"Des Nachts"
Magdalena ...

Des Nachts Des Nachts Aber die verrät dich nicht. Niemals. Sie verbirgt dich, bedingungslos. Wie kann man sie hassen, Bruder? Es gibt doch nichts Schöneres, nichts Wahreres als die Nacht. Und doch voller Geheimnisse. Geborgen bist du in ihr, Bruder, versteckt vor aller Augen. Du bist sicher und sicher kannst du sein, dass sie dich nicht verrät. Anders als der Tag. Verräterischer, heimtückischer Tag. Wirft dich ihnen zum Fraß vor, Bruder. Bist nirgends sicher, nirgends geborgen wie in dem schwarzen Samt der Nacht, das dich umhüllt, verspielt um deinen Körper flattert und dich niemals enthüllt, dich niemals freigibt. Geheimnisvoll liegt sie über der Landschaft und verschreckt die, die gehen. Die, die sie nicht zu schätzen wissen, die die ihren Wert nicht sehen. Nur die, die sie lieben und achten, sind noch zu finden auf den Straßen. So wenige. Geisterstadtgleich. Und jeden Tag einer weniger, Bruder. Einer der gefunden wird. Rotes Blut. Die Nacht birgt jeden. Auch die, die sie missbrauchen, die die sie ausnutzen für ihre Zwecke. Zeitungen, geschwätzig. Angst befällt die Menschen. Sie bleiben in ihren Häusern. Und doch immer wieder: Irrenden Seele, die suchen. Und finden, Bruder? War es das was sie suchten, den Tod? Ein kleiner Schnitt. Angst. Oder wollten sie es nicht? Das nicht? Waren sie auf der Suche nach etwas anderem, Bruder? Keine Antwort. Niemals. Fortgenommen mit sich nach … nur du weißt wohin. Ein kleiner Schnitt genügt. Sterben geht schnell, Bruder. Zu schnell? Sekunden der Wahrheit, Bruder, der Angst. Ein Blick ins Innerste der Seele eines Menschen. Dann: Nichts mehr. Ausgelebt. Hier. Am nächsten Tag: Gefunden von. Schock. Lebensverändernd. Angst, Bruder? Ich war noch nie dabei. Denn ich verschwinde, sobald der Morgen kommt. In ein sicheres Versteck, Bruder. Keiner findet mich, keiner kennt mich, niemand schöpft Verdacht. Nur ein kleines, scheinbar wehrloses Mädchen. Eine kurze Begegnung. Ein kurzer Blick, eine Erwiderung dieses schüchternen Lächelns aus kleinem, blassem Gesicht. Dann. Blick wieder auf die Straße. Man geht aneinander vorbei. Toter Winkel. Ein schneller Schnitt in den Hals. Blut spritzt, pocht. Blanke Angst in den Augen. Angst vor dem Sterben, Angst vor dem was kommt, Angst um die Familie, die Kinder? Ein Blick, tief in den verborgensten Winkel dieser kleinen, ach so verletzlichen Seele. Ich habe ihre Ängste gesehen, Bruder, ihre Wunden, ihre Wut, ihre tief vergrabenen, schon so lange schlummernden Gefühle. Mir bleibt keines verborgen. Ich kenne sie Bruder, alle. Ich habe sie leben und sterben gesehen. Fröhlich und traurig sein, wütend und glücklich. In einem einzigen, winzigen Augenblick. Ich kenne sie. Alle. Aber dich, Bruder, dich kenne ich nicht.

"Wie Glück ..."
Leonie Reschrei...

Wie Glück aussieht Wie Glück aussieht Alina saß in ihrem Zimmer, sie hatte Hausarrest, wieder einmal. Normalerweise würde sie jetzt aus dem Fenster klettern, aber das war leider nicht möglich. Nicht mehr seitdem ihre Eltern eine Alarmanlage angebracht hatten. Alina schnaubte und verdrehte die Augen. „ Zu deinem eigenen Schutz, du weißt ja es gibt zurzeit immer mehr Einbrüche, Liebling.“, äffte sie die Stimme ihrer Mutter nach. Der eigentliche Grund für die Alarmanlage war, der das sie verhindern sollte, dass Alina hinaus und nicht die Einbrecher hinein kletterten. Aber sie brauchte nur Zeit zum Nachdenken und schon würde sie einen weiteren Fluchtweg finden. So war es immer gewesen und so würde es immer sein, zumindest bis sie achtzehn war und dann, endlich, würde sie ausziehen können. Und Linus würde zu ihr ziehen. Linus war ihr bester Freund, und wie ihre Mutter und ihr Vater es ausdrückten ein Bettler, ein Taugenichts, ein armseliger Trinker, Verlierer und obendrein Mädchenbelästiger. Alina musste grinsen, wenn sie an den Gesichtsausdruck ihrer Eltern dachte als sie zum ersten Mal erfahren hatten das sie sich mit Linus befreundet hatte. Ihre Eltern waren sooooo dumm, wenn sie Linus auch nur eine einzige Chance gegeben hätten, auf seinen Charakter, statt auf sein Äußeres gesehen hätten, sie hätten einen liebenswerten, jungen Mann entdeckt. Das würde aber noch dauern. Sehr lange sogar. Eigentlich waren es ja gar nicht ihre wirklichen Eltern, die hatten sie wegen einem wichtigen Grund weggegeben. Das hatte zumindest Oma gesagt. Ihre Oma. Die perfekte Oma. Sie konnte ausgezeichnet eine alte verkorkte Dame spielen, natürlich nur wenn es nötig war, und es war nötig, zumindest wenn ihre Eltern dabei waren. Alina seufzte, leider sah sie ihre Großmutter nur einmal im Monat, zurzeit noch seltener, weil sie schwer krank war. Aber wenn sie alleine bei ihr war, war es immer lustig, fast lustiger wie mit Linus, aber nur fast. Gemeinsam philosophierten sie dann wer ihre echten Eltern waren, vielleicht Piraten auf hoher See oder die Kaiser von China? Oder sie ersannen einen neuen Fluchtweg, backten Kekse, planten gefährliche Reisen, Schatzsuchen und vieles mehr. Die Schatzsuchen wandelten sie dann im Garten hinter dem Haus in die Tat um. Einmal hatten sie sogar ein Loch bis hindurch nach Afrika gegraben wo sie dann einem Dschungelforscher begegnet waren der sie ins Haus ihres Nachbarn zu Tee und leckeren Erdbeerkuchen eingeladen hatte. Ihre Oma wusste natürlich von Linus und unterstützte sie vollkommen. Wie konnte es auch anders sein, sie war ihr Schutzengel der sie begleitete und versteckte. Alina lächelte, sie würde sie, wenn alles gut ging, morgen wieder besuchen, aber als erstes würde sie jetzt einen Fluchtweg finden müssen. Das Zimmer war zugesperrt, vielleicht ließe sich die Alarmanlage ausschalten. Alina stand vom Bett auf und schlich zum Fenster, das kleine schwarze Ding am inneren Rahmen war die Alarmanlage. Von ihm aus führte ein schwarzes Kabel das schließlich irgendwo im Fußboden verschwand. Plötzlich ging Alina ein Licht auf und sie begann laut zu kichern. Sie legte ihre Hand auf den Fenstergriff und machte ganz sanft das Fenster auf. Laut ging die Alarmanlage los und ihre Mutter stürmte ins Zimmer. „Was ist los, Alina?“, schrie sie mit schriller Stimme, ihr Gesicht lief rot an und ihre Augen quollen heraus. Alina musste sich ein Lachen verkneifen der Anblick sah zu komisch aus. Doch dann dachte sie an Linus und an ihren Plan und setzte ihr liebes Mädchengesicht auf. „Ich wollte nur das Fenster aufmachen um frische Luft zu bekommen.“, ihre Mutter musterte sie mit einem misstrauischen Blick.  „Das solltest du lieber lassen. Sonst wird dir nur kalt.“, ein Zähnefletscherlächeln tauchte auf ihrem Gesicht auf. So hatte Alina es zumindest getauft. Langsam ging ihre Mutter auf das Fenster zu, um es zu schließen, aber vorher warf sie noch einen Blick hinaus. Das war ihr Fehler. Alina stürmte auf sie zu und gab ihr einen kräftigen Stoß der sie hinaus aus dem Fenster katapultierte. Schnell lief Alina aus dem Zimmer hinaus, zog den Schlüssel aus dem Schloss und verließ im Sprint das Haus. Ihre Mutter hatte sich gewiss schon erholt, denn Alinas Zimmer lag im Erdgeschoß. Sie wartete bestimmt schon vor der Haustür deshalb wählte das Mädchen gleich den Hinterausgang. Erst beim Park, der eine schöne Strecke vom Haus entfernt lag, machte sie halt. Ihr Herz klopfte so stark gegen ihre Brust das es weh tat und ihr Atem ging keuchend, trotzallem war sie glücklich. Natürlich konnte sie so etwas kein zweites Mal machen, jetzt kannte ihre Mutter schon den Trick, aber trotzdem, sie war entkommen! Ein Lied pfeifend das ihr gerade in den Sinn kam, ging sie die Straße entlang. Auf dem Weg lag ein kleiner sich windender Regenwurm, Alina beugte sich hinunter und hob ihn sachte auf ihre Hand, dort kringelte er sich zusammen. Vorsichtig schubste sie ihn auf die Wiese des Parks und ging auf einem Bein hüpfend weiter. Als sie endlich bei der Brücke, bei der sie sich immer mit Linus traf, ankam wartete ihr Freund schon auf sie. „Und wie bist du dieses Mal entkommen?“, begrüßte er sie mit einem Grinsen auf dem gutmütigen Gesicht. Alina erzählte ihm aufgeregt die Geschichte. Sie war immer noch vollkommen und ganz begeistert von ihrer Idee, auch hinterher. Doch Linus runzelte die Stirn: „Und was wenn ihr etwas passiert ist, immerhin ist kopfüber aus dem Fenster gefallen!“ Aber Alina schüttelte entschlossen den Kopf: „Genauer gesagt aus einem das einen Meter über dem Boden ist!“ Doch Linus ließ sich nicht überzeugen und wechselte das Thema: „Was wollen wir heute machen?“, fragte er. Das ist eine gute Frage, überlegte Alina, eigentlich hatte sie sich noch nichts überlegt, aber jetzt kamen die Einfälle wie von selbst. „Wir könnte ein Bötchen-Wettrennen veranstalten, oder wir könnten uns selber ein Boot bauen und den Fluss hinunter fahren, oder wir könnten in den Park gehen und in Laubhaufen springen, oder, oder wir könnten Kekse backen,  schöne, süße, mit Schokolade überzogene Kekse!“,  sie warf ihm ihren liebsten Blick zu und blinzelte mit ganz großen Augen. Linus schnaubte, aber dann musste er lachen: „Ich schlage vor wir machen alles auf einmal, als erstes gehen wir in den Park, dann backen wir Kekse und dann bauen wir uns ein Boot und fahren den Fluss hinunter.“ Alinas Augen leuchteten auf. Das würde der beste Tag sein seit, seit sie wusste es nicht, auf jeden Fall seit langem werden. Doch er ging schnell zu Ende, aber das merkte Alina erst als sie ihre Mutter sie schimpfte. Ihr kam vor, dass das Nörgeln länger dauerte als die Zeit mit Linus, aber schließlich endete auch das und als Strafe musste Alina um sechs Uhr ohne Abendessen ins Bett, ihre Stiefeltern waren so altmodisch! Aber morgen, morgen würde sie ihre Oma wieder sehn… Alina stand am nächsten Morgen ganz früh auf, sie aß ausnahmsweise brav ihr Frühstück und fuhr dann ganz still mit ihrer Mutter zu Oma. Heute musste sie das, sonst hätte Mama sie nicht zu Oma mitgenommen und das wäre wirklich zu schade gewesen. Alina saß im Zug und wartete, sie wartet auf die Späße ihrer Oma, sie wartet auf die Stille im Krankenhaus, wo sie in Ruhe nachdenken konnte, aber ganz besonders wartet sie auf ihre Oma. Als sie endlich nicht mehr warten musste und vor ihrer Oma stand, war sie vollkommen glücklich. Alina grinste über ihr ganzes Gesicht und bekam ganz leuchtende Augen. Aber wann sagte Oma endlich, dass es ihr gut ging und, dass sie keine Hilfe brauchte, dass Mama gehen sollte… Doch Oma sagte nichts dergleichen, denn sie schickte nicht Mama sondern Alina hinaus. Alina bemühte sich schrecklich, nicht traurig, entsetzt und wütend auszusehen, aber sie wusste, dass sie es nicht schaffte. Sie konnte einfach nichts dagegen machen, gar nichts.Vor der Tür überlegte sie, Was hatte Oma? Sie verrät Mama doch nichts… was für eine Frage, natürlich nicht, ihr Schutzengel doch nicht. Alina überlegte und überlegte und wartete, wieder einmal. Müde drehte sich Elisabeth, Alinas Oma, zu der verkorkten Frau um die ihre Tochter war. Wie hatte ihre Tochter jemals so werden können? Egal, es gab wichtigeres zu erledigen, deshalb hatte sie schließlich auch Alina hinaus geschickt. „Du weißt genau wie ich, dass ich bald sterben werde… Weiß…“, sie musste Luft holen sogar reden war schon so anstrengend, „Weiß es Alina?“ Ihre Tochter schüttelt ihren Kopf, aber ihre Haare bewegten sich keinen Zentimeter, wie machte sie das? Schon wieder schweiften ihre Gedanken ab. „Ich möchte das ihr, du und dein Mann…Alina, wenn ich tot bin, eine Katze schenkt… bitte es wäre mir so wichtig.“, Flehend sah sie ihre Tochter an, diese lächelt falsch (Alina hatte recht es sah aus als würde sie die Zähne fletschen) und sagte: „Natürlich wenn es dir so wichtig ist.“ In dem Moment wusste Alinas Oma, dass Alina niemals eine Katze bekommen würde. „Bitte hol Alina…herein.“ Endlich, denkt Alina, das hat ja lange gedauert, sie hatte versucht zu lauschen aber nur die Stimme ihrer Mutter gehört. Entschlossenen Schrittes ging sie in den Raum in dem ihre Oma lag. Sie hatte überlegt und beschlossen ihre Oma zur Rede zu stellen, aber noch bevor sie anfangen konnte begann ihre Oma zu reden und ihre Stimme war so leise und ihre Haut so blass, dass Alina schnell vergessen hatte das sie gerade eben noch böse auf sie gewesen war. „Alina.“, sagte sie und lächelte, „Du weißt, dass ich sehr krank…bin. Bald Wird mein Körper zu klein… und zu schwach für meine Seele sein… Sie wird ihn verlassen und dann von ganz… ganz weit oben wird sie herunter schauen, dich suchen und… dann kommt sie als Kätzchen zu dir…Was hältst du davon?“ Alina sah ihre Oma verständnislos an: „Aber was ist wenn deine Seele mich nicht findet, oder mein Körper, dann inzwischen genau so schwach ist wie deiner und wir uns verpassen…“, murmelt sie, ganz klein ist sie geworden. „Das glaub ich nicht, die Seelen, musst du wissen… die finden alles und jeden und du siehst nicht so schwach aus… dass du zu schwach für deine Seele wärst... Ich bin mir sicher, wie werden uns... sicher finden.“ Plötzlich betrat eine Krankenschwester das Zimmer, sie lächelte Oma zu und murmelte etwas von Besuchszeit und zu Ende. Enttäuscht blickte Alina zwischen ihrer Oma und der jungen Krankenschwester hin und her, unentschlossen stieg sie von einem Fuß auf den anderen,  die Krankenschwester starrte sie schon ganz böse an, als sie schließlich wie eine Maus hinausschlich. Normalerweise war sie nie so und schon gar nicht nach einem Besuch bei Oma, heute aber hatte Alina ein schlechtes Gefühl, ja, ein sehr schlechtes sogar. Und keine zehn Minuten später erfuhr sie auch warum, die Seele ihrer Oma hatte den Weg nach ganz, ganz weit oben begonnen und würde jetzt nach ihr suchen. Alina blickte sich um, ihre Mutter führte immer noch sinnlose Gespräche mit der Ärztin, typisch, aber praktisch. Alle waren beschäftigt. Unbemerkt schlüpfte das Mädchen nach draußen und stellte sich auf den Gehsteig vor dem Krankenhaus. Alina rekte ihren Kopf in Richtung ganz, ganz weit oben, begann heftig mit den Armen zu winken und auf und ab zu hüpfen. „Hier bin ich!“, ruft sie so laut sie es kann, „Hier unten Seele-meiner-Oma! HHHAAALLLLLLOOO!!!!!“, sie wusste nicht wie lange sie so da stand und hüpfte und winkte, aber irgendwann kam ihre Mutter so schnell sie konnte gelaufen und schüttelte und rüttelte sie an den Schulter, aber das war Alina egal, Hauptsache die Seele hatte sie gesehen.   Alina wartete und wartete. Wie lange dauerte es bis so eine Seele zu einem Kätzchen wurde? Oma hatte es ihr nicht gesagt, deshalb wartete sie, sie wartete immer und überall: bei Linus, in ihrem Zimmer, im Park, einfach überall. Gerade wartete Alina bei Linus, er stand nachdenklich vor ihr: „Und sie hat wirklich gesagt das sie als Kätzchen wieder kommt?“ Alina nickte. „Na, dann wird sie auch kommen immerhin hat sie es versprochen.“, kaum hatte er das gesagt blitzt etwas in seinen Augen auf. Alina kannte diesen Gesichtsausdruck, sie kniff die Augen zusammen und versuchte misstrauisch zu schauen, was hatte er vor? Linus sah immer nur so, wenn er gerade einen Einfall gehabt hatte, einen guten, einen seiner besten Einfälle. „Was hast du vor, du guckst immer nur so, wenn du was vorhast.“, murmelte sie zwischen zusammen gepressten Lippen hervor. Plötzlich verschwindet das Funkeln in seinen Augen wieder: „Ich, ich hab nichts vor. Wieso?“  Alina schüttelt den Kopf, Linus war stur wie ein Esel und, wenn er es ihr jetzt nicht sagte dann nie. „Jetzt wo du’s sagst, ich hab doch noch was vor, muss noch wo hin, wartest du hier, ich komm gleich wieder… Okay?“ Wieder nickt Alina nur, musste sie eben alleine warten. Dennoch kam ihr vor als würde sie Stunden dasitzen. Anscheinend macht es doch einen Unterschied ob man alleine oder gemeinsam wartet, denkt Alina. Doch plötzlich ist sie nicht mehr allein, ein Miauen schreckt sie auf. Es war der laut einer Katze gewesen, eines Kätzchens, verbesserte sich Alina. Suchend ließ sie ihre Augen über den Platz schwenken. Und da saß sie, es war wirklich ein Kätzchen, ihr Fell war noch flauschig, aber ihre Augen hatten dieselbe Farbe wie die ihrer Oma regengrau. Sie schienen allwissend, ja das war ihr Kätzchen mit der Seele ihrer Oma. Sie lief auf den Flauschball zu und hob ihn vorsichtig auf. Das Fell hatte ebenfalls einen Grauton, er erinnerte Alina an die Farbe, die das Haar ihrer Oma gehabt hatte. In dem Moment wurde ihr bewusst das Linus vor ihr stand.  „Plötzlich war sie da, ist sie nicht süß, sie muss bei dir bleiben, meine Eltern erlauben mir nie ein Kätzchen zu haben. Och, sieh sie dir doch an, wie weich sie ist...“, Alinas Redeschwall war kaum zu stoppen, aber Linus lächelte nur und nickte. Alles war gut solange Alina glücklich war.

"Alptraum der ..."
Cornelia Wagner

Alptraum der Menschlichkeit Alptraum der MenschlichkeitDu rennst durch einen Wald. Es ist Nacht. Dein keuchender Atem bildet Wolken vor deinem Mund. Du weichst Bäumen aus, brichst durchs Unterholz, kratzt dir die Haut blutig. Die Dunkelheit raubt dir die Sicht; Wolken verdecken den Mond. Du kannst den Wald riechen. Ihn schmecken. Doch das einzige, was zählt, ist das Rennen. Du musst entkommen. Obwohl du deine Grenzen fast erreicht hast, hält es mit dir mit. Es könnte dich fangen. Aber das will es nicht. Es will spielen; dich leiden sehen. Die Kälte der Nacht umschlingt dich mit eisigen Armen und kriecht unter deine Haut. Du hast Schmerzen; kannst und willst nicht mehr rennen. Aber dein Überlebensinstinkt erlaubt dir nicht zu stoppen. Du rennst, doch du weißt, dass es dich kriegen wird. Du hast Angst davor. Keine Angst zu sterben. Angst davor, dem Biest in die Augen sehen zu müssen. In die kalten, leblosen Augen, die nichts anderes als Hass und Kälte zeigen – sie haben nie etwas anderes gesehen.Dein Herz hämmert gegen deinen Brustkorb, deine Lungen scheinen zu bersten, dein ganzer Körper zittert. Es wird dich holen. Gestaltlos hat es dich bis jetzt verfolgt. Nun will es jagen. Ein bisschen spielen.Du fällst. Dein Fuß verdreht sich, Tränen schießen in deine Augen, während der Schmerz deinen Körper lähmt. Doch du hast noch die Arme ausgestreckt und hältst dich auf deine Händen. Sie ruhen in etwas Warmen. Lebendigem. Es bewegt sich.Vielleicht Würmer; du könntest in ein Erdloch gefallen sein. Aber nein. Die Wolken lichten sich und der Mond beleuchtet dein Elend. Deine Hände ruhen in einem Kadaver. Vielleicht ist es einmal ein Tier gewesen, doch die tote Masse ist nun kaum zu identifizieren. Der Verwesungsgeruch trifft dich und Brechreiz macht sich in dir breit. Deine Hände befinden sich im aufgerissenen Leib. Du ziehst sie hervor und streckst sie dem Mond entgegen.Maden winden sich zwischen den Überresten von Gedärmen. Ihre fetten, hellen Leiber kriechen übereinander. Hättest du noch Kraft, würde sich dein Hals nicht so trocken anfühlen, würdest du jetzt schreien. Lauthals, bis dich irgendjemand findet und rettet. Aber du weißt, dass das nicht passieren wird. Du weißt alles über diesen Ort; hier hört dich niemand schreien.Du lässt die Tiere aus deinen Händen gleiten und kriechst vom Kadaver weg. Aufstehen. Du musst aufstehen. Hinter dir bricht ein Ast. Es kommt näher. Du willst dich nur unter einem Baum zusammenrollen und die Augen schließen. Die Welt aussperren und so tun, als wäre alles in Ordnung. Doch das hast du schon viel zu oft getan. Nun ist es zu spät. Jetzt musst du rennen. Um dein Leben rennen. Nein. Nicht um dein Leben. Denn du weißt schon, dass du es verlieren wirst.Warum bleibst du also nicht liegen? Das ist einfach. Das kannst du.Aber es ist nicht möglich. Mühsam zerrst du dich auf deine Beine und weinst. Die Tränen fließen ungehalten über deine verdreckten Wangen; dein Knöchel pocht im Rhythmus mit deinem Herzen. Aber du schleppst dich weiter. Die Schmerzen malen schwarze Blumen vor deinen Augen. Nur einige Schritte. Du bleibst stehen und krallst dich an einen Baum fest. Dein Körper zittert, er besteht nur noch aus Angst und Schmerzen. Alle anderen Emotionen sind bedeutungslos und oberflächlich geworden. Man benötigt nur die beiden, um zu leben. Zu überleben.Du willst weiterrennen, doch es ist unmöglich. Deine Beine gehorchen dir nicht, jeder Muskel zittert vor Anstrengung. Schweiß, Tränen, Dreck und Blut verunstalten deinen Körper. Mit letzter Kraft bleibst du auf einem Fuß stehen und lehnst dich an den Baumstamm. Er ist kalt und die Rinde kratzt über deine geschundenen Hände.Und es ist da. Es ist still und bewegt sich nicht mehr, aber du kannst es spüren. Es ist genau hinter dir. Sein Atem leckt über deinen feuchten Nacken. Dir wird schlecht. Du willst das nicht. Du willst das alles einfach nicht. Doch der Körper ist schwächer als der Geist und so bleibst du. „Weißt du, wer ich bin?“ Die Stimme hinter dir ist nicht menschlich. Es ist die Stimme einer Bestie. Du antwortest nicht. Deine lauten, ungehemmten Schluchzer schütteln deinen Körper und machen dich schwach. Dabei willst du doch nicht schwach sein. Willst stark sein, dem Biest in die Augen sehen und ihm ins Gesicht spucken. Es legt eine Hand auf deine Schulter. Nein, eine Klaue. Es dreht dich um. „Ich bin du.“Du siehst dir in die Augen.