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Erinnerungslücken

Sophie Buczolich, 25, Linz

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Langsam blickte ich mich in dem Raum um. Den muffigen Geruch, die altmodischen Möbel, die bereits vom Verfall gezeichnet waren und das düstere Licht kannte ich bereits von meinem letzten Besuch hier. Doch irgendetwas war anders. Ich kam nicht sofort darauf, doch als ich meinen Blick noch einmal langsam über die Möbel schweifen ließ und erkannte, was sich verändert hatte, erschauderte ich unwillkürlich. Die Kommode und auch einige andere Möbelstücke, waren weihnachtlich dekoriert worden. Es war mir nicht sofort aufgefallen, da die Weihnachtsdekoration schon sehr abgenutzt war und sich auf den ersten Blick nicht von dem anderen Ramsch in dem Raum unterschied. Langsam trat ich näher an die Kommode und betrachtete einen Blechstern, von dem die Farbe schon fast gänzlich abgeblättert war. Auch einige Christbaumkugeln waren scheinbar willkürlich in dem Zimmer verteilt worden. Wer zur Hölle hatte hier bloß die Weihnachtsdekoration hervorgeholt? Hier wohnte doch seit Jahren niemand mehr?! Fassungslos starrte ich die Gegenstände an, als mein Blick auf einen bestimmten Gegenstand fiel, der etwas versteckt stand. Es schien sich um eine kleine Spieluhr zu handeln, die bestimmt schon einige Jahrzehnte alt war. Langsam ging ich darauf zu und berührte das kleine Spieluhrenkarussell mit den Fingerspitzen. Als die Musik anging, ließ ich die Spieluhr vor Schreck beinahe fallen. Ich hatte die Uhr doch nur ganz leicht mit meinen Fingerspitzen berührt? Besaßen diese Spieluhren nicht normalerweise hinten eine Kordel, mit der man die Musik aufziehen konnte? Vielleicht hatte sie jemand aufgezogen und durch meine Berührung hatte ich den Mechanismus, der stecken geblieben war, wieder ausgelöst? Alle diese Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf, insgeheim wusste ich jedoch, dass nichts davon wirklich einen Sinn ergab. Ich wollte mir damit hauptsächlich selbst gut zureden, um nicht völlig in Panik zu verfallen. Dennoch war mir eines klar, ich wollte hier raus, und zwar so schnell wie möglich. Gedämpft drang die Musik der Spieluhr nun wieder zu mir durch und als ich die Melodie des Liedes erkannte, fing ich erneut an zu zittern. Langsam bewegte ich mich auf die Tür zu, während ich in der einen Hand immer noch verkrampft die Spieluhr hielt. Ich hatte das Gefühl sie würde glühen und die Musik kam mir unendlich laut vor, sie umhüllte mich und ich hatte Mühe klar zu denken. Ohne wirklich zu wissen wie ich dorthin gelangt war, stand ich plötzlich in einem Zimmer, das bis oben hin vollgestopft war mit alten Zeitungen. Ich vergaß für einen Augenblick meine Panik und betrachtete erstaunt die hohen Zeitungsstapel. Rasch überflog ich die Schlagzeilen der Zeitungen die obenauf lagen. Als ich erkannte, worum es sich bei den Artikeln handelte, kroch die Angst wieder meinen Rücken hinauf. „Weihnachtstragödie: Fünfköpfige Familie bei Autounfall tödlich verunglückt“, „Schreckliche Weihnachten für eine fünfköpfige Familie aus Kretzach, einzige Überlebende ist die 13- jährige Tochter der Familie“; „Familienbesuch an Heilig Abend endete mit einer Tragödie“. Wie von Sinnen las ich Zeitungsbericht um Zeitungsbericht und riss dabei die einzelnen Seiten heraus, verteilte Artikel um Artikel im Zimmer, immer wieder ging es um dasselbe schreckliche Ereignis. Einige davon schienen noch relativ neu zu sein, in ihnen ging es um das heutige Leben der damals 13-jährigen Tochter, die den Unfall als einzige überlebt hatte. Sie schien sich nie wieder davon erholt zu haben. Klara, murmelte ich, aber Klara war doch mein Name! Wie konnte es sein, dass dieses Mädchen genauso hieß wie ich? Die Fotos der Familie hatte ich nur flüchtig überflogen, doch sie bestätigten mir, was ich insgeheim bereits wusste. Schmerzhaft und mit voller Wucht prasselten die Erinnerungen auf mich ein. Ich sah mich, mit vollem Bauch und glücklich, mit meiner Familie im Auto sitzen, meine Mutter, wie sie fröhlich Weihnachtslieder summte und meinen Vater, der meinen kleinen Bruder anlächelte. Dann den erschrockenen Blick meines Vaters, meine Mutter die schrie, der große Lastwagen, und plötzlich nur mehr Schwärze. Langsam, wie in Trance, stolperte ich aus dem Raum und steuerte auf das Fenster zu, dass sich am Ende des Ganges befand. Das Fensterglas war schon seit Jahren zur Hälfte herausgebrochen, weshalb ich problemlos hindurchkriechen konnte. Mit einer Hand hielt ich mich am Fensterbrett fest, mit der anderen holte ich weit aus, und schleuderte die Spieluhr in den Fluss, der hinter unserem Haus entlanglief. Sie schlug am Wasser auf und wurde sofort von der Strömung mitgerissen. Ich sah zu, wie sie langsam den Fluss hinabtrieb und immer kleiner wurde, bis sie ganz aus meinem Sichtfeld verschwand.

Oh Aristoteles! - oder verbal-performative Flatulenz

Rebekka Sturmbauer, 21, Buchkirchen

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Oh Aristoteles! - oder verbal-performative Flatulenz (Verarbeitung von Aristoteles‘ Werk „Die Poetik“) Das Versmaß schenkt dem Text Bewegung und zieht die Form nun in Erwägung; die Dichtkunst steht im Vordergrund und tut gewichtig sich nun kund. Verbalästhetik sei genannt, sie kunstgemäß ward´ anerkannt. Die rhythmisch – jambische Struktur verleiht Gesagtem aktive Natur. Und wohl bemerkt da schleicht sich ein, ein „Fehler“ muss im Versmaß sein. Doch was muss schon ein Fehler sein, denn ist die Sprache wirklich „rein“? Durch Klarheit sollte sie sich brüsten, und doch Gewohntes überlisten, Balance sollt` sie wohlauf erlangen, zwischen metaphorisch-glossenhaften Belangen - weder Barbarismus noch Rätsel verfallen, sondern Angemessenheit im Gerangel. „Die vollkommen sprachliche Form ist klar und zugleich nicht banal.“ Wie wunderbar hier brav jambiert, zumindest im zweiten Vers arrangiert. Was ist Vollkommenheit der Form? Wer legt denn letztlich fest die Norm? Wir Menschen sind es doch sehr wohl, doch ist dieser Begriff nicht hohl? Vielleicht zwar nicht im Objektiven, doch wer könnte dies überprüfen? Ein jeder ist doch ein Einzelsubjekt, Vollkommenheit wär ein Riesenprojekt. Vielleicht ist dies die Illusion, vielleicht ist dies ein Ideal, vielleicht ist dies der Regelfall. Das Epos sei ein Lebewesen, so spricht der Herr wie er gewesen, in Einheit und Ganzheit ein Werke erscheine, mit Anfang und Mitte und Ende verbleibe, in sich geschlossen wird es genossen. Der vierheb´ge Jambus, der sei eine Qual, führt als Tetrameter zum Tanz allemal. Bemerke beim Sprechen den „Fehler“ sogleich, Den Takt wechselnd fand ich zum Daktylus weich. Aus meiner Sicht allemal tänzelnd bewegt, verspielt und gar lieblich verbal nun erregt. Die Süße der Worte zerfließet im Ohr, leicht säuselnd der Klang des frenetischen Chors. So zeige man mir, wie die Wirkung nun sei - die Worte gesprochen, belebend, ganz frei. Was würd sich ergeben, wer würd sich ergeben, wär glaubwürdig ich oder doch nur das Wort? - wär glaubwürdig Sprecher oder auch das Gesproch´ne? - wär „wahr“ nun das Maß oder doch wohl der Reim? Was verleiht Wirkung, was verleiht Wahrheit? Was überzeugt dich und was gibt dir Klarheit? Bist du gefangen im Netz der Überzeugten oder hast du das Netz noch gar nicht eräuget? Was ahmest du nach mit den Worten der Welt? - Wie sie sind oder waren, wie man sagte, sie seien? - Wie sie scheinen zu sein oder gar sollten sein? - Und wie würd man erkennen, was die Wahrheit nun sei? Und würd ich erkennen die Überzeugung aus Blei, die umschlösse um mein Denken, wär ich dann auch noch frei? Stellt ein Dichter UNmögliches dar, irrt sich in dem, was gar möglich war - und ahmt es, „das Falsche“, nun „richtig“ nach, so sei dies niemals zu dessen Schmach. Denn mag´s auch sein ein fachlich‘ Fehler, die Kunst an sich wird nicht geschmälert. Jedoch – imaginiert man zwar „recht“, die Dichtkunst aber ist nun schlecht, so wird´s ein arger Fehler sein, und groß die kunstgemäße Pein. Doch woher weiß der Hörer nun, was Denkende nun in sich tun? Was ist nun wahr, wie blick ich rein ins große Rädchen im Hirne fein? Sollt er mich überzeugen mögen, dann ist´s wohl längst um mich geschehen. Er fängt mich ein, mit Künstlerlist, da hilft auch keine Schonungsfrist. Mit Mitteln des Stils und vollkomm´ner Form - so werd‘ ich zum Opfer der aktiven Norm. Gebannt werd‘ ich hängen an den Lippen, bekennend, die Wahrheit sie liegt – von allen Seiten gerügt, durch den Dreck gezogen und aufs Höchste enthoben – wohl doch nur im Innern, die Ahnungslosigkeit nicht mindernd. Poetik – sie lebt, durch Rhetorik getragen, an deren Lebendigkeit freudvoll sich labend. Poetik – sie lebt von Überzeugung, vielleicht auch durch Leugnung, die Leugnung der Wahrheit. - °ansunsten wuats fad, Leit!° ;D Poetik – sie lebt auch vom Glauben, dem Glauben an die Glaubhaftigkeit, dem Glauben an die Glaubwürdigkeit. Wer kann das Blatt wenden, die Scharen begeistern, die Hirne zukleistern und schier alles meistern? Es hängt ab vom Menschen und nicht irgendeinem - er muss die Worte geschickt nur verleimen, dann kann die Wahrheit ohn‘ Unterlass keimen, dann werden die Scharen ohn‘ Unterlass weinen. Denn der Redner muss wirken sein Charakter erstrahlen, die Hörer verstrahlen, mit Argumenten erschlagen. Und Zäsur mit Bravour - Das Maß kann nur wirken in Rage. So schwelge dahin in Gefühlen und dir, sie werden verzehren sich schier vor Gier. Deine Worte werden kaum noch sein am Verklingen, schon werden sie dich und dein Wirken besingen. So spräche fürs Erste der Meister, der Sch***** (man stelle sich ein laut tönendes BEEEP vor)- man zöge von dannen wohl gleich heiter weiter!? Doch was ist nun mit „der“ Vollkommenheit? Was ist die Form – was ist die Norm? Sind diese klein-feinen Reime hier, bloße dichterische Zier. Und doch ist dies nicht kunstgemäß – ich weiß, so sei man mir nicht bös‘. Es ist ein Stück weit Ironie, mit einer Prise Philosophie? Doch was soll all dies peotisch` Gedudel, wenn ich beim Autofahren (!) fremdgesteuert google: Der Satz einer Nah-Ost-Korrespondentin, die in Syrien, Bagdad and so on nach Infos giert, die anscheinend Krieg, Flucht, Krieg nicht verwirrt, - das täglich Brot: der neue Tod - - die Hoffnung der Leute: der Anker des Heute - und doch nachts schweißgebadet über ihre Aussage sinniert: „Ich halte eure Hoffnung nicht mehr aus!“ STOP. Halt mal deine Welt an. Denk das mal durch! ...

Wartegedanken

Maria Marchgraber, 19, St.Ulrich

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Die Giraffe, die morgens immer am Kiosk Zigaretten kauft, die war gestern nicht da. Niemand hat sie gesucht, es ist wohl niemandem aufgefallen. Doch ich habe sie vermisst, weil ich morgens immer auf der Bank bei der Bushaltestelle gegenüber sitze. Ich wollte sie suchen, wusste aber nicht wo ich anfangen sollte. Ich wollte eine Vermisstenanzeige aufgeben, doch dann fiel mir ein, dass wir uns dazu wohl nicht nah genug standen. Der Tag verging nicht langsamer als sonst und auch nicht schneller, der Herzschlag meiner Armbanduhr blieb gleich. Unberührt vom Fehlen der Giraffe. Ob mein Herz wohl anders schlug? Es schlug während ich Akten sortierte, Telefongespräche führte und den Kaffeeautomaten verfluchte, der mein Geld zwar behielt, aber an Tauschgeschäften anscheinend kein Interesse hatte. Auch während ich zum Bäcker ging ließ es mich nicht im Stich, schlug stetig, so wie ich einen Fuß vor den anderen setzte, und auch wenn ich stillstand. Die Sitzung am Nachmittag ließ ich ausfallen, Kopfschmerzen, vollstes Verständnis meiner Kolleginnen und Kollegen, gut, dass die Chefin in der Karibik war. Ich machte früher Schluss, ließ den gelben Ordner offen auf meinem Schreibtisch liegen. Es würde sich niemand dafür interessieren. Ich saß beim Italiener bis viertel nach sechs, das Glas Rotwein nur bestellt um dem Flair gerecht zu werden. Rotwein hatte ich noch nie gemocht. Ob Giraffen wohl Rotwein mögen? Ich ging nach Hause und früh zu Bett, hatte überlegt ob ich Gabriele anrufen sollte, und bemerkt, dass ich ja doch nicht wusste was ich sagen sollte. Die grünen Ziffern des Weckers leuchteten dumpf, aber deutlich zu sehen in der Dunkelheit. Kein Ticken zu hören, kein Schlagen eines mechanischen Herzens, tonlos verwandelte sich eine Zahlin die Andere. Am nächsten Morgen saß ich auf der Bank bei der Bushaltestelle. Ich wartete. Als der Bus schließließ hielt, sah ich auf und erblickte am Kiosk gegenüber eine Giraffe, unsere Blicke trafen sich und sie nickte mir zu. Ich stieg in den Bus und fuhr zur Arbeit.

 

Sprichcodehäppchen

 

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