten. Bis zum Sonnenuntergang dauerte das Fest, endlich verabschiedete sich Ledoux von hunderten begeisterter Menschen mit dem Versprechen, bald wieder der nächsten Einladung zu folgen, die diesmal von einem Geburtstagsfeiernden ausging. Während er den schmalen Pfad entlangwanderte, wie er es auch schon getan hatte, bevor die mysteriösen Ereignisse geschehen waren, bemächtigten sich seiner gemischte Gefühle. Voll Freude dachte er an die 21 kriminellen Taten, die er durch seine wenn auch etwas eigenwillige Ermittlungsarbeit verhindern können hatte – doch es war den Aufwand wert gewesen, außerdem hatte ihm der Dorfpolizist, nachdem er von seinem Besuch bei Francopharm informiert worden war, versprochen, dass er nichts zu befürchten haben würde. Die Exekutive wollte diesen Einfall für sich beanspruchen und ihn, falls jemand genauer nachfragte, als beauftragten Detektiv ausgeben, der nur noch nach dem letzten Beweis gesucht hatte, um Murieux verhaften zu können. So würde Antoine zwar nicht in die Schlagzeilen kommen, aber die Dankbarkeit der Leute aus Margou und die mögliche Rettung von Menschenleben war ihm viel wichtiger. Möglicherweise hätten ihm die Reporter auch unangenehme Fragen nach seiner Vergangenheit gestellt… Es war das Alphabet gewesen, das ihn zur Lösung geführt hatte, wie paradox; bestimmte Dinge schienen einen immer wieder einzuholen. Wie auch seine Gabe, fiel ihm ein, denn sie war zurückgekehrt – oder besser gesagt immer schon dagewesen, doch er hatte nicht mehr daran geglaubt, bis er in der Nähe des Bürgermeisters plötzlich unbeschreiblich missmutig geworden war. Vielleicht sollte er auch wieder mit dem Schreiben beginnen und beispielweise von einer gewissen Beatrice Lichtenberger erzählen, die hier ohnehin niemandem bekannt war? Eine Taube erhob sich in die Luft über den sich an den Felsen brechenden Wellen und flog den hinter den Wolken hervorkommenden Sonnenstrahlen entgegen.

"Morgenstimmung"
Lisa Stemberger

Morgenstimmung Morgenstimmung     Maria schlug die Augen auf, naja sie versuchte es zumindest, denn sie waren so verklebt von der Wimperntusche, dass es sie einige Mühe kostet sie aufzubekommen. Zum Abschminken war sie gestern nicht mehr in der Lage gewesen. Als sie ihre verklebten Äuglein endlich geöffnet hatte, sah sie an sich herunter – zum Ausziehen anscheinend auch nicht. Eigentlich wusste sie gar nicht mehr genau wie sie ins Bett gekommen war, nur dass sie im Taxi eingeschlafen war. Doch daran war sie schon gewöhnt, so war es fast jedes Wochenende. Sie drehte das Licht an und blickte sich im Zimmer um; ihr Mantel und ihre Schuhe lagen verstreut im Zimmer herum, kurz war sie erschrocken, doch dann hob sie ihren Mantel auf, und da war ihre Tasche. Jedes Wochenende wunderte sie sich wieder wie sie es schaffte ihre Tasche mit nach Hause zu nehmen. Ihre Handyuhr zeigte zehn Uhr an. Maria wusste dass sie nicht mehr länger schlafen konnte, also setzte sie sich auf und wollte gleich wieder zurück fallen; sie wusste nicht ob ihr schwindliger oder schlechter war. Sie entschied sich für schlechter, zog ihren Pyjama an und huschte ins Bad, damit ihre Mutter nicht merkte, dass sie gestern zu betrunken zum Ausziehen und Abschminken gewesen war. Gestern hatte sie sich noch sorgfältig ein hübsches Gesicht aufgemalt und mühevoll blonden Locken gedreht, doch heute sah sie aus wie eine Karikatur ihrer selbst: die Wimperntusche bröckelte ihre Wangen herunter und der verschmierte Kajal ließ ihre Augenringe noch tiefer erscheinen. Ihr Make-up war fleckig und gab Teile ihrer geröteten Haut frei. Auch ihr gestern noch so hübsches Haar hing schlaff und strähnig herunter. Seufzend nahm sie ein Abschminkpad und rubbelte an ihrem Aug herum. Sie war gestern stark geschminkt gewesen und es dauerte lange bis sie ihr ein nacktes Auge entgegen sah. Dieses Spiegelbild sah sogar noch unwirklicher aus. Denn eigentlich hatte Maria blonde Wimpern die man kaum sah und der Kontrast zwischen dem stark geschminkten und abgeschminkten Aug sah einfach zu komisch aus. Sie betrachtete sich eine Weile im Spiegel, Bilder von gestern stiegen vor ihrem geistigen Auge auf, Bilder von Massen feiernder, betrunkener, grölender Jugendlichen und Maria mittendrin. Sie war gut gelaunt gewesen, hatte getanzt, laut mitgesungen und hatte mit ihren Freundinnen angestoßen. Dazwischen fehlten immer wieder einige Sequenzen, doch auch an einen Filmriss war sie schon gewöhnt. Anfangs hatte sie versucht die Erinnerungen krampfhaft wieder aufzurufen, doch heute wusste sie, dass sie nicht wieder kamen. Maria fühlte sich hohl und einsam, der Morgen nach dem Fortgehen war immer schrecklich. Ihr Leben kam ihr dann so sinnlos und leer vor. „Postalkohlische Depression“ nannte es ein Freund von ihr immer. Wenn man am Abend so viele Glückshormone ausgeschüttet hatte dass man am Morgen keine mehr hatte. Doch so toll war der Abend gestern auch nicht gewesen. Am Schluss war sie sogar ziemlich betrunken gewesen, war nur mehr herumgefallen. Morgen würden sie ihre Freunde damit aufziehen, Maria würde mitlachen, aber lustig fand sie es eigentlich ganz und gar nicht, eher ziemlich traurig. Sie wischte sich auch noch den Rest ihrer Maske ab und schaute ihr leeres Gesicht an. Ohne das ganze Make-up sah sie deutlich jünger aus. Viele erkannten sie ungeschminkt kaum, aber es hatten auch nur ihre besten Freunde das Privileg sie so zu sehen. Jemand hatte mal zu ihr gesagt sie wäre eine der Frauen die sich ihr Gesicht aufmalen müssten weil sie sonst keins hätten. Stimmte das? Hatte sie kein Gesicht? Doch mit dieser Frage konnte sie sich nicht lange aufhalten, denn plötzlich brach eine Woge der Übelkeit über sie herein und sie stürzte zur Toilette und übergab sich heftig. Es war nur Wasser mit ein paar Bröckeln, es schmeckte nicht mal zu ekelhaft. Maria spülte sich den Mund aus und putze sich die Zähne. Nun war es aber Zeit für eine Dusche. Sie schnappte sich eine Jogginghose und ein Schlabber-T-Shirt und stapfte ins Bad. In der Küche saß ihr Mutter beim Kaffe und fragte: “Und wie wars gestern?“ „Cool“, antwortete sie, setze ihr überzeugendstes Lächeln auf und ging schnell weiter um weiteren Fragen auszuweichen. Sie entkleidete sich und sah noch einmal kurz in den Spiegel; es hatte schon einen Grund warum sie sich schminkte. Dann stieg sie in die Dusche und ließ das warme Wasser auf sich herunterprasseln, eine Dusche war das einzig schöne an so einem Morgen, so konnte man sich von dem schlechten Gefühl wenigstens ein bisschen reinwaschen.

 

sprichcode-Preisträger 2012:

 

Fotos von der Abschlussveranstaltung sehen Sie unter dem Link:
http://www.cityfoto.at/galerie/7852/


Infos zur sprichcode-Fotoausstellung: