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Gretchentage

Katharina Forstner, 16, Linz

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Bruno der Tanzbär hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, nach der Pfeife der anderen zu tanzen. Er war aus seiner Mutter getanzt, als der Arzt die Wehen einleitete, er war als junger Mann beim Militär angetanzt, er war bei Ilse angetanzt, als die Majorstochter mit ihm aus dem Stützpunkt durchbrannte, er war in der Kirche angetanzt, als die Glocken zur Hochzeit läuteten, er war stets pünktlich im Büro angetanzt, wenn die Uhr es verlangte und pünktlich zuhause angetanzt, wenn sein Sohn ihn sehen wollte, er war im Krankenhaus angetanzt, als die Ärzte bei Ilse Alzheimer diagnostiziert hatten und nun tanzte er dem ungeduldigen Läuten der Glocke nach an die Tür. Draußen stand Grete und verteilte Flyer für den Gender March. Grete passte recht gut in die Rolle der klischeehaften Aktivistin mit ihrer ausgefallenen Augenbraue (die rechte, rot gefärbt), ihrer ausgefallenen Kleidung (Goa-Hose und Army-Jacke) und der ausgefallenen Tasche (nackte Menschen jeder Hautfarbe und jedes Geschlechts, die sich an die Genitalien griffen), wäre sie nicht schon 67 Jahre alt. „Kommen Sie nächsten Freitag um 15 Uhr zum Gender March, um endlich Gleichberechtigung für Männer und Frauen zu schaffen!“ Sie drückte Bruno den Flyer in die Hand, der in allen Farben leuchtete, als hätte man ihn zu lange in einen Regenbogen gehalten, und schlug die Tür zu. Auf eine Antwort brauchte sie nicht zu warten, hatte sie doch das Gehör eines Regenwurmes und nur ein kaputtes Hörgerät. Weil Bruno ein Tanzbär war kam er natürlich zum Gender March (auch wenn er nicht wusste, was „Gender“ eigentlich bedeutete). Die Veranstaltung war so bunt wie der Flyer es versprochen hatte. Da waren Männer als Frauen verkleidet und Frauen mit kurzgeschorenen Haaren und Menschen, die er weder als Mann noch als Frau erkennen konnte. Sie alle riefen: „Man, woman? I don’t care- Equality for him and her!” „Man, woman? I don’t care- Equality for him and her!”, rief auch Grete, die mit ihrem Megafon in der ersten Reihe mitmarschierte. Zugegeben, die Parole reimte sich nicht ganz glatt, aber die Botschaft stimmte. Doch weil Grete nicht nur das Gehör eines Regenwurmes, sondern auch dessen Ausdauer hatte und ihre Lunge gleichzeitiges Marschieren und Parolen Grölen ein Marathon gleichsetzte musste sie sich knurrend zurückfallen lassen. Was ein riesiges Glück war, denn sonst hätte sie Bruno nicht bemerkt. (Sie hatte nicht erwartet, dass jemand wie er überhaupt wusste, was Gender Equality bedeutete, geschweige denn sich dafür einsetzen würde. Sie konnte nicht wissen, dass Bruno nur ein Tanzbär war.) Nur deshalb sah sie, wie Bruno seine Alte-Männer-Stoffkappe verlor, als er mit einer Drag Queen zusammenstieß. Nur deshalb konnte sie sich durch den reißenden Menschenstrom kämpfen und die Kappe an sich nehmen. Nur deshalb klingelte sie am darauffolgenden Montag mit dem reparierten Hörgerät in den Ohren an seiner Tür, um die Kappe wieder zurückzugeben. Das Mädchen, dass die Tür öffnete, konnte nicht älter als 18 sein. So einer war er also. Auch wenn Grete nicht viel über Bruno wusste (nicht einmal, dass Bruno Bruno hieß), mit dem hatte sie nicht gerechnet. Machte einen auf Feminist und Gleichtberechtigungsbefürworter, aber erkaufte sich Sex mit jungen Mädchen. Drecksschwein. „Opa, da hat jemand deine Kappe gefunden!“, rief das Mädchen. Seine Enkelin. Natürlich. Wie hätte es auch anders sein können. Sonst würde sie keine dunkelblaue Arbeitshose tragen, zudem war sie keine Schönheit, eher Durchschnitt, mit markanten Augenbrauen, so sah keine Liebhaberin aus. Bruno der Tanzbär tanzte Fionas Stimme nach zur Tür. Draußen stand die Frau, die die Gender March Flyer verteilt hatte, diesmal verteilte sie seine geliebte Kamelhaar-Kappe. „Die haben Sie am Freitag verloren“, verkündete sie und überreichte sie ihm. „Vielen Dank! Ich dachte schon, ich hätte sie verlegt. Frau…“ „Einfach Grete.“ „Bruno, sehr erfreut. Das ist meine Enkelin Fiona. Grete, darf ich ein Tässchen Kaffee anbieten?“ „Es gibt wahrscheinlich keinen fair gehandelten koffeinfreien Kaffee und Bio-Sojamilch? Dann nehme ich ein Glas Wasser.“ Grete folgte Fiona und Bruno durch den Flur. An der tanzbärenbraunen Wand hingen Fotografien von Bruno und seiner Frau, Bruno und seinem Sohn, Bruno und Fiona. Grete fragte sich, wie es wohl war, einen Flur mit glücklichen Familienbildern zu haben statt einem Kopf voller ungebundener Erinnerungen. Im Wohnzimmer saß ein Gespenst. Das Gespenst trug ein kilometerlanges Nachthemd und das verblasste Haar hing ihm traurig vom Kopf. Ohne Brunos Vorstellung hätte sie Ilse, aus den Fotos ein stolzes Drahtpüppchen, nicht wiedererkannt. Während Fiona am Esstisch die Reste einer Tiefkühlpizza verschlang und Bruno in der Küche verschwand, betrachtete Grete das Gespenst mit Demenz, welches sie umgekehrt gar nicht wahrnahm. Sabbernd murmelte es vor sich hin. „Warum steckst du sie nicht einfach ins Heim?“, fragte Grete, als sie mit Bruno in einem dieser langweiligen Senioren-Cafés, in dem es natürlich keinen koffeinfreien Kaffee mit Sojamilch gab, saß und seine Hand hielt. „Würdest du gerne in einem Seniorenheim leben?“, fragte Bruno zurück. „Ich wäre lieber tot als dement.“ „Du weißt doch gar nicht wie tot sein ist“, warf Bruno ein, der sich mit diesem Gedanken nächtelang wachhielt. „Doch! Ich war schon mal tot. Dann haben sie mich zurückgeholt. Tot sein bedeutet Nonexistenz und Nonexistenz ist besser als so eine Existenz.“ „Ich finde die Vorstellung, nicht zu existieren, gruselig“, schauderte Bruno. „Aber ist es nicht genauso gruselig, für immer zu existieren? Außerdem, vor deiner Geburt warst du auch nichts, hat das etwa wehgetan?“ Grete hob die rote Augenbraue. Bruno überlegte und musste verneinen. Für solche Worte könnte er Grete küssen. Er stellte sich vor, wie ein Kuss nach so langer Zeit wohl wäre. Da musste er an Ilse denken die mit der rumänischen Pflegerin zuhause saß und auf ihn, den sie als einziges noch erkannte, wartete und die er nach 69 Jahren unglücklicher Ehe nicht an ihrem Lebensabend verlassen konnte. Er war doch ein Tanzbär! Aber das wusste Grete nicht. Sie sah nur seinen Wunschgedanken, der auch ihr Wunschgedanke war. Das Gretchen in Grete erwachte. Sie beugte sich zu Bruno. Aber Bruno küsste sie nicht. Grete stand auf. Bruno der Tanzbär saß da und konnte nicht entscheiden, nach welcher Pfeife er tanzen sollte. „Legenden sterben nicht im Bett“ stand auf der regenbogenbunten Urnensäule. Grete hatte in die Nonexistenz gewechselt, als sie bei der Demonstration gegen das „Treffen der Heimatschützer“ eine Trillerpfeife verschluckt hatte und daran erstickt war. Bruno der legte einen Strauß Margareten vor Gretes Regenbogensäule. Fiona schüttelte den Kopf und fluchte: „Scheiß Pfeife. Ihr wart so ein süßes Pärchen.“

Wartegedanken

Maria Marchgraber, 19, St.Ulrich

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Die Giraffe, die morgens immer am Kiosk Zigaretten kauft, die war gestern nicht da. Niemand hat sie gesucht, es ist wohl niemandem aufgefallen. Doch ich habe sie vermisst, weil ich morgens immer auf der Bank bei der Bushaltestelle gegenüber sitze. Ich wollte sie suchen, wusste aber nicht wo ich anfangen sollte. Ich wollte eine Vermisstenanzeige aufgeben, doch dann fiel mir ein, dass wir uns dazu wohl nicht nah genug standen. Der Tag verging nicht langsamer als sonst und auch nicht schneller, der Herzschlag meiner Armbanduhr blieb gleich. Unberührt vom Fehlen der Giraffe. Ob mein Herz wohl anders schlug? Es schlug während ich Akten sortierte, Telefongespräche führte und den Kaffeeautomaten verfluchte, der mein Geld zwar behielt, aber an Tauschgeschäften anscheinend kein Interesse hatte. Auch während ich zum Bäcker ging ließ es mich nicht im Stich, schlug stetig, so wie ich einen Fuß vor den anderen setzte, und auch wenn ich stillstand. Die Sitzung am Nachmittag ließ ich ausfallen, Kopfschmerzen, vollstes Verständnis meiner Kolleginnen und Kollegen, gut, dass die Chefin in der Karibik war. Ich machte früher Schluss, ließ den gelben Ordner offen auf meinem Schreibtisch liegen. Es würde sich niemand dafür interessieren. Ich saß beim Italiener bis viertel nach sechs, das Glas Rotwein nur bestellt um dem Flair gerecht zu werden. Rotwein hatte ich noch nie gemocht. Ob Giraffen wohl Rotwein mögen? Ich ging nach Hause und früh zu Bett, hatte überlegt ob ich Gabriele anrufen sollte, und bemerkt, dass ich ja doch nicht wusste was ich sagen sollte. Die grünen Ziffern des Weckers leuchteten dumpf, aber deutlich zu sehen in der Dunkelheit. Kein Ticken zu hören, kein Schlagen eines mechanischen Herzens, tonlos verwandelte sich eine Zahlin die Andere. Am nächsten Morgen saß ich auf der Bank bei der Bushaltestelle. Ich wartete. Als der Bus schließließ hielt, sah ich auf und erblickte am Kiosk gegenüber eine Giraffe, unsere Blicke trafen sich und sie nickte mir zu. Ich stieg in den Bus und fuhr zur Arbeit.

 

Sprichcodehäppchen

 

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